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Marburg Hauptangeklagter handelt Deal für sich aus
Marburg Hauptangeklagter handelt Deal für sich aus
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21:59 13.12.2019
Ein Blick in die Marburger Oberstadt: Nicht nur dort wurden zahlreiche Häuser im Immobilien-Flipping-Skandal hin- und herverkauft, um deren Wert künstlich zu steigern. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Gewerbsmäßige Untreue in mehr als 200 Fällen, Steuerhinterziehung, Gründungsschwindel, illegale Beschäftigung und Fahren ohne Führerschein – für diese Taten muss sich ein 35 Jahre alter Geschäftsmann vor dem Marburger Landgericht verantworten.

Am vierten Prozesstag, 13. Dezember, baten seine Verteidiger um ein Rechtsgespräch mit Gericht und Staatsanwaltschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und handelten einen Deal für den Mann aus Cappel aus.

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Demnach räumt der 35-Jährige einen Großteil der Anklagen gegen sich ein und erhält so eine Freiheitsstrafe, deren Strafmaß sich zwischen zwei Jahren und acht Monaten bis zu drei Jahren und vier Monaten bewegt.

Zwei Zeugen belasten 35-Jährigen

Dr. Christian­ Rosinus und Michelle Wiesner-Lameth als zwei seiner Anwälte kündigten für den folgenden Verhandlungstag am Dienstag, 17. Dezember, darüber hinaus eine Einlassung zum Vorwurf des – von ihren Mandanten nicht gestandenen – Kreditbetrugs an.

Vor dem Rechtsgespräch hatten zwei Zeugen – ein Mitarbeiter der deutschen Rentenversicherung und eine Steuerfahnderin – den 35-jährigen Geschäftsmann hinsichtlich der Beschäftigungsverhältnisse in seiner Firmengruppe belastet. Er habe zu niedrige Beiträge zur Krankenkasse bezahlt, zudem seien mehrere Mitarbeiter teilweise nicht ordnungsgemäß zur Sozialversicherung angemeldet gewesen. Und der Angeklagte habe auch die Lohnsteuer verkürzt, so die Zeugen.

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Im Fokus der Aussagen stand auch erneut der angeklagte Notar, dem Bestechlichkeit in mehr als 50 Fällen vorgeworfen wird, weil er laut Anklage einem 40 Jahre alten Immobilienmakler ebenso, wie einem gesondert verfolgten Geschäftsmann Rabatte auf die Beurkundung ­deren Immobiliengeschäfte gewährt habe.

Eine Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, die ehemals im Notariat gearbeitet hatte, sagte: „Es lief immer so ab, wie bei allen anderen Mandanten auch.“ Die 23-Jährige sagte, sie habe an die beiden Mitangeklagten Rechnungen erstellt. Dies habe im Vier-­Augen-Prinzip funktioniert – die Rechnungen seien von einer weiteren Kollegin abgesegnet worden, um alle Gebühren zu berücksichtigen.

Angestellte war genervt vom Mahnung schreiben

„Mir ist nichts Besonderes aufgefallen“, so die junge Frau. Sie könne sich auf Nachfrage des Gerichts auch nicht erinnern, dass Kaufverträge unter den Tisch gefallen seien. Eine Kollegin sei vielmehr immer wieder wütend gewesen, weil der angeklagte Immobilienmakler oft zu wenig gezahlt hätte – somit habe sie stets Mahnungen verschicken müssen.

Die Zeugin betonte mehrfach, dass ihr von einer Rabattabrede „in keinster Form“ etwas bekannt sei: „Es war immer so, dass der Notar schon dahinter war, die offenen Beträge einzuholen.“

Notar gesteht Fehler bei Weitergabe von Verträgen

Die Prozessbeteiligten fragten mehrfach, ob die Zeugin im Vorfeld ihrer Aussage mit den früheren Kollegen über den Fall gesprochen habe – sie verneinte. Sascha Marks, Verteidiger des Maklers, beantragte daher eine Vereidigung aufgrund „wortlaut­identischer Passagen­ und aller psychologischen Warnsignale in der Aussage“. Das Gericht entließ die Zeugin nach vielfachem Nachhaken dennoch ­unvereidigt.

Eine weitere Mitarbeiterin der Kanzlei betonte: „Ich habe nichts davon mitbekommen, dass Gebührenrabatte gewährt worden wären.“ Der Notar selbst räumte am Freitag jedoch ein, er habe Abschriften von Kaufverträgen längere Zeit in der Kanzlei liegen lassen, anstatt sie innerhalb der vorgeschriebenen Zwei-Wochen-Frist an das Finanzamt zu senden: „Ich habe einen Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser“, sagte er.

Fortsetzung am 17. Dezember

Dazu sagte der nun geständige 35-Jährige, dass er den Notar „aufgrund des Wachstums meines Unternehmens“ öfter gebeten habe, später zahlen zu können. Mahnungen habe er auch in Form von Telefongesprächen vom Notar bekommen.

Als sich ein Schuldbetrag von 150.000 Euro angehäuft habe, habe der Notar dennoch teilweise weitere Beurkundungen für den Geschäftsmann vorgenommen. Warum? „Zur damaligen Zeit waren die Aussichten für mein Unternehmen deutlich besser. Ich war davon überzeugt, dass ich das Geld zusammenkriege. So bin ich dann auch aufgetreten.“

Von einem gesondert Angeklagten habe er weiter gewusst, dass man mit dem Notar verhandeln könne. Auch habe der 35-Jährige gewusst, dass der Immobilienmakler die Rechnungen beim Notar nur zu 90 Prozent begleichen würde.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag, 17. Dezember, ab 
9 Uhr vor dem Landgericht fortgesetzt.

von Beatrix Achinger

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