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Marburg Mieter bangen um Bleibe
Marburg Mieter bangen um Bleibe
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12:12 05.12.2019
Geplatztes Investment in Innenstadtlagen: Von den Immobilien-Flipping-Folgen betroffene Häuser stehen auch in Marburg.  Quelle: Fotos: Björn Wisker / Collage: Thorsten Richter
Marburg

36. Das ist die eine­ Zahl. 119 ist die andere Zahl. Die erste, das sind die Mieter, ist die Summe der Bewohner des Hauses Marktgasse 18 in der Oberstadt. Die zweite Zahl ist die Summe der Wohn- und Geschäftsräume, die Teil des Immobilien-Flipping-Skandals in Marburg sein sollen. Es sind Gebäude, in denen nicht nur 36, sondern Dutzende weitere Mieter – Rentner, Familien, Studenten, Geschäftsleute – wohnen und arbeiten. Es sind Marburger, die nun in Massen Probleme haben.

Denn schon kurz vor der vor wenigen Tagen angemeldeten Insolvenz der Deutschen Mikroapartment AG (Dema) – ehemals unter „Sciolla ­Investment“ aus Cappel firmierend – schickte die Firma Briefe an viele Haushalte, dass die Mieter ab sofort selbst Verträge mit Strom-, Gas- und Wasseranbietern abschließen sollen.

Etwas, das so nicht in den Mietverträgen steht, die der OP etwa für das Marktgassen-Haus vorliegen. Auch Hausmeister-Dienste­, kleinere und größere Reparaturen gibt es in vereinzelten Objekten wohl nicht mehr. Wie aus weiteren Schreiben hervorgeht, ist den Mietern seitens der 
Dema auch aufgetragen worden, für die Stromversorgung der Allgemeinbereiche – also ­etwa Treppenhaus, Keller und die dortige Beleuchtung – eigenständig Verträge mit Anbietern zu schließen.

Mieterverein warnt vor
 neuen Versorger-Verträgen

„Das ist absolut unüblich, verstößt gegen vertraglich klar geregelte Pflichten des Vermieters und bedeutet für die Mieter ein hohes Risiko, wenn sie den Anweisungen folgen“, sagt Gunther Specht, Rechtsanwalt und Berater beim Marburger Mieterverein. In den vergangenen Tagen hätten viele Betroffene sich wegen genau diesem Vorgehen an ihn gewandt – beim Mieterverein gehe man von mehr als 100 betroffenen Mietern alleine in Marburg aus. „In so einem Ausmaß hat es das noch nicht gegeben“, sagt Specht.

„Auf einmal hat uns eine Lawine an Problemen erfasst, das ist unschön und bedeutet viel Stress – wir wissen ja nicht, was noch alles passieren kann“, sagt ein 35-Jähriger, der seit mehreren Jahren in einem der Dema-Häuser in der Oberstadt lebt. Die Energie- und Wasserversorgung für alle sicherzustellen sei zwar das Hauptanliegen.

Aber sollten nun die Mieter die Anschlüsse einzeln anmelden, könnte das im Nachhinein gerade angesichts der Insolvenzverfahren zu finanziellen und juristischen Problemen führen, fürchten die Bewohner. Stimmt, sagt Anwalt Gunther Specht. „Wenn jemand auf seinen Namen einen Vertrag mit einem Versorgungsunternehmen abschließt, wird er zu dessen direktem Vertragspartner und somit Schuldner.“

Heißt: Es muss vom Vertragspartner 
eine monatliche Vorauszahlung – in einer betroffenen Immobilien in der Neuen Kasseler Straße sollen es nach OP-Informationen 800 Euro sein – geleistet werden, das Geld müsste er sich bei den anderen Mietern holen. Gerade in Wohngemeinschaften – die häufigste Wohnform der in den vom Flipping-Fall betroffenen Immobilien – gibt es aber nur einen Zähler für die ganze Wohnung, nicht für jedes einzeln vermietete Zimmer. „Jeder, der in Vorleistung tritt, kann auf hohen Kosten sitzenbleiben“, sagt Specht.

Die Sorge hat auch Cantürk Evcil, Betreiber des Elektronik-Geschäfts Unikom in der Wettergasse. Wie auch die über dem Laden wohnende WG wurde er zum individuellen Vertragsabschluss aufgefordert. „Die Heizperiode hat begonnen, wir brauchen Gas- und Wasserversorgung im Haus. Auf eine Abschaltung will ich es nicht ankommen lassen“, sagt er im OP-Gespräch. Allerdings will er die übliche jährliche Vorauszahlung ebenso vermeiden wie die nötige Abrechnung mit anderen Hausbewohnern – zumal es im Haus nur einen Zähler gibt.

Die Kommunalpolitik, etwa der Ortsbeirat Oberstadt, wird nun von Mietern eingeschaltet. Die Mieter hoffen, dass so ein Vorgehen gefunden wird, das ihnen ­garantiert, dass Strom, Gas und Wasser trotz Nicht-Zahlung nicht abgeschaltet wird. Nach OP-Informationen sind den Stadtwerken, Versorger der meisten betroffenen Immobilien, die Probleme bekannt, man arbeitet an Abrechnungs-Alternativen.

Das Gebäude in der Marktgasse, so ein Bewohner zur OP, sei in der Vergangenheit bereits mehrfach verkauft worden, zuletzt im Jahr 2018 von einem Immobilien-Investor aus der Marbach an die Cappeler Firma. Dabei soll auch der zweite im Flipping-Fall Verdächtige, ein 29-Jähriger aus Lohra, mitgemischt haben.

Die Deutsche Mikroapartment AG hat vor zwei Wochen beim Amtsgericht Marburg einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt. Die ­Dema hatte zwei Projekte aufgelegt – „Portfolio Marburg I“ und „Portfolio Marburg II“. Und an diesen Portfolios haben sich per Crowd-Investing im Internet etwa 1 600 Anleger beteiligt – über die Plattform Exporo. Rund vier Millionen Euro kamen so für die Dema zusammen – nach den Insolvenzen der entsprechenden Projektgesellschaften müssen die Anleger nun um ihre Investitionen bangen.

Sie konnten sich mit dem Mindestbetrag von 500 Euro beteiligen – in Aussicht gestellte Rendite: Fünf bis fünfeinhalb Prozent. Alleine das „Portfolio Marburg I“ besteht aus 37 Wohn- und 9 Gewerbeeinheiten, darunter Häuser in der Barfüßerstraße, Wettergasse und am Hirschberg. Im „Portfolio Marburg II“ enthalten sind weitere 69 Wohn- und 4 Gewerbeeinheiten, darunter Häuser in der Marktgasse, Bahnhofstraße, Weidenhäuser Straße und Neuen Kasseler Straße sowie in Cölbe, dort in der Kasseler Straße und Heuberg.

Millionen-Kredite der 
Banken: So läuft Flipping

Aufgefallen ist das Betrugssystem nicht den Banken, sondern der Marburger Stadtverwaltung. Das Bauamt checkt jeden Immobilienverkauf – denn für jedes Objekt hat die Kommune prinzipiell ein Vorkaufsrecht und muss daher auch Privatkäufe erst freigeben. Die Mitarbeiter erkannten ein Muster: Bestimmte Immobilien wurden immer wieder von denselben Verkäufern und Käufern hin- und hergeschoben. Die Verwaltung schaltete dann die Staatsanwaltschaft ein (OP berichtete).

Da in Deutschland nach jedem Kauf eine Grunderwerbsteuer und Notargebühr fällig wird, ist das Geldverdienen über Immobilien-Flipping schwierig.

Eine mögliche Masche, um den gestiegenen Immobilienwert zu erreichen – und damit Geld zu verdienen: Ein Investor kauft das Haus, erhöht die Mieten – der Immobilienwert steigt entsprechend an. Ein Insider erzählt: „Dabei ist es nicht unüblich, die Miete zu erhöhen und dem Mieter einen Teil der Erhöhung bar zurückzugeben.“ Doch warum bekommt der Mieter Geld zurück? „Weil es nicht darauf ankommt, über lange Zeit Mieteinnahmen zu erzielen – sondern schnell den Wert des Hauses künstlich hochzutreiben.“

Denn das resultiere in höheren und günstigeren Krediten der Bank – bis bei der letzten Bank in der Kette auch die Kredite platzen können. Denkbar sei auch, Geldwäsche mit dem Miet­rückzahlungs-System zu betreiben – etwa dann, wenn die Zahlungen als Renovierungskosten deklariert würden.
Projektpartner der Immobilenspekulanten ist offenbar ein Frankfurter Kreditinstitut, die Raisin Bank, einst MHB.

Und ohne das Zusammenspiel zwischen Investoren, Banken beziehungsweise Bankmitarbeitern, Notaren und Gutachtern hätte die Methode nicht funktioniert, jedenfalls nicht mit Gewinnen für die einzelnen Mitglieder der Betrügerbande. So könnte etwa der im Fall angeklagte Notar an strafbaren Absprachen verdient haben, wonach er nicht die gesetzlich festgelegten zwei Prozent pro Kauf als Lohn erhält, sondern Kunden einen „Rabatt“ gewährt – wenn er dafür mit der Abwicklung aller bevorstehender Geschäfte beauftragt wird.

Kaution: Mieter können 
 auf Rückzahlung hoffen

Das Kuriose: Opfer im eigentlichen Sinn gibt es durch das Immobilien-Flipping nicht. Denn der Staatsanwaltschaft ist es ­
gelungen, die von der Marburger Firma entgegen der Bestimmungen nicht auf separate Konten gebuchten Mietkautionen sicherzustellen. Heißt: Jene, die nach einer Wohnungskündigung mitunter seit Monaten auf ihre Kaution warten, bekommen das Geld zurück.

Die Mieter sind zwar Leidtragende, stehen aber eher am Ende einer spekulationsbedingten Konkurs-Kausalkette, als dass sie gezielt betrogen worden sind. Und die 1  600 Kleinanleger nach dem Platzen der Portfolios? Je nachdem, wie das Insolvenzverfahren läuft, könnten auch sie zu Opfern werden – zu Opfern falscher Versprechungen oder zu Opfern strafrechtlich relevanter, betrügerischer Taten.

von Björn Wisker