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Marburg "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"
Marburg "Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben"
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08:00 20.09.2019
Der Frühchenprozess fand gestern wieder in öffentlicher Sitzung vor dem Landgericht in Marburg statt.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Eigentlich war vorgesehen, am gestrigen Verhandlungstag den nächsten Teil des medizinischen Gutachters als Beweismittel in den Prozess einzuführen. Nachdem das zweite­ vergiftete Mädchen (Mia) bereits thematisch von Professor Bernd Roth behandelt wurde, stand nun seine Einschätzung zum letzten Opfer-Frühchen (Johanna) auf dem Plan.

Interessant speziell deshalb, weil kürzlich ein Toxikologe die Gift-Dosierungen von Ketamin und Dormicum im Körper des Mädchens berechnete, also benannte, wie viel ihr mindestens zu welchem Zeitpunkt und auf welche Art und Weise verabreicht worden sein könnten.

Doch zu dieser Analyse kam es so nicht, da sich die Verteidigung „nicht in der Lage sieht“, den Inhalt vor Ende des Monats zu bearbeiten. „Es gab keine Zeit, den umfangreichen Stoff zu lesen und sich in die komplexe Materie einzuarbeiten“, sagt Dietmar Kleiner mit Verweis auf den seit Wochenbeginn vorliegenden Schriftsatz.

In der vermeintlichen Tat-Nacht mehrere Herzfrequenzabfälle

Die Gutachter-Aussagen seien­ „zu bedeutsam“ für den weiteren Verlauf des – nun entgegen des jüngsten Fahrplans mit einem Urteil Ende Oktober verzögerten – Prozesses, als dass er zum jetzigen Zeitpunkt in der Strafkammer behandelt werden könne. „Für uns stellen sich da viele Fragen, die auch relevant für die Plädoyers sein können“, sagt er. Also: Aufschub des Voll-Gutachtens.

Roth schilderte und deutete so dann den in den Klinikdokumenten beschriebenen Zustand in den Tagen vor und nach den Wiederbelebungen ­Johannas Anfang Februar 2016. Demnach gab es in dieser Zeit – dokumentiert unter anderen von der diensthabenden Krankenschwester Elena W. – zwar ­immer wieder gesundheitliche Probleme, wirkte das Mädchen schlapp bis komatös – mitunter wegen unklarer Ursachen.

­„Wegen all dem Stress wurde sie im Laufe der Tage wohl immer instabiler“, sagte er. Aber in der vermeintlichen Tat-Nacht gab es mehrere plötzliche Herzfrequenzabfälle, die sich „nicht mit vorangegangenen medizinischen Maßnahmen erklären lassen“ und die mehrfache Re-Animationen ­erforderten.

Unerwünschte Arzneimittelwirkung oder Vergiftung als Ursache

Roths Bewertung ­aller Daten, Werte und Verläufe auf Station: „Es gibt keinen klinischen Hinweis auf ein übergeordnetes Gesundheitsproblem bei Johanna. Es gab vor den beiden Nächten mit den Auffälligkeiten nichts und danach nichts, was diese Auffälligkeiten erklären­ könnte.“­ Auch könne er ein ­infektiöses Geschehen jeder Art „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen“. Es blieben demnach nur ­unerwünschte Arzneimittelwirkung oder Vergiftung als Ursache, was eine toxikologische Laboruntersuchung am Uni-Klinikum am Folgetag der Beinahe-Tode auch bestätigte.

Denn: Dass Johanna an den Folgen gestorben wäre, ist für Roth klar. „Ohne ärztliches Eingreifen wäre sie gestorben: Bei den beiden ersten kardialen Vorfällen in der Nacht, wo der Herzstillstand schon da war, sicherlich. Bei den beiden späteren Vorfällen waren auch alle Voraussetzungen für ein letales Ereignis gegeben“, sagt er.

Nur, weil die Ärzte da schon durch die beiden ersten „aus dem Nichts entstandenen Fälle“ gewarnt waren, sei es nicht mehr zu den Symptomen gekommen wie zuvor. In der nächsten Woche wird sich Roth dann den eigentlich schon für gestern vorgesehenen toxikologischen Bewertungen widmen.

von Björn Wisker

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: „Sie verzettelt sich halt gerne“

20. Mai: Experte: Es gibt keine Erfahrungen

8. Juni: Kollegin beschreibt Elena W. als freundlich

12. Juni: Hat Klinikangestellte Zeugen beeinflusst?

18. Juni: Jungschwester hatte schweren Stand

7. Juli: Elena W. war „eine schwache Schülerin“

1. August: Zeugen: „Nett“ oder „hinterhältig“

2. August: DNA von Elena W. auf Dormicum-Verpackung

15. August: Toxikologe äußert sich zu Ketaminspuren

16. August: „Ein totales Chaos“

28. August: Leni galt als „Hochrisikofrühchen“

30. August: Gutachter sieht Symptome von Narkosemittel

5. September: Experte nennt Daten zu Gift-Dosis

6. September: LKA-Experte findet neue DNA-Spur