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Marburg Ende von Paragraf 219a: „Ein Schaden, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann“
Marburg Ende von Paragraf 219a: „Ein Schaden, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann“
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12:00 16.12.2021
Die Gießener Ärztin Kristina Hänel.
Die Gießener Ärztin Kristina Hänel. Quelle: Foto: Swen Pförtner/dpa
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Gießen

Im Interview erklärt sie, was es bedeutet, dass die Ampel den Paragrafen nun abschafft – und welche Folgen er hatte.

Frau Hänel, Sie kämpfen seit Jahren gegen den Paragrafen 219a, der es Medizinern und Medizinerinnen verbietet, öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Nun will die Ampelkoalition den umstrittenen Artikel streichen. Wie geht es Ihnen damit?

Es ist eine Bestätigung dessen, wofür ich mich eingesetzt habe und viel wichtiger: Es wird die Situation in Deutschland verbessern. Es ging ja niemals um mich, sondern um die Situation der betroffenen Frauen und ihrer Angehörigen.

Welche Rolle spielten konservative Parteien und Gruppen dabei, dass der Paragraf nicht früher abgeschafft wurde?

Es gab vor einigen Jahren eine Überarbeitung von 219a, die im Grunde nur eine Zementierung des bestehenden Zustandes war. Am Anfang war da vielleicht noch eine Offenheit, aber dann hat sich die CDU dagegen entschieden, sich zu öffnen. Das war noch die Zeit, in der man gedacht hat, man könnte den Rechtsruck in der Gesellschaft auffangen, indem man rechte Themen besetzt. Die katholische Kirche und evangelikale Gruppierungen haben zusätzlich Druck gemacht. So sehr, dass eine Veränderung, die eigentlich die Mehrheit der Bevölkerung wollte, nicht kam. Deswegen gibt es in Polen auch so extrem restriktive Regelungen und die Abtreibungen in Amerika werden wohl stark eingeschränkt werden. Das liegt daran, dass diese Gruppierungen dort so massiv agieren.

Was war am Paragrafen 219a aus Ihrer Sicht problematisch?

Dass die ärztliche Information über einen Schwangerschaftsabbruch verboten wird. Dafür haben wir uns jetzt die ganzen Jahre eingesetzt: die Möglichkeit der sachlichen Information für betroffene Frauen. Dass sie sich über den Eingriff, die Risiken, die Komplikationen und die Ärztinnen und Ärzte informieren können. Das war alles verboten. Frauen mussten sich auf Informationen aus zweiter Hand verlassen. Für sie wurde das Grundgesetz quasi ausgehebelt, weil das Leben des Kindes als höherwertiger betrachtet wird. Ihre Grundrechte auf Würde, körperliche Unversehrtheit und Informationsfreiheit galten im Falle ungewollter Schwangerschaft nicht mehr.

Beeinflussen diese Informationen nicht die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch?

Diese Entscheidung hat mit der Aufklärung nicht viel zu tun. Das wissen wir aus Ländern, in denen Betroffenen die Todesstrafe droht oder die Abbrüche unter medizinisch unkorrekten Bedingungen durchgeführt werden. Die Entscheidung wird trotzdem getroffen. Aber wenn die Entscheidung gefällt ist, dann sollten Betroffene wissen, wo sie gut versorgt werden.

Der Paragraf 219a gilt bereits seit fast 90 Jahren. Welche Folgen hatte das?

Es hat unzählige Verfahren gegen Ärztinnen und Ärzte gegeben. Die meisten wurden eingestellt, deswegen tauchen sie in den Statistiken nicht auf. Ich hatte Kontakt zu 150 Ärztinnen, Ärzten und Krankenhäusern, die alle betroffen waren. Alle haben die Informationen aus dem Netz genommen. Diese Tabula rasa ist ein Schaden, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Ärztinnen und Ärzte wurden angezeigt und verurteilt, wie ich. Einige davon sind jetzt vorbestraft. Das hat natürlich eine abschreckende Wirkung gehabt.

Vor welchen Herausforderungen steht eine Frau derzeit, wenn Sie in Deutschland abtreiben will?

Wenn sie die Entscheidung getroffen hat, sucht sie nach einem Termin für die Schwangerschaftsfeststellung. Einige scheitern bereits hier und bekommen Termine in drei Monaten angeboten. Bei der Pflichtberatung verwechseln einige Pro Femina und Pro Familia und merken erst nach 10 Tagen, dass sie bei Pro Femina nie einen Beratungsschein ausgestellt bekommen. Dann benötigen sie die Kostenübernahme, die von der Kasse ausgestellt wird. Auch hier kann es diverse Hürden geben, unter anderem durch die derzeitige Pandemie und die erschwerten Bedingungen. Dann braucht sie eine Adresse, wo der Abbruch durchgeführt wird, wenn möglich mit der Methode ihrer Wahl. Das kann mancherorts schwierig bis unmöglich sein.

Ihre Verurteilung 2017 hat eine bundesweite Debatte ausgelöst. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Mein Leben hat sich völlig auf den Kopf gestellt. Die kostbare Zeit für Familie, Sport und Musik ist rar geworden. Aber die Erfahrungen, die ich machen konnte in dieser Zeit, waren auch gut. Die ganze Unterstützung und dass ich das Gefühl hatte, ich bin jetzt das Sandkörnchen, das zu einem guten Ende führt. Deswegen würde ich unterm Strich alles positiv sehen – trotz des ganzen Stress und diesem schrecklichen Gefühl des Verurteilt-Seins.

Wie haben Sie sich gegen die Anfeindungen geschützt?

Gegen die Verletzung und die Angst, die das auslöst, kann man sich nicht schützen. Das ist einfach so. Und ansonsten ist die Öffentlichkeit ein gewisser Schutz. Das klingt absurd, denn die Angriffe werden dadurch auch mehr. Aber wenn mich jemand angreift und es kriegt keiner mit, dann bin ich ja viel schutzloser.

Hätte Deutschland mit Abschaffung von 219a im internationalen Vergleich ein eher liberales Verhältnis zu Schwangerschaftsabbrüchen?

In Amerika oder Polen gibt es einen Backlash, aber weltweit haben wir einen Trend zur Liberalisierung. Argentinien, Südamerika und Afrika – da kommt ein Land nach dem anderen, die ihre strengen kolonialistischen Gesetze liberalisieren. Und nachdem jetzt auch Irland liberalisiert hat, war Deutschland im europäischen Vergleich ganz weit hinten. Da hatten nur noch Polen und Malta restriktivere Gesetze. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass restriktive Regelungen keine Schwangerschaftsabbrüche verhindern. Es geht also nur darum, den Zugang für die betroffenen Frauen zu erschweren. Und das bedeutet immer starke gesundheitliche Einschränkungen bis dahin, dass die Frauen dabei sterben.

Paragraf 218, der Abtreibung unter Strafe stellt, bleibt. Ist das konsequent genug?

Die WHO fordert Deutschland schon lange auf, die Pflichtberatung und die Bedenkzeit abzuschaffen, weil sie negative, medizinische Konsequenzen für die Betroffenen haben. Das sehe ich auch so. Eine freiwillige Beratung muss sein und der Schwangerschaftsabbruch sollte eine Krankenkassenleistung sein. Frauen müssen einen guten Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen haben weltweit. Dafür setze ich mich ein.

Von Kira von der Brelie