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Marburg Chefarzt sagt im Frühchen-Prozess aus
Marburg Chefarzt sagt im Frühchen-Prozess aus
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00:16 04.03.2019
Die Angeklagte sitzt zwischen ihren beiden Verteidigern. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Im voll besetzten Gerichtssaal war die Spannung spürbar, als der Kinderarzt seine Sicht auf die Ereignisse rund um die drei vergifteten Frühchen schilderte. Wie schon sein Kollege tags zuvor, begann der renommierte Neonatologe (63) bei dem letzten Vorfall aus dem Februar 2016. Auch er beschrieb die Ereignisse in der Reihenfolge ihrer Aufarbeitung. Zudem geht er beim ersten Vergiftungsfall, bei der verstorbenen Leni, davon aus, dass diese nicht an den Folgen der verabreichten Narkotika, sondern an ihrem chronischen Lungenleiden – auf das auch der Sachverständige abstellt – verstarb.

In dem Prozess muss sich eine ehemalige Krankenschwester wegen Mordversuchs und Misshandlung an Neugeborenen verantworten (die OP berichtete). An zwei der betroffenen Frühchen hat der Marburger Kinderarzt noch gute Erinnerungen. Die im Januar 2016 geborene Johanna habe sich trotz der „dramatischen Geburt“ durch einen Notkaiserschnitt gut angepasst an das Leben außerhalb des Mutterleibs. Dann jedoch seien Atemstörungen aufgetreten, insgesamt sei das kleine Mädchen nicht mehr so aktiv gewesen wie zuvor. Man habe zunächst eine Infektion vermutet, wie sie bei Frühgeborenen häufig vorkomme, erzählte der Mediziner. Als sich jedoch der Zustand verschlechtert habe – bis hin zur Apathie – und es nachts zu drei Herzstillständen kam, habe man nach der Ursache gesucht. Eine sogenannte Liquorpunktion und eine Stoffwechseluntersuchung brachten kein pathologisches Ergebnis. Am Bett des Kindes stehend zerbrachen sich Ärzte und Pflegepersonal den Kopf über die Ursache der mysteriösen Verschlechterung.

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Schließlich habe eine Kollegin gefragt, ob es sich nicht um eine Vergiftung handeln könne. Das Labor der Klinik untersuchte daraufhin den Urin des Frühchens auf Drogen. Das Ergebnis fiel positiv auf Benzodiazepine und Phenobarbital aus. Letzteren Arzneistoff hatten die Ärzte Johanna verschrieben – Benzodiazepine, speziell Midazolam, jedoch nicht. Zunächst lag der Gedanke einer sogenannten Kreuzreaktion nahe, wobei das Ergebnis der Untersuchung fehlerhaft als positiv für Midazolam interpretiert worden wäre. Eine weitere Analyse von Johannas Blut und Urin in der Gießener Rechtsmedizin brachte jedoch Gewissheit: In Johannas Körperflüssigkeiten ließen sich Midazolam und auch Ketamin nachweisen. Beides wurde ihr nicht auf Anweisung der Ärzte verabreicht.

Todesursache: Chefarzt stützt die Lungenkrankheits-These

Als der Chefarzt gemeinsam mit der Pflegedienstleiterin der Station den Medikamentenschrank kontrollierte, fanden sie eine leere Packung Dormikum, welches den Wirkstoff Midazolam enthält, sowie eine angebrochene Packung Ketanest. Letzteres wird nach Angaben des Arztes auf der neonatologischen Intensivstation aber gar nicht gebraucht: „Ich weiß nicht, warum es bestellt wurde“, sagt der Chefarzt. Ketanest werde zwar in anderen Kliniken auch bei Neugeborenen als Narkosemittel verabreicht, nicht jedoch in Marburg.

Johanna war das Einzige der drei Frühchen, dem auch Ketamin verabreicht wurde. Grundsätzlich: Die Dosierung der Medikamentengabe steigerte sich von Fall zu Fall immer weiter. Sie lag mitunter um ein Vielfaches höher als etwa die Narkotisierungsmenge, die bei Erwachsenen angewendet wird (die OP berichtete). 

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

Im Fall von Leni, die im Dezember 2015 verstarb, geht der Mediziner davon aus, dass ihre chronische Lungenerkrankung die Todesursache war. Leni sei ein „ganz besonderes Frühgeborenes“ gewesen, so der 63-Jährige. Von Anfang an habe ein „sehr, sehr hohes Risiko“ bestanden, da Leni für die 24. Schwangerschaftswoche noch ein sehr kleines Kind gewesen sei. Allerdings habe es auch Phasen in der Entwicklung gegeben, in denen es Leni „erfreulich gut“ gegangen sei, besser, als man habe erwarten können. Leni litt an einer bronchopulmonalen Dysplasie, was bei Frühgeborenen keine Seltenheit ist: „Die Lunge kann sich außerhalb des Mutterleibs nicht so gut entwickeln“, erläuterte der Chefarzt. Eigentlich habe man dennoch bereits über eine Entlassung noch vor Weihnachten nachgedacht. Dann jedoch kam es zu einer akuten Verschlechterung an Lenis Herz.
In Folge der Lungenerkrankung musste die rechte Herzkammer gegen einen höheren Widerstand ankämpfen: „Wir gehen davon aus, dass die bronchopulmonale Dysplasie zu einer Überbelastung des 
Herzens und die Rechtsherzbelastung zum Tod geführt hat.“ Nach der starken Verschlechterung habe es keine echte Erholung mehr bei Leni gegeben. Als ihr Zustand schließlich hoffnungslos verschlimmert war, „haben wir Leni im Beisein ihrer Eltern sterben lassen“, schloss der Mediziner.

Ein Toxikologe hatte im Prozess zuvor bereits erläutert, dass in der Nacht der Verschlechterung Midazolam verabreicht worden war. Damals hegten die Ärzte jedoch noch keinen Verdacht bezüglich einer möglichen Vergiftung: „Hätte ich bei Leni einen ähnlichen Verdacht gehabt, hätte ich reagiert wie bei Johanna“ – also die Krankenhausleitung und die Polizei informiert, so der Neonatologe. Ein Vorgehen, das in 
den 17 Jahren, die er Chefarzt am Uni-Klinikum ist, zuvor noch nie nötig gewesen sei.


von Melchior Bonacker
und Björn Wisker

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