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Marburg Im April will CSL alles ausgehandelt haben
Marburg Im April will CSL alles ausgehandelt haben
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20:00 05.03.2021
Ein Blick auf den Standort Görzhausen aus der Luft im vergangenen Sommer: Die vordere Baustelle zeigt den Neubau für Forschung und Entwicklung, der mittlerweile schon deutlich in die Höhe gewachsen ist.
Ein Blick auf den Standort Görzhausen aus der Luft im vergangenen Sommer: Die vordere Baustelle zeigt den Neubau für Forschung und Entwicklung, der mittlerweile schon deutlich in die Höhe gewachsen ist. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Obwohl der OP-Bericht vom Freitag über die geplanten Entlassungen und Umstrukturierungen bei CSL Behring bei den rund 3 000 Arbeitnehmern hohe Wellen schlägt, schweigt die Geschäftsleitung auch auf erneute Anfrage der OP zu einer Stellungnahme. Dafür wird die Gewerkschaft IG BCE aktiv. Man suche das Gespräch mit der Marburger Geschäftsführung und erwarte, ein solches in der nächsten Woche zu führen, erklärt Gewerkschaftssekretär Julian Fluder.

Der Frust bei den Gewerkschaftsmitgliedern sei so groß, dass die Bereitschaft vors Tor zu gehen steige, sagt Fluder. Er sei auch schon von mehreren Parteien kontaktiert worden, die die Gewerkschaft öffentlichkeitswirksam unterstützen wollen. Denn es sei „bei solchen Umsatzzahlen wie im ersten Halbjahr sozial unverantwortlich und ungerechtfertigt, den eigenen Mitarbeitern und der Marburger Gesellschaft gegenüber so zu handeln“, findet Fluder.

Die Kritik entzündet sich an der mangelnden Information der Mitarbeiter und den vom Unternehmen veröffentlichten Umsatzzahlen. Wie die OP berichtete, vermeldete der Mutterkonzern CSL Limited im August des vergangenen Jahres einen Rekordgewinn von 2,2 Milliarden US-Dollar, das Halbjahresergebnis bezifferte das Unternehmen Ende Februar mit 1,8 Milliarden US-Dollar. Zugleich wurde durch die OP bekannt, welche Umstrukturierungen mit Folgen für die Belegschaft das Unternehmen am Standort Marburg plant.

Laut einem der OP vorliegenden Konzept einer Beraterfirma aus der Schweiz sollen so schnell wie möglich 150 Vollzeitstellen entfallen, das heißt, es würden mehr Mitarbeiter ihren Job verlieren, da viele Angestellte in Teilzeit arbeiten. 150 Vollzeitstellen weniger bedeuten 1,5 Millionen Euro weniger an Kosten – pro Monat.

Forschung und Entwicklung in eigener Gesellschaft

Während dieser Job-Abbau und das Outsourcing in Unternehmensbereichen geschehen sollen, die für die Produktion nicht relevant sind, zum Beispiel im IT-Bereich, Logistik, Einkauf und Rechnungswesen, will das Unternehmen die Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung (R&D) offenbar halten. In welchem Umfang, ist unbekannt, aber laut Konzept sollen 500 Angestellte aus dem Bereich R&D in ein neues, externes Unternehmen ausgelagert werden.

Laut des Konzepts der Beratungsfirma zur „CSL-Strategie 2030“ sollen die Veränderungen in Marburg im Juni vollzogen sein. Wenn es gelingt, große Konflikte zu vermeiden, auch eher. Der Zeitplan der in Bern ansässigen Beraterfirma sieht zwei Schienen vor: Für den Bereich „New R&D“ sind von Verhandlungen über einen Interessenausgleich bis zum Einschalten einer Einigungsstelle Möglichkeiten aufgeführt.

Für den sogenannten Zukunftspakt sind Verhandlungen mit dem Betriebsrat bis hin zu einem Interessenausgleich und einem Sozialplan vorgesehen. Diese zweite Phase des Konzepts soll für das „New R&D“ zum 1. April mit einem Verhandlungsergebnis beendet sein, für den „Zukunftspakt“ ist ein Ende am 23. April vorgesehen. Die finalen Aktivitäten sollen im Mai und Juni erfolgen. Die Vergütung der Consulting-Firma soll nach Informationen der OP mehr als 1,2 Millionen Euro betragen – zuzüglich Spesen und Steuern. Das Konzept stammt von Ende Januar und wurde von führenden CSL-Mitarbeitern der Rechts- und Personalabteilung am 3. Februar unterzeichnet.

Mittlerweile gibt es auch eine Webseite, die sich mit den jüngsten Vorgängen bei dem Pharma-Unternehmen öffentlich beschäftigt: Unter schichtwechselbeicsl.com geht es ebenfalls um den geplanten Stellenabbau und das Auslagern. Am stärksten betroffen sei die IT, heißt es – mehr als 100 Mitarbeiter würden diese Leistungen derzeit als Abteilung bei CSL erbringen, Hardware und Programme würden „ohne die Mitarbeit dieser Spezialisten längst nicht so reibungslos funktionieren“, heißt es – „und jetzt soll alles an Extern vergeben werden und die Leute ihren Job verlieren?“, so die Frage. „Vielleicht sollte man mal über eine Rechtsschutzversicherung im Bereich Arbeitsrecht nachdenken, nur so als Gedanke …“, wird auf der Seite angeregt.

Von Gianfranco Fain