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Marburg Plädoyer gegen Umbenennung
Marburg Plädoyer gegen Umbenennung
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15:55 31.07.2020
Professor Hubert Kleinert klinkt sich in die aktuelle Debatte um die Umbenennung der Bismarckstraße ein. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

„Otto von Bismarck war und ist eine zwiespältige Figur. Aber er ist der Gründer des modernen Deutschland mindestens so wie Helmut Kohl der ‚Kanzler der Einheit‘ ist. Und das von ihm geschaffene Reich war keine Demokratie, aber es war auch kein Unrechtsstaat, sondern ein nach den Maßstäben jener Zeit relativ modernes staatliches Gebilde. So jemanden kann man nicht einfach aus der Erinnerung streichen. Das wäre schlicht geschichtsvergessen“: Mit diesen Worten plädiert Hubert Kleinert gegen eine Umbenennung der Bismarckstraße in Marburg und mischt sich im Gespräch mit der OP in die aktuelle Debatte ein.

Kleinert outet sich nicht als Bismarck-Fan und sieht durchaus die Schattenseiten des ersten Reichskanzlers. „Es ist aber für eine Straßenbenennung nicht entscheidend, ob er ein netter Kerl war, sondern welche bleibenden historischen Leistungen er vollbracht hat: in diesem Fall die Sozialreformen und die deutsche Einheit“.

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Der ehemalige Marburger Grünen-Bundestagsabgeordnete behandelt in seiner „Zweitkarriere“ als Professor im Fachgebiet Sozialwissenschaften und Kommunikation der Abteilung Gießen der hessischen Verwaltungs- und Polizeihochschule in Themenblöcken zur deutschen Verfassungsgeschichte seit 20 Jahren immer wieder auch das Leben und Wirken von Otto von Bismarck (1815–1898). Aufgrund der momentanen Debatte hat er sich noch einmal genauer mit Bismarck und der wissenschaftlichen Literatur dazu befasst.

Undatierte historische Aufnahme von Reichskanzler Otto von Bismarck. Quelle: dpa

In der aktuellen Diskussion positioniert sich Kleinert eindeutig. Die im Gefolge der antirassistischen „Bilderstürmerei“ in den USA nach dem Tod George Floyds auch in Deutschland geforderten Umbenennungen von Straßen, Plätzen oder Denkmälern seien zumindest im Fall Bismarcks weit überzogen, meint der Sozialwissenschaftler. Dies sei auch Ausweis eines „ahistorischen Denkens“.

Man könne aber nicht die Messlatten von heute an die Menschen des 19. Jahrhunderts anlegen. „Die Hauptfarbe der Geschichte ist Grau“, wendet sich Kleinert gegen ein schablonenhaftes Analysieren, das nur Helden und Schurken oder Opfer und Täter kenne und zulasse. Und er plädiert für eine detaillierte historische Analyse.

Kleinert wendet sich gegen eine zunehmende Tendenz zu einer „moralisierenden Geschichts-Interpretation“, die „mit Kategorien von heute historische Figuren von vorgestern zu interpretieren sucht“. Angriffe dieser Art gegen die Erinnerungskultur habe es in Deutschland zuletzt zwar vor allem politisch von rechts außen gegeben, Probleme in dieser Hinsicht gebe es aber in den vergangenen Jahren zunehmend auch von der „anderen Seite“, also aus dem links-libertären Milieu. „Das betrifft leider auch das politische Spektrum, aus dem ich komme“, meint Kleinert.

Er wehrt sich nicht grundsätzlich gegen Straßenumbenennungen. So hält er die Bestrebungen, den Namen einer noch existierenden Hindenburgstraße in Darmstadt zu ändern, für „absolut nachvollziehbar“. Denn Paul von Hindenburgs Name sei nun einmal mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler verbunden, und er sei einer der Erfinder der Dolchstoßlegende gewesen.

Bismarck „hat Deutschland geschaffen“

Anders sei es mit Bismarck: Dieser stehe einerseits für die Sozialistengesetze, also für das von 1878 bis 1890 bestehende „Verbot der gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Andererseits sei er aber auch verantwortlich für die Einführung des zu seiner Zeit modernsten Sozialversicherungssystems der Welt, das er gegen heftigen Widerstand der Liberalen zwischen 1883 und 1889 durch den Reichstag gebracht habe.

Bismarck sei zwar kein Demokrat, sondern ein preußischer Konservativer gewesen, dem das Parlament nicht behagt habe. Aber er habe mit der Verfassung des norddeutschen Bundes 1867 ein allgemeines und gleiches Männerwahlrecht eingeführt, das es zu dieser Zeit weder in Frankreich noch in Großbritannien gegeben habe. Vor allem aber sei Bismarck der Reichsgründer.

Nichts mit Naziregime zu tun

„Er hat Deutschland geschaffen. Er hat als preußischer Ministerpräsident den Widerstand der preußischen Elite gegen die deutsche Einheit überwunden. Er hat dazu drei Kriege geführt, den letzten sogar regelrecht provoziert, um den Widerstand Frankreichs gegen die Entstehung des Deutschen Reichs zu brechen und die Widerstände der süddeutschen Länder gegen die Einheit durch Entstehung eines Solidarisierungszwangs zu überwinden“, erläutert Kleinert.

Natürlich werde einem als Demokraten von heute die gescheiterte Einheitsbewegung von 1848 als „Einheitsbewegung von unten“ näherstehen als diese Reichsgründung mit „Blut und Eisen“ von 1871. Und natürlich sei dieses Deutsche Reich im 20. Jahrhundert keine Erfolgsgeschichte gewesen, sondern in der Barbarei des Naziregimes untergegangen. Doch das habe nichts mit Bismarck zu tun, der 1898 verstorben ist.

„Erstaunlich, dass wir damit so große Probleme“

„Es gibt keinen direkten Weg von Bismarck zu Hitler, nicht mal von Bismarck zu Wilhelm II. und dem Erstarken des Nationalismus nach 1890“, meint Kleinert. Insoweit sei die staatliche Einheit bei aller Fragwürdigkeit der Methoden wie der damit verbundenen Kriege doch eine historische Leistung. „Ich finde es auch erstaunlich, dass wir damit so große Probleme haben und selbst die Befürworter Bismarcks lieber mit den Sozialgesetzen argumentieren“, meint Kleinert.

Das habe aber wahrscheinlich mit einer seit Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland immer aggressiver auftretenden politischen Rechten und der Tatsache zu tun, dass die übersteigerte Betonung des Nationalen in der Weimarer Republik zum Bindeglied zwischen den Deutschnationalen und dem totalitären Machtanspruch der Nazis geworden sei.

Sozialdemokraten waren nicht gegen Kolonien

Natürlich sei mit der Nation auch der Nationalismus entstanden und damit verbunden Vormachtsansprüche, Kriege und Blutvergießen. Aber mit dem Begriff der Nation seien eben auch Rechtsstaat und Demokratie verbunden.

Zur in der aktuellen Debatte umstrittenen Frage der Rolle Bismarcks bei der Gründung deutscher Kolonien in Afrika bemerkt Kleinert: „Es stimmt, dass Bismarck der Kongo-Konferenz 1884 vorsaß und mit seinem Schutzbrief für den Bremer Kaufmann Lüderitz die deutsche Kolonialgeschichte beginnt.“ Aber es stimme ebenso, dass Bismarck deutsche Kolonien zuvor lange abgelehnt habe und auch danach skeptisch geblieben sei. Aus 1888 stamme sein berühmter Ausspruch, „meine Landkarte von Afrika liegt in Europa“.

Die treibenden Kräfte in der Kolonialfrage seien andere gewesen. Und grundsätzlich gegen Kolonien seien bis 1906 nicht einmal die Sozialdemokraten gewesen.

Von Manfred Hitzeroth

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