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Marburg Ein düsterer Blick in die Zukunft
Marburg Ein düsterer Blick in die Zukunft
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19:39 24.05.2022
Arbeiter auf der Baustelle eines Mehrfamilienhauses. Die Baubranche blickt besonders besorgt in die Zukunft.
Arbeiter auf der Baustelle eines Mehrfamilienhauses. Die Baubranche blickt besonders besorgt in die Zukunft. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
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Kassel

Die „magische Grenze von 100“ ist unterschritten. „Und alles, was darunter liegt, ist herausfordernd“, sagte am Dienstag IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes bei der Vorstellung der Daten aus der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg. 260 von 600 angeschriebenen Betrieben aus allen Branchen hatten sich an der Umfrage beteiligt. Das Ergebnis noch als Eintrübung zu bezeichnen, ist fast untertrieben – in Wirklichkeit sehen viele Betriebe tiefschwarz. Auf 94,4 Punkte ist der IHK-Klimaindex gesunken, der vorsichtige Optimismus zum Jahresbeginn (114,5) und selbst die Skepsis aus dem Vorjahr (105,6) wurde damit abgelöst von tiefer Sorge.

„Die Zuversicht schwindet massiv“

„Der Istzustand ist hier und da noch einigermaßen positiv, aber die Zuversicht schwindet massiv“, so Klein-Zirbes. Seit der Finanzkrise des Jahres 2008 ist die Stimmung in den Betrieben des Einzugsbereichs der IHK nicht mehr so angeschlagen gewesen wie in diesen Tagen. Hatten bisher in den IHK-Umfragen die Unternehmen zuvorderst den Fachkräftemangel als Risikofaktor Nummer eins ausgemacht, stehen mittlerweile die explodierenden Energie- und Rohstoffpreise ganz oben auf der Sorgenliste. „Die Preissteigerungen, die momentan im Business-to-Business-Bereich spürbar sind, werden spätestens im Herbst bei den Kunden ankommen“, prognostiziert der IHK-Hauptgeschäftsführer. Das sehen auch die befragten Unternehmen so: 46,8 Prozent der Firmen haben bereits Kosten- und Preissteigerungen weitergeben müssen, 31,4 Prozent beabsichtigen, dies in Kürze zu tun.

Beurteilen immerhin noch 37,3 Prozent der befragten Unternehmen ihre gegenwärtige Situation als gut, blicken nur noch 11,9 Prozent der Firmen optimistisch in die Zukunft und damit weniger als halb so viele wie im Vorjahr (26,2 Prozent). In der Industrie sackte der Anteil von Unternehmen mit günstiger Zukunftseinschätzung mit 4,4 in den einstelligen Prozentbereich. Noch drastischer sieht es im Baugewerbe aus: Nicht eines der befragten Unternehmen gab eine positive Zukunftsprognose ab. Das war zwar auch im Vorjahr bereits ähnlich, doch hatten da zumindest noch gut 72 Prozent der Bauunternehmen mit gleichbleibenden Geschäften gerechnet – jetzt sehen das nur noch 20 Prozent so in einer Branche, die von Lieferkettenproblemen und steigenden Materialpreisen gebeutelt wird. Als „Schlag in die Magengrube“ bezeichnete Klein-Zirbes diese Zahlen auch deshalb, weil die Baubranche immer auch als Frühindikator der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gelte. Einzig das Gastgewerbe erscheint in der IHK-Umfrage als kleiner Lichtblick. Nachdem Gastronomen und Hoteliers während der Coronapandemie so richtig Federn lassen mussten, blickt die Branche jetzt mit Zuversicht in die Zukunft: 56,3 Prozent der Gastronomen hoffen für den Sommer auf bessere Geschäfte, der Klimaindex steigt auf stolze 124,4 Punkte nach mageren 57,4 Punkten im Vorbericht und sogar nur 26,1 Punkten im Vorjahr.

Forderungen an die Politik

Leicht zurückgegangen, aber insgesamt noch stabil ist im Bereich der IHK Kassel-Marburg die Investitionsneigung der Unternehmen: 29,6 Prozent der Firmen gaben an, ihre Investitionen noch ausweiten zu wollen, 42,2 Prozent rechnen mit einem gleichbleibenden Investitionsniveau. An ihrem Personalbestand wollen knapp zwei Drittel der Firmen nichts ändern, nur 14,5 Prozent wollen in den kommenden zwölf Monaten Arbeitsplätze abbauen.

Klein-Zirbes forderte, die Politik müsse in der gegenwärtigen Situation die Belastungen für die Unternehmen so gering wie möglich halten und so für Stabilität sorgen.

Von Carsten Beckmann