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Marburg E-Roller meistern auch steile Strecken
Marburg E-Roller meistern auch steile Strecken
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09:00 14.07.2019
OP-Redakteur Björn Wisker (links), OP-Volontärin Ina Tannert und Elektromobilitäts-Experte Sören Heine auf E-Tretrollern. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Fußkick eins, Fußkick zwei – und schnell die Balance auf dem Holzbrett finden. Drei km/h braucht es, um das Mini-Fahrzeug in Gang zu kriegen. Mit dem Daumen sanft den kleinen Gas-Hebel nach unten drücken, halten, die Digitalanzeige im Nu bis auf 20,5 km/h schnellen lassen und dem Surren des Elektromotors zuhören, während der Fahrtwind einem um die Ohren weht: Mit einem E-Tretroller durch Marburg-Cappel zu sausen, hat zwar nicht die Road-Romantik von „Easy Rider“, fühlt sich aber mitunter doch hollywood­reif an.

Speziell dann, wenn die Blicke von Fußgängern oder aus Stadtbus-Fenstern irritiert auf das Gefährt, das da in ähnlichem oder gar schnellerem Tempo unterwegs ist, herumwuselt. Ein Hauch Extravaganz in Mittelhessen. Dabei ist die Zeit, in der Elektrofahrzeuge – von E-Bikes über Scooter bis hin zu Rollschuhen – belächelt und als Exoten, gar Spinnerei wahrgenommen wurden, vorbei, sagt Sören Heine.

„Die einzelnen Fahrzeuge sind in einer Nische, die Technik als solche ist es nicht mehr.“ In der Cappeler Simmestraße­ betreibt der Maschinenbauer­ seit wenigen Wochen sein ­Geschäft „Mobile Stromer“, das sich voll auf „E“ spezialisiert hat. Und er, der ebenso fachkundig wie leidenschaftlich Auskunft gibt, ist mit der Erste in der Region, der die frisch für den Straßenverkehr zugelassenen E-Tretroller verkauft.

Neben dem findet sich im neuen Showroom im Erdgeschoss des Wohnhauses ein wahres Sammelsurium an elektronischen Produkten, von Hovershoes bis zum Microcar samt Mobilitätsberatung. Und die Kleinfahrzeuge, davon ist Heine überzeugt, werden ihren Platz auch in Marburg, speziell sogar in Marburg finden. Nicht nur gebe es die Verkehrsproblematik und die faktischen Einschränkungen bei der Fahrradmitnahme in Bus und Bahn.

Roller-Verleih

In Marburg, so der Beschluss des Stadtparlaments Ende Juni, soll ein Verleihsystem für E-Tretroller aufgebaut werden. Der Magistrat soll – analog zur Idee des Radverleihsystems „Nextbike“– geeignete Anbieter finden, die Tretroller-Stationen an den Start bringen. Zuletzt gab es erste Roller-Unfallmeldungen – auch im Landkreis, in Oberdieten. Thema Gefahr: 1977 erwog die Bundesregierung ein Verbot von Skateboards.

Vor allem gebe es bei den Stadtbewohnern eine Aufgeschlossenheit für Neuerungen – der E-Bike-Boom zeige das. „Das Interesse wächst spürbar, das merkt man an den detaillierten Fragen der Leute. Viele haben sich mit dem Prinzip Elektromobilität schon beschäftigt, suchen eher das für sie, ihre Zwecke Passende.“ Aber auch das Passende hat noch seinen Preis: 1.950 Euro kostet das Modell, das im OP-Test über den Asphalt rollte.

Ein sogenannter „Klappscooter“, bequem zusammenklappbar und mit 13 Kilogramm Gewicht noch eines der größeren und damit stabileren Modelle aus der neuen bunten Tretroller-Welt. Ja, es gehe auch deutlich billiger, unter die 1.000-Euro-Marke, die laut Heine eigentlich die „magische Grenze“ im Tretroller-Business darstelle.

Standpunkt

Ideal für kurze Wege

„E“ wie erstaunlich: Den flinken Tretroller zu fahren, ist nicht nur spaßig, sondern auch effektiv. Er ist mehr als nur Freizeitvergnügen, für die kurzen ­Wege in Marburg ist er wie gemacht. Gerade Städter, die zur Arbeit in fünf, sechs ­Kilometer entfernte Büros pendeln, sollten E-Tretroller ernsthaft testen. Mankos: Es ist ein Schönwetter-Fahrzeug, niemand wird bei Regen oder gar Glätte auf den schmalen Reifen unterwegs sein wollen. Und der Preis von (noch) rund 2.000 Euro ist happig.

von Björn Wisker

Da aber – unabhängig vom Hersteller – alleine der Akku einen Wert von 400 bis 500 Euro ausmache, könne „man sich in einigen Preisregionen schon denken, wie viel Qualität im Rest des Rollers steckt“. Entscheidend für Marburg seien eine gute, robuste Verarbeitung, das leichte Zusammenklappen und vor allem: Breite Reifen. Angesichts des Kopfsteinpflasters und der Löcher und Furchen in Radwegen wie Straßen „tut man sich so den größten Gefallen, der Fahrspaß steigt und der Roller lebt lange“, sagt Heine.

Er zeigt noch auf das Aufkleb-Nummernschild – der Nachweis zur Versicherungspflicht der neuen Scooter – bevor er den Roller mit vier Handgriffen zusammengeklappt und gleich zwei Exemplare in den Kofferraum eines Kleinwagens legt. Praktisch, leicht zu handhaben und platzsparend. „Das ist der große Vorteil zum E-Bike, denn das bekomme ich nicht ins Auto, nicht in den Bus und morgens auch nicht in die volle Bahn“, betont der 49-Jährige.

Wie kommt der gelernte Maschinenbauer und begeisterte Handwerker nun zum Handel von nahezu allem, was die kleine Elektromobilität so hergibt? Die Faszination für die Technik und die hürdenreiche Entwicklung der elektronischen Antriebe: „Ich suche gerne nach Lösungen, nicht danach, was nicht funktioniert“.

"E-Fahrzeuge – das sind die neuen Statussymbole"

Und vor dem Hintergrund der Klimaproblematik kritisiert er den schleichenden Fort-, für ihn teilweise Rückschritt der „klassischen“ Mobilitätsbrache: „Immer größer, immer schwerer – und was ist mit der Umweltproblematik?“, fragt er. Für ihn ist die E-Mobilität – zumindest nach aktuellem Entwicklungsstand – die Lösung. „Das hier sind die neuen Statussymbole von heute, nicht die SUVs“.

Heine ist sich sicher: Tretroller sind gerade für Pendler ein gutes Gefährt. Für in den Stadtgrenzen wohnende Büroangestellte ließe sich der Arbeitsweg so ohne Schweißperlen zurücklegen. Selbst für jene Berufstätigen, die vom Umland am Haupt- oder Südbahnhof beziehungsweise Park&Ride-Parkplätzen wie am Messeplatz oder Gaßmann-Stadion ankommen, sei der kleine Roller mit wenigen Handgriffen für die Reststrecke startklar. 

Gut, bei der Frage nach dem Sinn des kleinen E-Scooters komme es auch „immer auf den Zweck an“. Zum Pendeln über Dutzende Kilometer ist der sicher nicht geeignet, als Stadtflitzer aber allemal. „Die letzte Meile? Mit diesem Verkehrsmittel kein Problem mehr.“ Zumal an Vorder- und Rückseite Körbe oder Taschen aufgehangen werden könnten – „ein Stück weit geht damit also sogar der ­Lebensmitteleinkauf“.

Shopping wäre aber die Kür, erst einmal gilt es, in der Pflicht Fahrgefühl zu entwickeln und – sowohl den Roller als auch das eigene Können – auf Herz und Nieren zu testen. Von null auf 20,5 km/h in sechs Sekunden: Was für Rennsport-Fans nach einer Horrorbilanz klingt, fühlt sich für Otto-Normal-Verkehrsteilnehmer im OP-Test durchaus rasant an.

Auf ebener Strecke, die Furchen und Schlaglöcher in den Straßen dank der breiten Reifen ignorierend, ist nur eine Sache ein Problem: Das Kurvenfahren. Zumindest jene Menschen, die Motorrad oder Ski fahren, wollen sich instinktiv zur Seite, in die Kurve lehnen. So ist ein Sturz oder das Absteigen und Abbremsen allerdings vorprogrammiert. Aufrecht zu bleiben, schlicht den Lenker nach links oder rechts zu wenden, braucht den einen oder anderen Fahrkilometer Übung.

Eine Wackelpartie bleibt es für die OP-Tester aber auch danach – Heine, der sich in den Tagen zuvor kaum anders fortbewegte als auf Tretrollern, gleitet dagegen geschmeidig durch Cappel. Und wie läuft es bergauf? In Marburg die wohl entscheidende Frage, wenn es darum geht, ob das Gefährt zum Massen-Vehikel werden kann. Kriecht der Roller mühsam vorwärts oder ist ihm die Topografie egal?

Der 13 Kilogramm leichte Roller hat – samt Dutzender Kilo Mensch – beim OP-Test keine Mühe das Tempo zu halten. Statt des Maximums von 20,5 km/h sind es auf Neuer Straße, im Nelkenweg oder Feldweg – alle Steigungsstrecken – bei durchgedrücktem Gas-Hebel 16,5 km/h. An der steilen Paul-Natorp-Straße muss der Motor zwar Extra-Arbeit stemmen, aber auch das geht fast mühelos und surrend über die Bühne.

Standpunkt

Praktischer Anhang

Es macht mehr als Laune, den wendigen Scooter durch Marburgs Gassen zu lenken. Und ja, man fühlt sich durchaus als Vorreiter der Straße. Dabei hängen wir – wieder mal – der ­Entwicklung hinterher. In Touristenstädten wie Prag stehen die Flitzer samt App-­gesteuertem Verleihsystem schon an jeder Ecke. Das kann Marburg auch. Zumin­dest in Klein. Dennoch: ­Gerade in der Startphase ist das Unfallrisiko hoch. Bleibt abzuwarten, ob Scooter
und Sicherheitsdebatte nicht beizeiten kollidieren.

von Ina Tannert

Die Akkuanzeige ficht das alles auch nicht wirklich an, nach vier, fünf gefahrenen Kilometern sind Dreiviertel der Balken noch zu sehen. Das für E-Autos nach wie vor große Problem der Lade-Infrastruktur, gibt es bei E-Tretrollern, generell bei Kleinmobilität, laut Heine ohnehin kaum. Er lässt sich mit dem dazugehörigen Kabel überall an jede Steckdose, auch an jede vorhandene E-Ladesäule stöpseln.

Nach wenigen Minuten reicht die Stromdosis zumindest für die rollerspezifische Reichweite – maximal etwa 20, alltags-praktisch wohl eher zehn Kilometer – aus. Die übliche Ladezeit liegt bei um die vier Stunden. Doch auch wenn der Akku schlapp macht, voran getreten werden kann der Scooter ja immer noch, nur dann ist eben Muskelschmalz gefragt.Einen Vorschlag hat Sören Heine trotzdem, um das Nachladen in der Stadt zu vereinfachen: Ein, zwei zentral in Marburg ­gelegene Steckdosen-Häuschen, etwa an der Neu-UB am Pilgrimstein.

von Björn Wisker und Ina Tannert