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Marburg Nachts kommen die Bilder zurück
Marburg Nachts kommen die Bilder zurück
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07:58 07.08.2019
Marc Balsam und sein Pippo haben den Beißvorfall von vor drei Wochen einigermaßen überstanden. Die äußeren Verletzungen sind fast verheilt, die Bilder von der Attacke werden die beiden wahrscheinlich noch länger verfolgen. Quelle: Katja Peters
Marburg

Am Montag wurden die Fäden gezogen, die Wunden sind verheilt. Auch die Wundwassereinlagerungen sind weg, jetzt muss nur noch das Fell nachwachsen.

Pippo liegt nach einem Gassi-Gang mit seinem Herrchen Marc Balsam entspannt neben der Couch.

„Es geht ihm gut. Nur wenn es dämmerig wird, dann bleibt er oft nicht mehr mit uns im Garten. Er geht dann lieber rein. Auch bei der abendlichen Gassi-­Runde ist er vorsichtiger als sonst. Schaut, bevor er losläuft“, beschreibt Marc Balsam aus Cappel.

Balsams Hund wurde notoperiert

Er und sein Pippo wurden vor etwa drei Wochen von zwei Bulldoggen in der Moischter Straße angegriffen und verletzt (die OP berichtete). Der Australian Shepherd musste noch in der Nacht notoperiert werden, Marc Balsam konnte die Klinik nach der Wundversorgung wieder verlassen.

„Aber nachts kommen immer wieder die Bilder“, sagt der Hundebesitzer, der minutenlang versucht hatte, seinen Hund zu ­retten und anschließend vor ­Erschöpfung umfiel.

„Es lief mir eiskalt den Rücken runter“

Eine weitere Geschädigte hätte sich beim Ordnungsamt gemeldet. Bei Familie Balsam meldeten sich noch mehr Hundehalter, die auch Erfahrungen mit den aggressiven Tieren gemacht hatten, diese aber nicht angezeigt haben. Am Mittwoch nach der Beißattacke ist er an den beiden Hunden der Rasse Old English Bulldog im Auto vorbeigefahren. „Da lief es mir eiskalt den Rücken runter, weil ich erst einmal registriert habe, wie groß die Hunde wirklich sind“, beschreibt Marc Balsam die Begegnung. Sie wurden an der Leine ausgeführt, trugen keinen Maulkorb und machten einen fitten Eindruck.

Das verwundert. Denn wie die OP auf Nachfrage erfuhr, hatte­ das Ordnungsamt einen Leinen- und Maulkorb-Zwang, auf Grundlage des Paragraphen 11 des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung angeordnet. Am Montag informierte der Anwalt der Besitzer, Dr. Thomas Basten, die OP, dass der größere von den beiden Hunden aufgrund seiner schweren Verletzungen eingeschläfert werden musste.

Ordnungsamt verneint Tötungsanordnung

Von der Polizei ist Marc Balsam hingegen darüber informiert worden, dass einer der Hunde auf Wunsch der Eigentümerin eingeschläfert wurde. Nach OP-Recherche kann allerdings auch das Ordnungsamt eine Euthanasie anordnen. Das regelt Paragraph 14, Absatz 2 der Hessischen Hundeverordnung:

„Die zuständige Behörde kann die Tötung eines Hundes nach ­Paragraph 42 des Hessischen Gesetzes über die öffentliche ­Sicherheit und Ordnung anordnen, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass von dem Hund eine Gefahr für Leben oder Gesundheit von Menschen oder Tieren ausgeht. Die Tötung ist anzuordnen, wenn der Hund einen Menschen getötet oder ohne begründeten Anlass ernstlich verletzt hat.“ Auf Nachfrage verneinte das Ordnungsamt diese Anordnung.

Anwalt: Hund wieder bei der Besitzerin

Über den Verbleib des zweiten Hundes kursieren auch verschiedene Versionen. Die Polizei hatte Marc Balsam mitgeteilt, dass der Hund der Mutter der Besitzerin übereignet wurde. Dr. Basten informierte am Montag, dass der Hund unter Auflagen wieder bei der Besitzerin sei.

Laut seinen Aussagen hätte die Stadt per Eilverfügung Leinen- und Maulkorbzwang verhängt, sowie einen Wesenstest angeordnet, „den der Hund problemlos bestehen wird. Wir gehen davon aus, dass die Auflagen ­wieder aufgehoben werden“, so Dr. Basten am OP-Telefon.

Noch keine Entschuldigung

Die Stadt informierte auf OP-Anfrage allerdings: „Die Frau ist nicht mehr im Besitz von Hunden. Der Stadt Marburg liegt der Abgabevertrag für den Hund vor. Die Frau ist also nicht mehr Halterin des Hundes. Gegenüber der neuen Halterin hat die Ordnungsbehörde der Stadt für den Hund einen Leinen- und Maulkorbzwang sowie einen Wesenstest angeordnet.“

Dr. Basten informierte auch noch, dass die Tiere selbstverständlich versichert sind und betonte, dass beide Hunde angeleint gewesen wären. Laut seinen Ausführungen wäre auch nur ein Hund aggressiv gewesen, der zweite war gar nicht an der Attacke beteiligt.

Seine Mandantin sei nah bei den Opfern, vor allem bei Pippo. Entschuldigt hat sie sich bisher nicht. Das bestätigt auch Marc Balsam, der zumindest diese Geste erwartet hätte.

von Katja Peters