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Marburg Lina rennt
Marburg Lina rennt
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20:58 29.05.2021
Hündin Lina mit Hundehausleitung Stefanie Hecklinger im Cappeler Tierheim.
Hündin Lina mit Hundehausleitung Stefanie Hecklinger im Cappeler Tierheim. Quelle: Larissa Pitzen
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Marburg/Cappel

Jetzt liegt die große schwarze Hündin auf der Couch, als könne sie kein Wässerchen trüben. Sie wirkt verhalten, als sei sie eher in der Rolle der Beobachterin, als auf der Flucht – und doch sie hielt alle Beteiligten über elf Monate in Atem. Und Schwupps – weg war sie, ausgebüxt aus dem neuen Zuhause. Von der Leine hatte sie sich losgerissen. Dass sie es den Beteiligten so schwer machen würde, sie wieder einzufangen, hätte wohl niemand gedacht. Ganze elf Monate versuchten Mitarbeiter des Tierheims Cappel, die Familie von Hündin Lina und Nachbarn, den Hund zu fassen zu bekommen.

Lina ist ein Angsthund

Als sogenannte Angsthündin ist Lina sehr schreckhaft und misstrauisch Menschen gegenüber. Bloße Annäherungsversuche, unbekannte Geräusche und lautes Rufen können sie leicht verunsichern. Da kam die Baustelle auf dem benachbarten Grundstück ziemlich ungelegen. Ein Geräusch hatte sie so sehr verschreckt, dass sie die Leine mit einem Ruck durchtrennte und lief. Die Flüchtige hatte sich zwar ganz zur Erleichterung der Mithelfenden immer im Gebiet um ihr neues Zuhause in Gladenbach-Mornshausen aufgehalten, war jedoch so scheu, dass sie sich nicht von Menschenhand einfangen ließ. „Die Bindung zum Menschen hat ihr gefehlt“, erzählt Stefanie Hecklinger, Leiterin des Hundehauses im Cappeler Tierheim. Auch sie war bei der Einfang-Aktion, die über fast ein Jahr lief, an vorderster Front.

Der Fluchtinstinkt ist groß

Lina sei aus Bulgarien zu ihnen nach Cappel gekommen und von Anfang an eine unsichere Hündin gewesen, berichtet Hecklinger. „Normalerweise lernen Hunde recht schnell, dass sie bei ihrem Menschen Schutz und Zuflucht finden, wenn sie Angst haben“, sagt die Hundehaus-Leiterin. Bei Lina sei allerdings der Menschenkontakt so gering gewesen, dass sie ihr ursprünglicher Fluchtinstinkt übermannt haben muss. Den damaligen Besitzern von Lina sei es durchaus bewusst gewesen, dass Lina kein normaler Hund ist. Mit einem solchen Flucht-Trieb, dass es die Leine zerriss, habe aber niemand gerechnet, sagt Hecklinger. „Das war eine Art Kettenreaktion“, erklärt sie, „Lina hat sich von Angstsituation zu Angstsituation begeben, ihr blieb nur rennen, rennen, rennen.“

Immer einen Schritt voraus

Die Planung für eine erfolgreiche „Gefangennahme“ sollte sich – auch aufgrund der vielen verschiedenen Beteiligten – als schwierig entpuppen. Die Helferinnen und Helfer der Aktion hätten es oft gut gemeint, wenn sie Lina Futter angeboten haben, berichtet Hecklinger, störten dabei allerdings den vom Tierheim und dem Tierschutzverein Darmstadt und Umgebung e.V. geplanten Fang, da sie die Hündin ablenkten. „Sie war uns immer einen Schritt voraus“, berichtet Stefanie Hecklinger. Da Lina sehr schlau ist, durfte man sich keinen Fehler erlauben. Selbst die kleinste Änderung, beispielsweise an der Futterstelle, habe das Tier abgeschreckt. Lina hätte den Kontakt zu Menschen zwar gesucht, ihr habe dann aber der Mut gefehlt zum letzten Schritt, sagt die Hundehaus-Leiterin. Als herkömmliche Einfang-Versuche gescheitert waren, weil die Hündin sie durchschaute, mussten schwerere Geschütze aufgefahren werden.

In die Falle getappt

Die Lösung war eine sogenannte Segmentfalle, welche, wie Harald Nitz, 1. Vorsitzende des Vereins Vermisste/Gefundene Tiere Darmstadt und Umland e.V. erklärt, aus mehreren Zaun-Segmenten besteht, die sich beliebig anpassen und aufstellen lassen. Auf Anfrage des Tierheims war Nitz sofort zur Stelle. „Wir haben uns für die Segmentfalle entschieden, weil viele Hunde diese nicht direkt als Falle ansehen“, erklärt er weiter, „Hunde sehen in der Falle nur einen großen Zaun“, sagt Nitz. Durch installierte Kameras können die Falle und Tiere, die in diese tappen, per Live-Bild beobachtet werden. Eine Lichtschranke löst dann einen Mechanismus aus, der die Tür zufallen lässt. „Als wir durch die Kameras gesehen hatten, dass Lina sich nach mehreren Tagen vor der Falle in diese getraut hatte, ging alles ganz schnell“, berichtet Harald Nitz.

Auf in ein neues Zuhause

Nachdem Lina im Januar 2021 nach elf Monaten dann endlich buchstäblich in der Falle saß, war die Erleichterung groß. „Das war wie in einem Film, wenn man Monate lang versucht, sie endlich wieder in Sicherheit zu bringen, und einem die Ideen ausgehen“, sagt Hecklinger, „erst Tage später wird einem bewusst, dass man es geschafft hat.“ Nun wartet Lina auf ihre neue Familie, die sie schon im Juni in Empfang nehmen darf. Im Vorfeld gab es eine lange Kennenlern-Phase für Hund und Besitzer. Laut Stefanie Hecklinger haben die neuen Besitzer der Hündin schon reichlich Vorerfahrung mit Angsthunden und einen weiteren Hund in der Familie, der Lina Sicherheit bieten kann. Aber „das hätte sie alles schon früher haben können, die Madame“, sagt die Hundehaus-Leiterin grinsend.

Von Larissa Pitzen