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Marburg Der kleine Piks ist schnell vergessen
Marburg Der kleine Piks ist schnell vergessen
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08:00 23.12.2021
Ein kleiner Pieks und schon fertig: Ida (7) ist stolz auf ihre Corona-Impfung von Kinderarzt Dr. Fikret Yüzgülen.
Ein kleiner Pieks und schon fertig: Ida (7) ist stolz auf ihre Corona-Impfung von Kinderarzt Dr. Fikret Yüzgülen. Quelle: Nadine Weigel
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Stadtallendorf

So ein bisschen unheimlich ist ihr die Spritze dann doch. Schließlich ist die Corona-Spritze ein bisschen länger als die, die Ida normalerweise kennt. Regelmäßig kommt die Siebenjährige zur Hyposensibilisierung in die Praxis von Dr. Fikret Yüzgülen. Die Kleine, die an allergischem Asthma leidet, bekommt dabei Allergene unter die Haut gespritzt. Heute ist Ida aber für die Corona-Schutzimpfung da – und die wird in den Oberarmmuskel injiziert.

„So, schau, war gar nicht so schlimm. Das hast du super gemacht“, lobt Kinderarzt Yüzgülen, als er den Biontech-Impfstoff in Idas linken Oberarmmuskel spritzt. Pflaster drauf, fertig. Stolz ballt Ida die Hand zur Faust und lässt die geimpften Muskeln spielen. „Jetzt kann ich nicht mehr schlimm krank werden“, weiß die Kleine. Auch Mama Verena ist froh. „Ich habe nur auf die Zulassung für 5- bis 11-Jährige gewartet“, betont die Stadtallendorferin.

Selbst wenn ihre Tochter nicht an Asthma leiden würde, hätte sie sie gegen Corona impfen lassen. „Auch wenn es heißt, Kinder hätten meist keinen schweren Verlauf, möchte ich nicht Gefahr laufen, dass Ida zu den wenigen Fällen gehört, die dann doch auf der Intensivstation landen“, sagt die Mutter, die auch Sorgen vor möglichen Langzeitfolgen eines leichten Verlaufs hat.

Kinderimpfung nur mit Termin

Ergänzend zu den Coronaimpfungen der Impfärzte laufen auch die Impfungen über das Gesundheitsamt über die Impfpunkte in Marburg, Dautphetal und Stadtallendorf sowie die mobilen Impfteams weiter. Die Auffrischungs- oder Booster-Impfung werden entsprechend der neusten Stiko-Empfehlung ab sofort drei Monate nach der Grundimmunisierung oder einer Genesung durchgeführt.

Aktuelle Impftermine der mobilen Impfteams, auch für Kinderimpfungen, unter www.marburg-biedenkopf.de/impfangebote. Für alle Termine zur Kinderimpfung ist zwingend eine Terminvereinbarung notwendig, ebenfalls über die Webseite.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow lobt indes die im Vergleich niedrigen Inzidenzzahlen im Landkreis und ein „verantwortungsbewusstes Verhalten“ der meisten Bürgerinnen und Bürger. Er verweist zugleich auf die neue Omikron-Variante, rät dringend zu einer erhöhten Wachsamkeit und gerade an den Weihnachtstagen dazu, Kontakte weiter zu beschränken.

Am 24., 25., 26. und 31. Dezember sowie am 1. Januar 2022 pausiert das Impfangebot des Landkreises. Die Telefon-Hotlines des Gesundheitsamtes sind auch an den Feiertagen erreichbar: Diesen Freitag, Samstag und Sonntag jeweils zwischen 9 Uhr und 14 Uhr unter der Telefonnummer 0 64 21 / 88 95 10 00.

So wie gestern in der Kinderarztpraxis von Dr. Yüzgülen nehmen Corona-Impfungen für Kinder überall im Kreis Fahrt auf. Die ersten Bestellungen des gesondert abgefüllten Kinderimpfstoffs sind eingetroffen. Der Mediziner ist froh, dass es nun richtig losgehen kann, nachdem vor zwei Wochen die Ständige Impfkommission (Stiko) entschieden hatte, künftig eine Corona-Schutzimpfung von Kindern zwischen fünf und elf Jahren mit Vorerkrankungen zu empfehlen.

Oben auf der Prioritätenliste stehen chronisch kranke Kinder, ebenfalls jene, die Kontakt zu ungeimpften Menschen mit hohem Erkrankungsrisiko haben. Im Grunde können aber alle Kinder, auch ohne Vorerkrankungen, geimpft werden, wenn sich die Eltern dafür entscheiden und ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht.

„Die Nachfrage ist schon jetzt riesig, wir stehen aber erst am Anfang“, berichtet Yüzgülen, zugleich im Vorstand der Ärztegenossenschaft „Prima“. Viele Eltern hätten ihre Kinder bereits auf die Liste für eine Impfung setzen lassen. Er dämpft allerdings die großen Hoffnungen auf den schnellen Piks: Der Bund hat zwar versprochen, dass unbegrenzt Kinderimpfstoff bestellt werden kann, die Nachfrage ist aber im ganzen Land entsprechend hoch.

„Wir dürfen das System nicht überhitzen“

Der Arzt hofft, dass nun auch die Logistik den politischen Versprechen hinterherkommt. Vor allem aber gebe es ganz grundsätzliche Grenzen – und zwar beim bereits voll ausgelasteten Praxispersonal: „Wir stehen nun erst recht unter Druck und gehen alle auf dem Zahnfleisch – wir dürfen das System aber nicht überhitzen“, betont Yüzgülen. Völlig ausgebrannte Mitarbeiter dürfe es nicht geben, sonst breche die ganze Impfkampagne zusammen.

Neben dem „normalen“ Praxisalltag sei die Doppelbelastung gerade in der Erkältungszeit spürbar, dennoch werde sich an der Bereitschaft der Impfärzte, Vollgas zu geben, nichts ändern, „es muss ja weitergehen, die Impfungen sind enorm wichtig“, lobt er Medizinerkollegen und Mitarbeiter.

Und die achten auf die umfassende Aufklärung zur Impfung und eine Priorisierung bei den kleinen Patienten: „Vorrang hat der, der am meisten gefährdet ist, als Erstes kommen die chronisch kranken Kinder dran – das ist nur logisch und fair.“ Er rät bei der Terminvergabe zu Geduld und verspricht: „Jeder bekommt ein Impfangebot.“

Die Praxen bereiten sich nun auf eine weiter steigende Nachfrage ab Januar vor, bei allen drei Impfgruppen – Erwachsene, Jugendliche, Kinder. Gerade weil die Stiko seit wenigen Tagen die Booster-Impfung ab drei Monaten nach der Grundimmunisierung empfiehlt. Danach richten sich ab sofort auch die mobilen Impfteams des Kreis-Gesundheitsamtes.

Impf-Priorität haben Kinder mit besonderen Risikofaktoren für einen schweren Corona-Verlauf: Darunter fallen auch erhebliches Übergewicht, angeborene oder erworbene Immunschwäche, Herzfehler oder Lungenerkrankungen mit erheblich eingeschränkter Lungenfunktion.

Ebenso dazu zählen schweres oder unkontrolliertes Asthma, chronische Nierenerkrankungen, chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, schwere Diabetes oder Herzinsuffizienz, eine pulmonale Hypertonie, Trisomie 21 sowie Tumorerkrankungen und maligne hämatologische Erkrankungen.

Von Ina Tannert und Nadine Weigel