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Marburg Ein Krippen-Hörspiel für zu Hause
Marburg Ein Krippen-Hörspiel für zu Hause
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10:55 19.12.2020
Weil es wegen Corona-Regeln anders nicht geht, haben Eltern in Bracht ein Krippen-Hörspiel erfunden. Rund zwei Dutzend Kinder – wie Marie Naumann (4) - haben Texte ihrer Rollen vom Hirtenkind über Engel bis zu Maria und Josef eingesprochen. Entstanden ist eine CD, die nun in Bracht verteilt wird. Nicole Naumann (vorne rechts), Claudia Naumann, Maren Weichsel und Pfarrer Christoph Müller stecken hinter der Idee.
Weil es wegen Corona-Regeln anders nicht geht, haben Eltern in Bracht ein Krippen-Hörspiel erfunden. Rund zwei Dutzend Kinder – wie Marie Naumann (4) - haben Texte ihrer Rollen vom Hirtenkind über Engel bis zu Maria und Josef eingesprochen. Entstanden ist eine CD, die nun in Bracht verteilt wird. Nicole Naumann (vorne rechts), Claudia Naumann, Maren Weichsel und Pfarrer Christoph Müller stecken hinter der Idee. Quelle: Björn Wisker
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Bracht

In Hollywood warten viele ewig auf ihre erste Sprechrolle. In Bracht hat das Marie Naumann im Alter von vier Jahren bereits geschafft. Das kleine Mädchen ist eines von 23 Kindern, die wegen dem Corona-bedingten Adventsgottesdienst-Ausfall nun ein digitales Krippenspiel aufgenommen, als Hörspiel auf CD verewigt haben.

„Gemeinschaft schaffen, zusammen ein Projekt zu haben, ist das Ziel gewesen“, sagt Maren Weichsel, wie die Mit-Organisatoren Claudia und Nicole Naumann Mutter mehrerer Kinder.

In diesem Jahr hätte wegen der Corona-Regeln keiner der Teilnehmer an Kindergottesdiensten in der kleinen Kirche überhaupt üben, geschweige denn das Krippenspiel dort vor Zuschauern aufführen können.

„Den Kindern wird dieses Jahr so viel genommen, wir wollten und konnten nicht zulassen, dass das in dieser eigentlich doch so schönen Zeit so bleibt. Wir wollten für sie etwas möglich machen“, sagt Nicole Naumann und drückt Marie näher an sich.

Es sind manchmal nur Sekunden

Die Idee zum Audio-Krippenspiel war geboren und in der Brachter Welt unterwegs – binnen Tagen trudelten auf Claudia Naumanns Smartphone die Sprachnachrichten der Kinder ein. Die einzelnen Ton-Schnipsel sortierte sie auf dem Computer, regelte Lautstärke und Ton-Qualität, schnitt das Stück zu einem ganzen Hörspiel zusammen.

Auch Maries Beitrag als Hirtenkind ist dabei. Maries Mutter Nicole las zuvor mit dem Mädchen zur Probe das Krippenspiel, später mehrfach den eigenen Text bis die Vierjährige die Worte beherrschte und sicher wie eine Mini-Schauspielerin ins Handy-Mikrofon sprechen konnte. „Bei all den Abstrichen, die vor allem Kinder machen müssen, ist das ein Anflug von Lebendigkeit. Mein Herz schlägt einfach höher, wenn ich den Spaß sehe, den meine Kinder mit dem Hörspiel haben und den ich auch bei anderen heraushöre“, sagt Nicole Naumann.

Weil die einzelnen Rollen, die Textpassagen der Kinder für das Verstehen und Nachvollziehen des Schauspiels dann doch etwas schwierig waren, hat man noch einen Geschichten-Erzähler eingefügt. „Da bemerkt man erstmal, wie viele Zusammenhänge sich erst über das Sehen ergeben. Das ist auch eine interessante Erfahrung aus dieser kleinen Idee, die dann immer größer wurde und die man immer besser umsetzen wollte“, erläutert Claudia Naumann.

„Wir wollen jedem eine Freude machen“

Es sind manchmal nur Sekunden, wo die Mädchen und Jungen im Alter zwischen zwei und 13 Jahren ihren Rollentext aufsagen. Aber es ist etwas bleibendes für die Ewigkeit. Eine positive Erinnerung an eine negative Zeit für die Kinder wie die Eltern. „Man kann auf etwas schönes, gelungenes zurückblicken“, sagt Weichsel.

Das Hörspiel wollen Claudia Neumann und Co. auch alten Menschen geben, die noch mehr unter der Corona-Angst, der Einsamkeit und den Kontaktverboten, dem Ausfall von Gottesdiensten zu leiden drohen. „Wir wollen jedem eine Freude machen“, sagt sie.

In Bracht hat man das Krippenspiel also aus der Kirche in die Wohnzimmer gebracht. Etwas, das historisch gesehen gar nicht mal neu ist: In Teilen Österreichs wurde das Krippenspiel lange als Stubenspiel eben in Wohnzimmern oder Gaststätten aufgeführt. Nur eben, und das ist aus Bracht heraus tatsächlich neu entstanden, nicht mit CD oder Audio-Stream.

„Mit diesem Projekt leben wir Heimat“

„Die Traditionen der Weihnachtszeit bedeuten auch Heimat. Eine, die über den Wohnort hinausgeht. Mit diesem Projekt leben wir Heimat“, sagt Pfarrer Christoph Müller, der auch Grundschulklassen im Dorf unterrichtet und sich dort vor Mitmach-Wünschen nicht retten konnte. Wegen dem regen Interesse im Ort blieb es nicht bei dem Krippenhörspiel, für die besinnliche Zeit 2020 wurden sodann auch Fürbitten, Gebete, Lieder, der Glockenklang der Dorfkirche aufgenommen und auf CD gebrannt. „Es gibt eine spürbare Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Teilnahme und Teilhabe“, sagt Müller.

Der Pfarrer plant gerade, das Stück – zumal es von einigen Teilnehmern wie etwa der Organistin Videomaterial gibt – an Heiligabend als Film ins Internet zu laden und dort statt des eigentlichen Familien-Gottesdiensts zu zeigen. „Jeder Mensch braucht gerade in dieser Zeit etwas schönes. Ich denke, die hörbar positive Stimmung der Kinder, die Begeisterungsfähigkeit kann sich übertragen, auch über Bracht hinaus“, sagt er während die kleine Marie stolz die Hörspiel-CD in den Händen hält.

Über eine christliche Tradition

Das Krippenspiel ist eine szenische Darstellung der Weihnachtsgeschichte, die von der Geburt Jesu handelt. Ein Weihnachtsspiel war im Mittelalter ein geistliches Schauspiel von Laien, das aus liturgischen Weihnachtsfeiern hervorging.

Schon im 10. Jahrhundert gab es das Krippenspiel am Altar um Maria, Josef und das Christuskind. Auch die Verkündigung der Geburt Christi an die Hirten (Hirtenspiel) und die Huldigung des Kindes durch die Heiligen Drei Könige (Dreikönigsspiel) wurden dargestellt.

Daraus entstanden im 12. Jahrhundert die Weihnachtsspiele. Aus dem 13. Jahrhundert ist ein Weihnachtsspiel in lateinischer Sprache erhalten. Es unterscheidet sich vom Krippenspiel vor allem dadurch, dass es weitere Szenen aus der Bibel enthielt wie die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies.

Von Björn Wisker

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