Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ermittler lösen Häuser-Pingpong-Puzzle
Marburg Ermittler lösen Häuser-Pingpong-Puzzle
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:58 04.11.2019
Die Marktgasse 18 in der Marburger Oberstadt könnte eines der Häuser sein, das Teil des im Frühjahr bekannt gewordenen, bundesweiten Immobilien-Flipping-Skandals ist. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Peter Kohnert hat es satt. Das Warten. Das Vertröstet-Werden. Das Hin- und Hergereicht-Werden. Der Wirtschaftswissenschaftler, der für seine studierende Tochter eine Wohnung in der Marktgasse 18 mietete, ist auf 1.300 Euro sitzengeblieben.

Es ist die Mietkaution, die nach der Apartmentkündigung vor rund einem halben Jahr vom Vermieter hätte zurückgezahlt werden sollen. Hätte und sollen – zwei Worte, die zeigen, dass das nicht passiert ist. „Das sind dubiose Methoden, ein unglaublich dreistes Vorgehen der Vermietergesellschaft“, sagt er im OP-Gespräch.

Dubioses Firmengeflecht

Und Kohnerts Fall ist dabei offenbar nur einer von Dutzenden in der Universitätsstadt. Der Vater von vier Töchtern – der für die Oberstadtwohnung rund 500 Euro pro Monat an Miete zahlte – ist nach OP-Informationen eines der Opfer des mittelhessischen Immobilien-Flipping-Skandals aus dem Frühjahr geworden.

Er werde seit Monaten von Tochtergesellschaft zu Tochtergesellschaft, von Ansprechpartner zu Ansprechpartner geschickt – obwohl sein Vertragsverhältnis, sein Vertragspartner und damit die Verantwortung klar ist. Unterzeichnerin der Verträge ist eine Frau, die in dem dubiosen Firmengeflecht mitunter als Prokuristin, gar Geschäftsführerin tätig war und mit dem mutmaßlichen Haupttäter und einem zweiten Verdächtigen beziehungsweise deren Unternehmen direkt verbunden ist (die OP berichtete).

Hauptverdächtiger sitzt
 weiter in U-Haft

Wie die Staatsanwaltschaft nun auf OP-Anfrage mitteilt, sitzt der 35-jährige Hauptverdächtige weiter in Untersuchungshaft. Seit Mitte August ist dieser laut Handelsregisterauszug auch nicht mehr Vorstand seiner als GmbH eingetragenen Firma.

Anklage wird laut Staatsanwalt Oliver Rust aber auch gegen einen Marburger Notar – der für die schwierige Abwicklung der krummen Geschäfte zentral gewesen sein soll – und einen weiteren 40-jährigen Geschäftsmann aus der Stadt sowie weitere Betrugsbeteiligte aus dem Rhein-Main-Gebiet erhoben.

Die Vorwürfe im Einzelnen: Dem Haupttäter, nach OP-Informationen ein Cappeler Immobilieninvestor, wird Untreue in mehr als 200 Fällen – konkret etwa das Einbehalten von Mietkautionen sowie Gründungsschwindel und weitere Delikte – vorgeworfen.

Dem Notar werden 54-fache Bestechlichkeit, dem Geschäftsmann 48-fache Bestechung zur Last gelegt. Der zweite mutmaßliche Haupttäter, ein 29-Jähriger, der nach OP-Informationen aus Lohra stammt, ist hingegen nach einigen Wochen in U-Haft wieder aus dieser entlassen worden.

Die Strafverfolgungsbehörden gehen von einer bis zu 14-köpfigen Betrügerbande aus, die von Mittelhessen aus operierte und bis in das Rhein-Main-Gebiet und Rheinland-Pfalz verstrickt ist. Zum Prozess kommt es vermutlich Anfang des Jahres 2020.

Kohnert: Ich habe den Leuten vertraut

Aber für Kohnert und andere Betroffene gibt es Hoffnung: Der Marburger Staatsanwaltschaft ist es gelungen, das auf den Geschäftskonten versteckte Geld zu sichern, von einer Nachfolgefirma auf getrennte Konten buchen zu lassen. Heißt: Die Geschädigten werden die Mietkaution wohl zurückbekommen.

„Ein mulmiges Gefühl hatte ich ja schon kurz vor dem Einzug, da war es ja fast noch mehr Baustelle als Wohnung. Aber ich habe den nett wirkenden Ansprechpartnern vertraut – denselben, die mich jetzt auf viel Geld sitzen lassen. Das ist mehr als nur ärgerlich“, sagt Kohnert.

von Björn Wisker

Hintergrund

Im Frühjahr flogen die Geschäfte zweier Immobilieninvestoren auf, die Häuser hin- und herverkauft haben sollen – mit dem Ziel, den Verkaufspreis für die Gebäude nach oben zu treiben, um sich dadurch günstige Kredite zu sichern. So hätten die tatverdächtigen Firmeninhaber laut Staatsanwaltschaft Objekte innerhalb weniger Monate untereinander verkauft und dabei die Kaufpreise der Immobilien um bis zu 400 Prozent künstlich in die Höhe getrieben.

Dies diente dazu, tatsächlich nicht erzielbare Marktpreise für die Immobilien vorzutäuschen, um an immer höhere Kredite zu gelangen. Den Banken soll ein Schaden in Millionenhöhe entstanden sein. Die Ermittlungen ausgelöst hat die Stadtverwaltung – Mitarbeitern fielen beim Routinecheck gewisser Grundstückskäufe die immer selben Kaufvertragspartner auf.

Die Methode nennt sich „Immobilien-Flipping“ und soll Investoren in der Regel ausschließlich schnelles Geld bringen. Die auch als „Fix and Flip“ bezeichnete Strategie zählt laut Immobilienverband IVD zu den „absoluten Profi-Methoden im Immobilien-Invest-Bereich“. Doch das Vorgehen, das einer der Auslöser für die US-Immobilienkrise ab dem Jahr 2007 war, ist wegen der in Deutschland anfallenden Nebenkosten wie Grunderwerbssteuer und Notargebühren eher selten.