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Marburg Luxus ambulante Pflege?
Marburg Luxus ambulante Pflege?
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18:00 08.06.2022
Hilfe bei kleinen Spaziergängen oder Mobilisierung, Hilfe beim Anziehen oder das Anziehen von Stützstrümpfen gehören zu den Leistungen der ambulanten Pflege.
Hilfe bei kleinen Spaziergängen oder Mobilisierung, Hilfe beim Anziehen oder das Anziehen von Stützstrümpfen gehören zu den Leistungen der ambulanten Pflege. Quelle: Fotos: Christoph Schmidt/dpa, Jana Bauch/dpa
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Das Problem, das bislang ungelöst ist: Kein Vierteljahr vor dem geplanten Start sind wichtige Details noch ungeklärt. Laut dem Bundesverband Privater Anbieter (bpa) müssen nun mehr als 20 000 Pflegeeinrichtungen innerhalb weniger Wochen eine neue versorgungsvertragliche Grundlage erhalten und eine Refinanzierungsvereinbarung mit den Kostenträgern verhandeln, die ebenso überlastet sind und sich für einen realistischen Umsetzungstermin eingesetzt hatten. Kurz zusammengefasst: Niemand weiß, wie es nach dem ersten September weitergeht. Fest scheint zu stehen: Die Zahlungen der Pflegekassen je nach Pflegegrad werden nicht erhöht.

„Diese Belastung hätte man den Einrichtungen nach zwei Jahren Pandemie ersparen müssen“, kritisiert der bpa. Es wäre eine Selbstverständlichkeit fairer Gesetzgebung gewesen, erst die Grundlagen zu schaffen und dann den Einrichtungen genügend Zeit für die Umsetzung zu geben.

Laibach sagt, er müsse spätestens Anfang Juli wissen, welchen Anteil die Kostenträger – meistens die Krankenkassen – übernehmen. Denn dass die Kassen die steigenden Lohnkosten auffangen müssen, das ist für ihn selbstverständlich. „Ansonsten müsste ich Konkurs anmelden“, sagt er.

Ziel der ambulanten Pflege ist es, dass alte und kranke Menschen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können und die Angehörigen zugleich von der Pflege entlastet werden.

Pflegefachkräfte, die in der ambulanten Pflege arbeiten, erbringen folgende Leistungen:

  • Hilfe bei der Körperpflege, beim Anziehen, beim Toilettengang oder beim Essen
  • Hauswirtschaftliche Tätigkeiten, zum Beispiel Hilfe beim Putzen
  • Betreuung des Pflegebedürftigen und Unterstützung im Alltagsleben, zum Beispiel Begleitung bei Terminen oder Spaziergängen und Freizeitgestaltung
  • Beratung der Klienten und Angehörigen in pflegerischen Fragen und Vermittlung von Hilfsdiensten, zum Beispiel Essen auf Rädern und Krankentransporte
  • Gegebenenfalls auch häusliche Krankenpflege, zum Beispiel Verabreichung von Medikamenten und Injektionen.

Natürlich müssen diese Leistungen bezahlt werden – Fachleute rechnen mit einem Plus von einem Drittel der bisherigen Kosten.

Auch die Krankenkassen sind aufgeschreckt. „Neben allgemeinen Preissteigerungen bei den Betriebskosten sind auch Teuerungseffekte durch die aktuelle Gesetzgebung für die Pflegebranche möglich“, sagte Carlo Thiedemann, Pressesprecher der Barmer Ersatzkasse Hessen. Denkbar sei, dass bereits jetzt erste Schritte zur Lohnangleichung an das Tariflohnniveau seitens der Leistungserbringer erfolgen.

Die Beträge, die von den Pflegekassen übernommen werden können, seien gesetzlich festgelegt. Die Kosten, die darüber hinausgehen, sind von den Pflegebedürftigen zu tragen. „Somit wirkt sich die Erhöhung in erster Linie auf die Eigenanteile der Pflegebedürftigen aus“, befürchtet Thielmann. Abgerechnet wird nach einem komplexen Punkteschlüssel.

Laibach hält es für denkbar, dass sich alte Menschen nur noch von Montag bis Freitag die Pflegeleistungen gönnen, die die Pflegedienste anbieten. Ein Pflegedienst aus Norddeutschland berichtet von einer Patientin, die sich bekleidet und mit Schuhen ins Bett gelegt habe, weil sie Angst hat, die Hilfe beim Anziehen nicht mehr bezahlen zu können.

So wie ihr könnte es vielen Alten und Kranken gehen: Sozialpolitiker befürchten, dass sie auf der Strecke bleiben, weil sie sich eine höhere Zuzahlung nicht leisten können.

Die Pflegegrade

Pflegegrade erhalten Menschen, die in ihrer Selbstständigkeit und Alltagskompetenz eingeschränkt sind – zum Beispiel Demenzerkrankte, längerfristig psychisch Erkrankte oder geistig Behinderte. Je nach Schwere der Beeinträchtigung erhalten sie nach einer Pflegebegutachtung einen der Pflegegrade: Pflegegrad 1 (125 Euro), Pflegegrad 2 (724 Euro), Pflegegrad 3 (1 363 Euro), Pflegegrad 4 (1 693 Euro) oder Pflegegrad 5 (2 095 Euro)

Was kostet was?

Die Pflegeleistungen werden nach einem komplizierten Punktsystem abgerechnet. Jede Leistung „kostet“ eine bestimmte Zahl von Punkten.
Beispiel Hessen:

Kleine Körperpflege

  • An-/Auskleiden,
  • Teilwaschen einschließlich Transfer zu Waschgelegenheit und zurück bzw. Transfer der Waschutensilien zum Patienten,
  • Mund- und Zahnpflege: 260 Punkte

Wählbare Leistungen

  • Hilfen beim Aufsuchen/Verlassen des Bettes 40 Punkte
  • Kämmen und/oder Rasieren 50 Punkte

Von Till Conrad

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