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Marburg Ideen für eine nachhaltige Welt
Marburg Ideen für eine nachhaltige Welt
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20:10 12.11.2020
Ein Kalender, der sich jedes Jahr wiederverwenden lässt – nachhaltiger geht’s kaum. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Machen Sie sich mal den Spaß und fragen jemanden in Ihrem persönlichen Umfeld: Du, sag mal, was sind eigentlich nachhaltige Geschenke? Die Antwort wird entweder einsilbig (Häh?) ausfallen oder episch lang – etwa so:

Also, nachhaltige Geschenke müssen aus nachhaltigen Materialien hergestellt sein, sollten möglichst nicht über lange Transportwege geliefert werden, die Umwelt weder bei der Produktion noch bei der Entsorgung über Gebühr belasten, sie sollten möglichst ewig haltbar sein – ach ja, und außerdem sollte man beim Verschenken nachhaltiger Produkte darauf achten, dass man sie nachhaltig verpackt, sie möglichst im lokalen stationären Handel kauft oder noch besser selbst herstellt.

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Gut sechs Wochen sind es noch bis Weihnachten. Wer seine Lieben beschenken will, hat also noch ausreichend Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was unter dem Christbaum landet. Im vergangenen Jahr gingen die Menschen in Deutschland auf Nummer sicher: Gutscheine oder Geld waren die mit Abstand beliebtesten Geschenke.

Nichts ist nachhaltiger als ein Gutschein, der nicht eingelöst wird – Schätzungen zufolge liegt die Zahl der in Schubladen schlummernden Einladungen zu einem Abendessen, einer Massage oder gar einer Reise deutlich im zweistelligen Prozentbereich. Über die Nachhaltigkeit von Geld lässt sich streiten, die 50-Euro-Note ist schließlich auch nicht mehr als ein Blanko-Gutschein. Wer damit einen Baum pflanzt, handelt sicherlich nachhaltiger als jemand, der das Bargeschenk in drei Kisten Bier investiert.

„Ich bin ein bisschen frustriert“

An vierter Stelle der Rangliste beliebter Präsente zu Weihnachten rangierten 2019 Spielwaren. Nicht weniger als 3,4 Milliarden Euro gaben die Menschen in Deutschland im vergangenen Jahr für Puppen, Modellautos, Gesellschaftsspiele und Ähnliches aus. „Ich bin ein bisschen frustriert darüber, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Spielwarenindustrie noch nicht so richtig angekommen ist“, sagt Wieland Sulzer, Geschäftsführer von Spielwaren Sulzer in Marburg.

Es gebe drei Hersteller, die mittlerweile mit Biokunststoff arbeiten, sagt Sulzer: „Aber bisher mit eher enttäuschendem kommerziellen Erfolg.“ Kinder, so die Erfahrung der Branche, reagieren auf Farben – „je leuchtender, desto besser“, weiß Sulzer: „Doch die Biokunststoffprodukte sind eher pastellfarbig.“ Also gleich lieber zum Holzspielzeug greifen? „Holzspielzeug ist prädestiniert für die Nachhaltigkeitsfrage“, sagt der Fachmann und ergänzt: „Zumindest die Markenindustrie verwendet inzwischen zu 90 Prozent FSC-zertifiziertes Holz.“

Die Transportwege und die politische Situation in Asien sind seit Jahren ein kritisches Thema, insbesondere wegen des Konflikts zwischen dem Hauptexporteur Hongkong und dem Hauptherstellungsland China. „Weltweit kamen 60 Prozent aller Produkte aus China, mittlerweile ist das vielleicht auf 45 Prozent zurückgegangen“, schätzt der Marburger Spielwarenhändler, der aber auch sagt: „Entfernen Sie doch mal aus Ihrer Wohnung alle Dinge, die aus China kommen – sie wäre ziemlich leer.“

Nachhaltig geht auch beim Verpacken

Ganz oben auf den Wunschzetteln dürften in diesem Jahr die sogenannten Tonieboxen stehen, glaubt Wieland Sulzer. Das sind digitale Hörspielwürfel mit dazugehörigen Figuren – nicht aus Holz, aber dafür aus China und Tunesien. Auch Puzzles dürften sich in diesem Jahr wieder gut verkaufen, das sind populäre Klassiker: „Der Haupthersteller Ravensburger kommt mit dem Liefern nicht nach – Puzzles sind zurzeit das ,Klopapier der Spielwarenbranche‘.“

Moritz Drescher ist stellvertretender Filialleiter von Contigo, einem Laden für fairen Handel in der Marburger Oberstadt. Er erklärt, was für ihn persönlich in punkto Nachhaltigkeit am wichtigsten ist beim Schenken: „Ich achte insbesondere auf nachhaltige Verpackung bei Weihnachtsgeschenken.“ Also: kein Glanzpapier, und möglichst auf die Wiederverwendbarkeit des Verpackungsmaterials achten.

Woher kommt’s, wer hat es hergestellt - und wie? Nachhaltigkeit ist auch beim Textilkauf ein wichtiger Faktor. Foto: Thorsten Richter

Drescher hat auch einen kleinen Trick fürs Einpacken parat: „Kein Klebeband verwenden, sondern nur Schnur, dann kann das geglättete Papier noch einmal verwendet werden.“ Darüber hinaus freue er sich immer, wenn sich Menschen „Dinge schenken, die lange halten“. Wichtig im Contigo-Sortiment sei auch das Thema Upcycling: „Wir haben etwa Produkte aus PET- und Glasflaschen im Sortiment, daraus werden neue Gebrauchsgegenstände gemacht.“

Mittlerweile kann der Laden auch wieder Kaffee und Tee in vom Kunden mitgebrachte Tüten oder Dosen abfüllen: „Das ist mit dem Gesundheitsamt so abgesprochen – das spart nicht nur Geld, sondern schont die Umwelt.“ Bei der Frage nach den Transportwegen wird Moritz Drescher nachdenklich – die Dritte Welt liegt schließlich nicht vor der Haustür: „Wir importieren zum Beispiel Keramikprodukte aus Südafrika, versuchen aber, mit allen 25 Filialen Bestelllisten zusammenzustellen, damit wir gleich einen ganzen Seecontainer voll bekommen.“

Alles gar nicht so einfach

Die Krawatte für Onkel Hans, ein paar Socken für Schwägerin Anne oder eine Daunenjacke für die Tochter – Textilien rangieren ebenfalls ganz vorn auf vielen Wunschzetteln. Petra Persy von Foster Natur in der Oberstadt erklärt, was nachhaltige Kleidung ausmacht: „Wichtig ist, dass die Textilien ohne den Einsatz von Chemikalien hergestellt werden. Auch die Lieferkette muss transparent sein.“ Foster arbeite, wo möglich, mit Herstellern in Deutschland, aber auch mit Produzenten aus Ländern wie Indien: „Das sind dann in der Regel kleinere Kooperativen oder Frauenprojekte.“

Petra Persy blickt kritisch auf Versuche von Textilhandelsketten, sich im Bio-Segment zu etablieren: „Ich frage mich ja auch seit 20 Jahren, wie Lebensmitteldiscounter eine Tomate für Centbeträge anbieten können und dann noch behaupten, das sei Bioware.“ Genauso wenig könne man ein T-Shirt aus Biobaumwolle für 10 Euro anbieten: „Bei uns kostet das dann 30 Euro, hält aber auch dreimal so lange und ist garantiert Bioware.“

Alles also gar nicht so einfach mit dem nachhaltigen Schenken. Wohl dem, der da stricken, kochen, sägen, malen, schreiben oder musizieren kann. Die selbst gemachte Mütze, ein Heidelbeer-Zwiebel-Chutney, ein selbst gezimmertes Küchenregal, ein Aquarell-Stillleben, ein Gedicht oder ein aufgenommenes Lied, das sind Präsente, die auch deshalb nachhaltig sind, weil sie von Herzen kommen. Und für die Talentfreien bleibt immer noch der Gutschein. Aber bitte nicht auf einer Karte aus China, und bitte, bitte: nicht in Glanzpapier und mit Tesafilm einpacken!

Von Carsten Beckmann

12.11.2020
11.11.2020
11.11.2020