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Marburg Klassenzimmer füllen sich wieder
Marburg Klassenzimmer füllen sich wieder
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07:45 05.05.2021
Die zuletzt leeren Klassenräume, wie hier an der Emil-von-Behring-Schule in Marburg, werden sich ab morgen wieder füllen.
Die zuletzt leeren Klassenräume, wie hier an der Emil-von-Behring-Schule in Marburg, werden sich ab morgen wieder füllen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Schüler und Lehrkräfte zurück im analogen Klassenzimmer – ab Donnerstag wird an den Schulen im Landkreis deutlich mehr Betrieb herrschen. Denn ab dann fällt Marburg-Biedenkopf nicht mehr unter die noch geltende Schul-Notbremse für Landkreise mit einer 7-Tage-Inzidenz über 165. Wenn diese Grenze an mehr als fünf aufeinanderfolgenden Werktagen unterschritten wird, rutscht die Region wieder in die vorherige Stufe, womit das Verbot für den Präsenzunterricht an Schulen aufgehoben wird.

Solange die Inzidenz-Lage zwischen 100 und 165 liegt, gilt für alle Jahrgänge das Wechselmodell, für die Klassen 1 bis 6 gibt es weiterhin eine Notbetreuung. Und das trifft ab Donnerstag (6. Mai) für alle Jahrgänge aller Schulformen zu, denn am selben Tag sieht das reformierte Infektionsschutzgesetz auch die Rückkehr der Klasse 7 und der höheren Jahrgänge vor.

Jubel an den Schulen

Gerade für die Schüler der Mittelstufe ist die Neuregelung bedeutsam, denn diese waren größtenteils seit Dezember im Homeschooling. Viele sehen ihre Schule samt Mitschüler und Lehrkräfte am Donnerstag seitdem erstmals real wieder statt nur virtuell. Die Freude an den Schulen darüber ist besonders groß, wie eine OP-Umfrage ergab: „Für die Schüler ist das großes Kino. Die waren jetzt lange daheim“, sagt etwa Thomas C. Ferber, Schulleiter der Richtsberg-Gesamtschule. Auf jeden Fall würden sich die Schüler der 7. Klassen schon sehr darauf freuen, wieder in die Schule zu kommen. Dasselbe gelte auch für die Lehrer, die im Übrigen bereits gut gerüstet für die weitere Rückkehr zu einem normaleren Schulalltag seien.

Für die Präsenztage gilt dabei weiterhin die Corona-Testpflicht. „Wir haben bereits gute Erfahrungen mit dem Testen gemacht“, berichtet Ferber. Denn zuletzt waren schon rund 100 Schüler der Abschlussklassen 9 und 10 sowie 25 Kinder aus der Notbetreuung regelmäßig in der Schule. Jetzt kommen aufgrund der neuen Regelungen noch einmal rund 200 Schüler regelmäßig hinzu. Jeweils die Hälfte der Klassen soll aber nach der neuerlichen Öffnung in dem neuen Modell zuhause bleiben.

Das Sozialverhalten im Blick

Weil die Richtsberg-Gesamtschule IT-technisch gut aufgestellt sei, seien die Schüler unterrichtsmäßig in der Zwischenzeit nicht total abgehängt gewesen, macht Ferber deutlich. Lediglich 4 bis 5 Prozent der zuhause gebliebenen Kinder hätten die Lehrer inhaltlich nicht erreicht. Sie sollen nun in den kommenden Wochen als eine Art Ersatz für den sonst üblichen Ganztagsunterricht zusätzlichen Förderunterricht am Nachmittag erhalten.

Auch für die Schüler der 7. und 8. Klassen und des Hauptschulzweiges der 9. Klasse der Martin-von-Tours-Schule in Neustadt ist der Donnerstag (6. Mai) eine Premiere. Sie kommen erstmals in diesem Jahr in die Schule. „Auf diesen Schülern wird ganz klar unser besonderes Augenmerk liegen“, kündigt Schulleiter Volker Schmidt an. Dabei haben er und seine Kollegen nicht nur den Lernstoff und Versäumnisse im Blick, sondern auch das Sozialverhalten. Gerade diese Schüler seien derzeit in einem besonderen Lebensalter, die Pubertät habe begonnen.

Viele Lehrkräfte sind geimpft

Er denkt aber auch weiter: Die angekündigte Kompensation, für die der Bund Gelder bereitstellen wird, sei dringend notwendig. Er macht sich stark dafür, dass dieses Geld zumindest in Teilen direkt den Schulen zur Verfügung gestellt wird. „Denn wir wissen, wo es bei unseren Schülern fehlt, wir haben Kontakte zu Nachhilfe- und Fördereinrichtungen, brauchen aber vielleicht auch zusätzliche Sozialarbeit“, sagt Schmidt. Bei allen Förderungen werde es zudem darauf ankommen, entsprechend qualifiziertes Personal zu finden.

Birgit von Bargen, aus dem Schulleitungsteam der Gesamtschule Niederwalgern, „freut sich sehr“, dass die Schüler nun im Wechselunterricht zurückkommen. Die Gesamtschule sei bestens vorbereitet. Sie selbst, so von Bargen, bekommt noch diese Woche ihre erste Impfung. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen wurden bereits einmal, manche gar schon zum zweiten Mal geimpft.

Keine Angst vor dem Virus

„Ich habe jedenfalls bei unserem Konzept keine Angst, mich anstecken zu können“, sagt sie. Wichtig sei nun, dass die Schülerinnen und Schüler innerhalb von je zwei Wochen einmal den kompletten Stundenplan in Präsenz absolvieren werden. Die Fünfer und Sechser kommen hingegen abwechselnd weiter immer für eine komplette Woche. „Das ist mit den Eltern so abgesprochen, weil es für sie leichter ist, sich wochenweise statt tageweise zu organisieren“, so von Bargen.

Auf das Wiedersehen am Donnerstag (6. Mai) vorbereitet hat sich ebenfalls die Lahntalschule in Biedenkopf: „Wir freuen uns, die Schüler zu sehen und wieder direkten Kontakt mit ihnen zu haben“, beschreibt Schulleiterin Sabine Schäfer-Jarosz die Stimmung im Lehrerkollegium, das vollständig präsent sein wird. Da am Donnerstag „auf jeden Fall“ der Wechselbetrieb beginnt und nächste Woche ein Feiertag den Schulalltag unterbricht, ergibt sich für die beiden Gruppen ein holpriger Neubeginn.

Wunsch nach Präsenzunterricht

Am Donnerstag (6. Mai) und Freitag (7. Mai) erwarten die Lehrkräfte die rund 500 Schüler der Gruppe A zum Präsenzunterricht, die 500 Schüler der Gruppe B haben von Montag bis Mittwoch Unterricht. Danach erfolgt der Wechsel wochenweise. Die Schulleitung habe alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, etwa abgetrennte Pausenareale, damit die Hygieneregeln eingehalten werden können.

Auch bei vielen Eltern kommt die Teilrückkehr an die Schulen gut an, viele positive Stimmen erreichten den Kreis­elternbeirat Marburg-Biedenkopf, wie die Vorsitzende Monika Kruse berichten kann: „Der Wunsch und die Sehnsucht, dass der Unterricht wieder in Präsenz aufgenommen wird, ist sehr groß“, sagt Kruse. Nicht nur aus dem Leistungsgedanken heraus, sondern schon aus sozialen Aspekten sehr sinnvoll – Austausch und realer Kontakt mit Mitschülern und Lehrkräften fehlen vielen Schülern.

Erleichterung bei Eltern

Bei vielen Eltern herrsche nun „große Erleichterung“, dass die Infektionszahlen sinken, die Maßnahmen wirken und „über ein bisschen mehr Normalität“.

Das kann eine Mutter von zwei Kindern, die in die siebte und elfte Klasse gehen, auf OP-Nachfrage bestätigen; sie freut sich, dass nun auch für ihre Kinder wenigstens Wechselunterricht möglich wird. „Wir haben das bereits im Elternbeirat positiv besprochen“, sagt die Marburgerin. Es sei sehr wichtig, dass die Jugendlichen endlich wieder ein Stück normales Leben zurückerhalten.

Mehr Struktur im Schul-Alltag

„Abgesehen vom Lernstoff findet das wichtige soziale Lernen doch eher im Präsenzunterricht statt“, fügt sie an. Von anderen Eltern hatte sie gehört, dass Kinder schon sehr verzweifelt versucht haben, ihrem Tagesablauf wieder eine verlässliche Struktur zu geben.

So seien auch welche einfach morgens zur Bushaltestelle gelaufen, um nicht vom Bett direkt zum Online-Unterricht übergehen zu müssen. Angst, dass sich die Kinder in der Schule anstecken können, hat die Mutter keine. Flaue Gefühle hat sie eher, wenn sie daran denkt, dass die Kinder vielleicht wieder in einem übervollen Bus fahren müssen.

RKI-Inzidenz sinkt weiter

Am gestrigen Dienstag (4. Mai) lag die vom Robert-Koch-Institut angegebene Inzidenz des Landkreises mit 129,9 zwar weiterhin unter der 150er-Grenze (seit vergangenem Freitag, 30. April), dennoch wird der Kreis – zumindest noch – in diese Stufe eingeordnet. Sollte die Infektionslage weiterhin stabil unter diesem Wert bleiben, dürfte sich das wohl bald erneut ändern. Die Feststellung zur jeweiligen Einstufung erfolgt durch das Hessische Sozialministerium.

Regelungen für Kitas

Parallel zu den Regelungen für die Schulen ist auch die Kinderbetreuung von dem Unterschreiten des 165er-Grenzwerts betroffen: Wie der Landkreis bestätigt, seien Kitas grundsätzlich nun nicht mehr von der Regelbetreuung ausgeschlossen.

„Allerdings gilt hier nach wie vor der Appell, die Kinder möglichst zu Hause zu betreuen und eine Kita-Betreuung nur in dringenden Fällen in Anspruch zu nehmen“, teilt der Kreis mit. Die Feststellung der Maßnahmen, die für Marburg-Biedenkopf gelten, erfolgt durch das Hessische Sozialministerium.

Die Bekanntmachung der Tage, ab denen die neuen Vorschriften des Infektionsschutzgesetzes gelten, erfolgt ebenfalls durch das Ministerium auf

dessen Internetseite unter www.hsm.hessen.de.

Von Ina Tannert, Götz Schaub, Michael Rinde, Manfred Hitzeroth und Gianfranco Fain