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Marburg Wirtschaft vermisst Verlässlichkeit vonseiten der Politik
Marburg Wirtschaft vermisst Verlässlichkeit vonseiten der Politik
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16:00 17.11.2021
Ein Mann hält seine Hand vor einen Verteilerpunkt, in dem zahlreiche Glasfaserkabel zur Übertragung von Hochgeschwindigkeitsinternet zusammenlaufen. Der Breitbandausbau steht auf der Agenda heimischer Firmen ganz oben auf der Wunschliste.
Ein Mann hält seine Hand vor einen Verteilerpunkt, in dem zahlreiche Glasfaserkabel zur Übertragung von Hochgeschwindigkeitsinternet zusammenlaufen. Der Breitbandausbau steht auf der Agenda heimischer Firmen ganz oben auf der Wunschliste. Quelle: Foto: Daniel Reinhardt
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Marburg

Im Großen und Ganzen ist die Region ein guter Standort für die hier ansässigen Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung: Zu diesem Ergebnis kommt eine breit angelegte Befragung der IHK Kassel-Marburg, an der sich branchen- und größenübergreifend rund 500 Unternehmen beteiligt haben. Warum diese Befragung? „Wir wollten wissen, was besonders wichtige und dringliche Themen sind und wo wir ranmüssen“, sagt Dr. Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg. Und wer könne dazu besser Auskunft geben, „als unsere Stakeholder, also unsere Mitglieder“. Ziel sei es, nicht nur ein umfassendes Bild zu bekommen, „sondern auch zu sehen, wo wir einen entsprechenden politischen Handlungsdruck ableiten können“.

Die Kammer hat die Ergebnisse ihrer Standortanalyse unter dem Titel „So ist die Lage“ zusammengefasst und veröffentlicht. Gefragt hatte sie nach Bedeutung und Qualität von Faktoren wie digitale Infrastruktur, Fachkräftesituation, Zustand der Straßen und vieles mehr. Das Ergebnis: 81,7 Prozent der Unternehmen beurteilen den Standort als gut oder befriedigend, was für die Attraktivität und Stärke der Wirtschaftsregion in der Mitte Deutschlands spricht. Und weitere 2,6 Prozent bewerten den Standort gar als sehr gut.

Kritische Betrachtungsweise

Also alles bestens? Nein. „Ein Ergebnis ist, dass ein ganz dringliches und wichtiges Thema die Fachkräftesituation in den kommenden Jahren sein wird“, sagt Klein-Zirbes. Dort ist die Diskrepanz zwischen Bedeutung und Zufriedenheit besonders groß: Angebot sowie der Qualifikation von Arbeitskräften messen 94 Prozent der Unternehmer eine große Bedeutung ein – jedoch sind nur 35 respektive 44 Prozent mit den beiden Themen kammerweit zufrieden. Im Altkreis Marburg wird das Angebot von Arbeitskräften mit lediglich 25 Prozent und die Qualifikation mit 29,7 Prozent sogar besonders kritisch gesehen. Und: Auch das Thema Ausbildung wird hoch eingeschätzt – zufrieden sind im Bezirk Marburg jedoch nur knapp 32 Prozent damit.

Klein-Zirbes verdeutlicht: „Das liegt natürlich auch am Akademisierungstrend.“ Es sei gut, dass der Kammerbezirk auch Wissenschaftsstandort sei, „aber das heißt natürlich auch, dass wir noch deutlicher die Karrierechancen auf Grundlage einer dualen Ausbildung kommunizieren müssen und auch Studienzweifler und -aussteiger stark ansprechen sollten“.

Nahezu 100 Prozent aller befragten Betriebe bewerten die Bedeutung der Telekommunikationsinfrastruktur mit wichtig oder sehr wichtig – doch nur die Hälfte ist mit dem derzeitigen Stand zufrieden. In Marburg sind dies jedoch mehr als 60 Prozent – geschuldet wohl unter anderem des frühzeitigen Ausbaus des Netzes durch zunächst den Landkreis und nun durch Initiativen der Deutschen Glasfaser in der Region. Die IHK zieht über den gesamten Kammerbezirk das Fazit: „Trotz der Ausbauerfolge der vergangenen Jahre bleibt aufgrund steigender Leistungsanforderungen der Unternehmen viel zu tun.“

Infolge der Pandemie habe dieser Standortfaktor massiv an Bedeutung gewonnen. „War vor Kurzem noch ein guter ÖPNV zum Arbeitsplatz wichtig, ist seit Beginn der Pandemie die schnelle Datenleitung in das Homeoffice zusätzlich von zentraler Bedeutung“, ergänzt IHK-Vizepräsident Dr. Hans-Friedrich Breithaupt, Geschäftsführer von F. W. Breithaupt & Sohn in Kassel. „Die Studie zeigt außerdem, dass zu hohe Energiekosten vor allem für Industrieunternehmen eine Herausforderung darstellen.“

Wettbewerbsfähige Energiepreise

Kaum verfügbare Ladestellen für Elektro-, Gas- und Wasserstofffahrzeuge wird vonseiten der Unternehmer ebenfalls bemängelt – dort sehen 55 Prozent eine große Bedeutung, Zufriedenheit gibt es lediglich bei 16 Prozent. Ebenso gilt es, den Zustand kommunaler Straßen zu verbessern – den Straßen messen 90 Prozent eine große Bedeutung zu, zufrieden sind 63 Prozent. Doch immerhin: Nach vielen Jahren des Engagements der betroffenen Wirtschaft und Kommunen werde der voranschreitende Bau von Abschnitten der Autobahnen A 44 und A 49 als sicheres Zeichen dafür genommen, dass die Lückenschlüsse der wichtigen Autobahnen in den kommenden Jahren vollendet werden.

Die befragten Unternehmen wünschen sich zudem international wettbewerbsfähige Energiepreise (große Bedeutung: 89 Prozent; Zufriedenheit: 43 Prozent). Hohe Priorität haben auch die Gewerbesteuern (große Bedeutung: 83 Prozent; Zufriedenheit: 57 Prozent). IHK-Vizepräsidentin Désirée Derin-Holzapfel, Geschäftsführerin der friedola 1888 GmbH in Meinhard-Frieda, plädiert in diesem Zusammenhang für eine gewinnabhängige oder wirtschaftskraftabhängige Kommunalsteuer. Denn das führe zu einer „Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit“.

Für Peter Lather, den Vorsitzenden der Regionalversammlung Marburg, steht fest: „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Region Marburg insgesamt ein attraktiver Wirtschaftsstandort ist. Damit die Region weiterhin wettbewerbsfähig bleibt, sind unter anderem Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung, die Beschleunigung des Ausbaus digitaler Infrastrukturen und die Umsetzung wichtiger Infrastrukturprojekte in der Universitätsstadt und in der Region notwendig.“ Doch bewerten die Unternehmer im Altkreis Marburg die Verlässlichkeit der Verwaltung mit dem niedrigsten Zufriedenheitswert im IHK-Bezirk: 100 Prozent messen diesem Thema eine hohe Bedeutung bei – zufrieden sind lediglich 61 Prozent. „Politik und Verwaltung in der Universitätsstadt und im Landkreis müssen wirtschaftsfreundlicher und unbürokratischer agieren. Sie sind zudem gefordert, Wirtschaftsprojekte in stärkerem Maße zu unterstützen sowie gemeinsam mit der Wirtschaft Zukunftsstrategien für die Region zu entwickeln und umzusetzen“, so Lather.

Von Andreas Schmidt