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Marburg Vereint gegen das Industriegebiet
Marburg Vereint gegen das Industriegebiet
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10:00 10.02.2022
Mit einem großen Plakat auf dem umzäunten Acker der im Entwurf des Regionalplans als zukünftiges Gewerbegebiet vorgesehene Fläche verkündet eine Moischter Initiative ihre Abneigung gegen das Versiegeln des landwirtschaftlich wertvollen Bodens.
Mit einem großen Plakat auf dem umzäunten Acker der im Entwurf des Regionalplans als zukünftiges Gewerbegebiet vorgesehene Fläche verkündet eine Moischter Initiative ihre Abneigung gegen das Versiegeln des landwirtschaftlich wertvollen Bodens. Quelle: Gianfranco Fain
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Moischt

Eine lange Reihe bildete sich vor dem Eingang der Mehrzweckhalle, die sich kurz vor Beginn der Ortsbeiratssitzung auflöste, da den Interessenten wegen der Corona-Richtlinien der Zutritt verwehrt werden musste. Deshalb fanden sich am Dienstagabend nur rund 70 Menschen aus Moischt sowie Beltershausen und anderen Orten der Gemeinde Ebsdorfergrund im Marburger Stadtteil ein, um die Ortsbeiratssitzung zu verfolgen.

Sie kamen wegen des Tagesordnungspunktes „Stellungnahme zum Regionalplan“ und applaudierten kräftig, als sich die Mitglieder des Ortsbeirates einstimmig gegen das im Entwurf vorgesehene „Industrie und Gewerbegebiet“ aussprachen. Zuvor schilderte Ortsvorsteherin Margarete Hokamp die Sichtweise des Gremiums. Dieses vom Magistrat der Stadt angemeldete Industrie- und Gewerbegebiet sei mit knapp 33 Hektar etwa genauso groß wie die gesamte bebaute Fläche des Stadtteils. In Moischt sei man nicht grundsätzlich gegen ein Gewerbegebiet, „aber nicht in dieser Größe“ und vor allem nicht auf dem Hohnes, der für die Bewohner der umliegenden Orte ein Naherholungsgebiet sei. Hokamp erinnerte auch an eine Absichtserklärung der Stadt aus dem Jahr 2017, mehr zu kleinen Gewerbegebieten überzugehen. Nun solle genau das Gegenteil entstehen.

Im Anschluss an die Ortsbeiratssitzung vermissten die Gäste Vertreter der Stadt, die laut Hokamp kurzfristig absagten. So erhielt die Ortsvorsteherin eine in drei Wochen zusammengetragene Liste mit 485 Unterschriften von Erwachsenen, die sich gegen das geplante Industriegebiet aussprechen. Diese laut Hokamp „großartige Leistung“, die die Zuhörer mit viel Applaus honorierten, spreche für sich.

Das im Entwurf des neuen Regionalplans vorgesehene Vorranggebiet Industrie und Gewerbe 322 liegt zwischen den Orten Moischt und Beltershausen-Frauenberg und umfasst eine Fläche von 32,2 Hektar. Im noch gültigen Regionalplan Mittelhessen 2010 ist diese Fläche als Vorbehalts- und Vorranggebiet für Landwirtschaft gelistet. Während die Gesamtabwägung die Fläche aus raumordnerischer Sicht insgesamt als geeignet ansieht, schlägt die strategische Umweltprüfung weitere Untersuchungen und gegebenenfalls Vermeidungsmaßnahmen vor, um Prognoseunsicherheiten zu beheben. Dies, weil es sich um ertragssichere Böden handelt, die zu 79 Prozent aufgrund ihres Wasserspeichervermögens auch unter dem Klimawandel hohe oder sehr hohe Ertragssicherheit bieten.

Die Ortsvorsteherin berichtete über weitere Aktivitäten der Dorfgemeinschaft wie zum Beispiel das Abstecken des gesamten vorgesehene Gebietes mit Flatterband, das Aufstellen von drei großen Transparenten sowie den Druck von Tausend Info-Flyern. Ferner machten sich der Landtagsabgeordnete Dirk Bamberger sowie der Vorsitzende der Regionalversammlung Werner Waßmuth, beide CDU, auf Einladung ein Bild vor Ort. Waßmuth habe dabei für Einwände gegen das Projekt als stärkstes Argument die landwirtschaftliche Nutzung auf den ertragreichen Böden genannt.

Zum Thema Einwände gab es während der Versammlung wiederholt Aufrufe, möglichst viele an das Regierungspräsidium in Gießen zu senden, was über den QR-Code auf dem Flyer, über den Internetauftritt des RP oder einfach E-Mail möglich ist. Das RP müsse registrieren, dass viele Moischter gegen das Industriegebiet seien. Stünde das Gebiet im Regionalplan, habe man keine Chance mehr, dagegen vorzugehen.

Klimanotstand in Marburg, Flächenversiegelung in Moischt

Hokamp nahm die Anregung auf, Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) zu einem baldigen erneuten Gespräch einzuladen. Am 22. Februar komme mit der frisch gewählte Bürgermeisterin Nadine Bernshausen von den Grünen eine weitere Vertreterin der Klimakoalition in den Ort. Ferner würden auch die anderen Parteien kontaktiert. Denn es passe nicht, in Marburg den Klimanotstand auszurufen und bei Moischt 33 Hektar für Landwirtschaft und Natur wertvolle Fläche zu versiegeln.

Derzeit behandelt die Regionalversammlung das Fortschreiben des Regionalplans Mittelhessen 2010. Der Entwurf für die nächsten zehn Jahre liegt zur Einsicht aus. Diese sogenannte Offenlage endet am 11. März. Bis dahin können Bürger, Behörden, Kommunen sowie sonstige öffentliche und private Stellen Einwände abgeben. Mit diesen beschäftigt sich die Regionalversammlung, eventuell kommt es zu einer zweiten Offenlage.

Anschließend beschließt die Regionalversammlung den Plan. Wann der Regionalplan rechtskräftig wird, hängt insbesondere von Umfang und Inhalt der Stellungnahmen ab.

Der Entwurf des neuen Regionalplans liegt im Kreishaus aus und ist auch unter https://rp-giessen.hessen.de/planung/regionalplanung/regionalplan-mittelhessen im Internet aufzurufen. Stellungnahmen können auf der Internetseite des RP, per E-Mail an regionalplan@rpgi.hessen.de oder beim RP Gießen, Dezernat 31 - Regionalplanung, Bauleitplanung, Colemanstraße 5, 35394 Gießen, abgegeben werden.

Ein Vollerwerbslandwirt berichtete, dass zwar keiner der 19 Grundstücksbesitzer ihre Flächen für ein Gewerbegebiet veräußern wollten, er und zwei weitere Kollegen sowie deren Nachfolger aber um ihre Existenz fürchten. Die scheidende Uni-Präsidentin verdeutlichte, dass es bei diesen Dimensionen „vollkommen klar“ sei, dass es sich um ein Industriegebiet handelt. Das bedeute, so Professorin Katharina Krause weiter, eine 24-stündige Aktivität in dem Gebiet und dass Moischt, außer in Richtung Amöneburg, von Industrieanlagen umgeben sein werde. Ein Widerspruch sei auch, dass die Flächen auf dem Hohnes zum Erzeugen von Energiepflanzen für die Bioenergieanlagen im Umkreis vorgesehen seien.

Die Vertreter aus den Orten der Gemeinde Ebsdorfergrund erklärten, ebenfalls gegen das Industriegebiet zu sein. Sie befürchten negative Umwelteinflüsse durch die Versiegelung der großen Fläche sowie ein erheblich zunehmendes Verkehrsaufkommen durch ihre Orte wie auch ein Abwerten der eigenen Gewerbegebiete allein schon durch die niedrigere Gewerbesteuer in Marburg.

Von Gianfranco Fain