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Marburg IHK-Fusion: Noch nichts "Verbindliches"
Marburg IHK-Fusion: Noch nichts "Verbindliches"
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17:54 09.01.2020
Eberhard Flammer (links), Präsident der IHK Lahn-Dill, und Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe äußern sich im Interview zu einer möglichen Fusion mit der IHK Gießen-Friedberg. Quelle: privat
Dillenburg

Bislang umgesetzt: eine gemeinsame Einigungsstelle zur Beilegung von Wettbewerbsstreitigkeiten und ein Betriebsausflug, damit sich die Mitarbeiter beider Kammern besser kennenlernen. Doch „Verbindliches“ sei bei den ­gemeinsamen Gesprächen „bislang nicht herausgekommen“, sind sich der Präsident der Kammer Lahn-Dill, Eberhard Flammer, und Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe einig.

Der Präsident der IHK Gießen-Friedberg, Rainer Schwarz, hat jedoch kürzlich mit dem Jahr 2024 erstmals öffentlich eine Zahl genannt, zu der die Fusion über die Bühne gegangen sein könnte. Seine Kammer sei dafür bestens aufgestellt, ließ er auf der jüngsten Vollversammlung laut eines Berichts im Gießener Anzeiger verlauten – vor allem im Hinblick auf die IT-Infrastruktur, die er als aktuell, modern und nachhaltig vorstellte. Bei der IHK Lahn-Dill sei dieses Feld noch dezentral bestellt, hieß es weiter.

Bei der IHK Lahn-Dill kommt das nicht gut an – ein Interview mit Präsident Eberhard Flammer und Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe.

Herr Flammer, Herr Loewe: Wird aus IHK Lahn-Dill und IHK Gießen-Friedberg im Jahr 2024 eine große mittelhessische Kammer oder eher nicht?

Die Jahreszahl wundert uns. Denn Verbindliches ist bei Gesprächen, außer einer gemeinsamen Einigungsstelle, bisher noch nichts herausgekommen. Dabei gab es spezifische materielle Auskunftswünsche der Kammer Lahn-Dill, doch die wurden seitens Gießen-Friedberg nicht oder nur sehr ausweichend behandelt, Umsetzungsvorschläge von uns, konkrete Felder der ernsthaften operativen Zusammenarbeit zu benennen, gingen ebenso ins Leere.

Aber Sie haben doch sogar schon einen gemeinsamen Ausflug ­unternommen?

Da hilft auch ein gemeinsamer Betriebsausflug nicht weiter. Durch die öffentliche Verkündung eines möglichen Fusionstermins versucht Präsident Schwarz – unserer Meinung nach – medialen Druck aufzubauen, was in der Sache von den hauptamtlich Verantwortlichen und ehrenamtlich Engagierten an Lahn und Dill für ­unangebracht gehalten wird.

Ist der Fusionsgedanke damit vom Tisch?

Wir teilen die Ansicht von Präsident Schwarz, dass die Bündelung von ­Interessen der ­gewerblichen Wirtschaft in Mittelhessen vorteilhaft ist. Insgesamt können wir uns eine Nutzensteigerung für unsere Mitglieder sehr gut vorstellen. Allerdings sehen wir als Voraussetzung dafür adhoc nicht unbedingt die rechtliche Fusion­ beider Kammern, sondern eher eine abgestimmte, engere ­Kooperation beider Häuser.

„Bei der Fusion unserer Kammern Wetzlar und Dillenburg sind Freundschaften fürs Leben entstanden, und das Ergebnis ist eine solide und sehr leistungsfähige Kammer – perfekt.“

Eberhard Flammer, Präsident der IHK Lahn-Dill

Für uns liegt der Schwerpunkt auf der inhaltlichen Abstimmung von Themen, die wir zusammen angehen möchten. Durch ihre exzellente Arbeit ­beweisen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IHK Lahn-Dill täglich, dass Größe an sich kein garantiertes Erfolgsmerkmal für eine IHK ist – es geht auch klein und fein.

Welche inhaltlichen Abstimmungen sind für Sie die wichtigsten bei einer möglichen ­Zusammenarbeit?

Wir haben die Wünsche der IHK Gießen-Friedberg nach einer engeren Kooperation und dem Streben nach Arbeitsteiligkeit immer erfreut zur Kenntnis genommen und proaktiv begleitet. Wir haben deshalb vorgeschlagen, die Zusammenarbeit zunächst bei einem der arbeits- und beratungsintensiven operativen Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung, Verkehr, Unternehmensförderung/

International oder Recht zu erproben. Wir könnten auch administrative Bereiche wie die Personalverwaltung gemeinsam ausloten. Einen weiteren Schritt könnte auch eine Abstimmung der Personalstellenplanung beider Häuser im Hinblick auf Altersfluktuation darstellen.

Die IHK Gießen-Friedberg sieht offensichtlich Handlungsbedarf beim Thema IT ...

Wir nicht. Im Gegenteil. Mit dem Internetauftritt IHK24 – im Verbund mit rund 50 weiteren Industrie- und Handelskammern in Deutschland – haben wir bereits nach außen einen gemeinsamen Auftritt. Darüber hinaus Daten zusammenzuführen ist für uns ein rein technischer Akt am Ende des Tages. Entscheidend für uns ist der ­bereits jetzt erreichte Digi­talisierungsgrad für effizientes Arbeiten. Hier gehören wir sogar zu den Fortschrittlichsten. Für uns ist die IT, bei aller ­Bedeutung, immer noch Mittel zum Zweck für unsere inhaltliche IHK Arbeit, und daran sollten wir uns orientieren.

Wie geht es konkret weiter?

Inhaltlich haben wir aus Sicht unserer Vollversammlung noch viel zu tun, und das können wir laut unserer Vollversammlung nur durch Arbeit im Detail und in übergreifenden, gemeinsamen Arbeitsgruppen erreichen. Wir haben die Einrichtung solcher kooperativen Teams seit Beginn der Gespräche in 2017 vorgeschlagen. Zwei Kammern können je nach örtlicher Gegebenheit auch als Körperschaften des öffentlichen Rechts und bei gleichem gesetzlichem Auftrag recht verschieden aufgestellt sein; da braucht es viel Geduld und lange Zeit, bevor da Vertrauen entsteht und eine Harmonisierung wirksam wird.

Apropos Harmonisierung: Wie gut kennen Sie sich?

Offen gestanden eben noch nicht gut genug, und wir wollen uns erst besser kennenlernen, bevor wir über die nächsten Schritte reden. Das hat unsere Vollversammlung so festgelegt und wird vom gewählten Präsidium auch so umgesetzt.

Wann?

Da möchten wir noch keinen festen zeitlichen Rahmen stecken. Bei der Fusion unserer Kammern Wetzlar und Dillenburg sind darüber bis 2008 mehr als zehn Jahre vergangen, Freundschaften fürs Leben entstanden, und das Ergebnis ist eine solide und sehr leistungsfähige Kammer – perfekt. Das ist unser Modell, und das haben wir in Gießen–Friedberg auch immer so vorgetragen.

Also zieht sich das über die ­Generationen-Grenze hinweg?

Möglich ist das. Für ein gutes Ergebnis, und darum mühen wir uns, kann sich das auch durchaus über die jetzige Wahlperiode hinaus erstrecken, und dann würden wir unseren Nachfolgern die Entscheidung über die weiteren Wege überlassen; und die werden das alles genauso gut können. So ein Zusammengehen zweier Organisationen können Sie sich genau so vorstellen wie den Zusammenschluss von Firmen oder regionalen Sparkassen: Da wollen auch materielle Umstände genau beleuchtet und bewertet sein. Das müssen die Präsidien beider Häuser nun alles mit einander besprechen. Erst dann erlaubt sich eine Empfehlung an unsere Vollversammlung.

Letztendlich entscheidet also die Vollversammlung?

Ja, unsere gewählte und sehr selbstbewusste Vollversammlung ist unser höchstes Entscheidungsgremium in der IHK. In Gießen-Friedberg ist das ­sicher genauso.

von Iris Baar