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Marburg Warnungen müssen ernst genommen werden
Marburg Warnungen müssen ernst genommen werden
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07:57 22.07.2021
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Marburg

Auf den ersten Blick erscheint die Sache sehr wissenschaftlich und sehr bürokratisch: Hochwasserexpertinnen und -experten unterteilen gewässernahe Gebiete in die Kategorien HQ10, HQ 100 und extreme Überflutungsflächen. In den ersten beiden Kategorien sind Hochwasserereignisse alle 10 beziehungsweise 100 Jahre statistisch wahrscheinlich, die dritte Kategorie bezieht sich auf Extremhochwasser.

Beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie ist das Hochwasserrisikomanagement (HWRM) angesiedelt, das für alle Gewässer im Bundesland die Gefahren von Hochwasserlagen errechnet und kartografiert. Schaut man sich auf dieser Karte flussabwärts den im Kreisgebiet liegenden Lahnverlauf an, finden sich schon im Oberlauf an vielen Stellen extreme, rot markierte Überflutungsflächen – nicht unbedingt direkt in Ortslagen, sondern zum Beispiel in der Nähe von Nebenarmen und Zuflüssen oder überall dort, wo das Lahntal – wie etwa bei Ludwigshütte oder direkt in Biedenkopf – relativ eng ist.

In ganz Hessen wird an 116 Pegeln gemessen

Flussabwärts entspannt sich diese Lage nach Buchenau etwas. Durch die Flutmulde bei Cölbe ist auch an der Mündung der Ohm in die Lahn kaum Hochwassergefahr in Verzug, erst ab Wehrda weist die Karte – mit Beginn dichterer Bebauung – wieder das Risiko extremer Überflutungen auf.

Von den Lahnterrassen bis zum Unistadion etwa wird’s eng – wer in Weidenhausen oder am Grün wohnt, muss sich darauf verlassen, dass sich das Lahnwasser flussaufwärts in der Fläche verteilt und der innerstädtische Hochwasserschutz im Zweifel ausreichend ist. Bei Gisselberg und Weimar fließt die Lahn dann weitab von bebauten Flächen durch die Ebene, sodass eventuelles Hochwasser dort kaum innerörtliche Zonen erreichen kann. Das wird erst bei Argenstein und Roth wieder kritischer – Orte, die direkt am Fluss liegen und die nicht zum ersten Mal „Land unter“ hätten.

Für den Verlauf der Ohm weisen die Experten vom HWRM zahlreiche Überflutungsflächen nach HQ 100 aus – fast ausnahmslos jedoch im Bereich der außerörtlich gelegenen landwirtschaftlichen Nutzflächen. Ähnliches gilt für die von Norden aus in die Ohm fließende Wohra.

Zur Messung der aktuellen Wasserstände betreibt das Land Hessen 116 Pegel. Für deren Betrieb und Unterhaltung sind jeweils die Regierungspräsidien in Darmstadt, Gießen und Kassel zuständig. Dieses landeseigene Pegelmessnetz wird ergänzt durch mehr als 40 Pegel von Verbänden, die meist der Steuerung von Talsperren und Hochwasserrückhaltebecken dienen. Zudem gibt es an den Bundeswasserstraßen in Hessen weitere 21 Pegel.

Im Kreis Marburg-Biedenkopf befinden sich Lahnpegel in Breidenbach, Biedenkopf, Sarnau und Marburg. In Wetter gibt es einen Pegel für die Wetschaft, außerdem befindet sich an der Hainmühle ein Ohmpegel. Alle Pegelstände werden mindestens einmal stündlich aktualisiert. Unter der Webadresse www.hlnug.de/static/pegel/wiskiweb2/ lässt sich ablesen, welche Warnstufe an welchem Pegel aktuell gilt. Die Skala reicht dort von grün bis violett - in anderen Worten: von einer entspannten Situation unterhalb der ersten bis zur Hochwasserlage mit überschrittener dritter Meldestufe. In diesem Extremfall sind bebaute Gebiete überflutet und überörtliche Verkehrsverbindungen hochwasserbedingt gesperrt.

Regierungspräsidium ist für die Lahn zuständig

Für die Hochwasserkontrolle der größeren Gewässer - dazu zählt auch die Lahn – sind die Regierungspräsidien zuständig. Die kleineren Gewässer überwachen die jeweiligen Landratsämter, die im Gefahrenfall die notwendigen Alarmierungen veranlassen. „Die Warnung der Bevölkerung kann auf verschiedenen Wegen erfolgen“, erklärt Sascha Hörmann, stellvertretender Pressesprecher des Landkreises Marburg-Biedenkopf: „Wichtig ist die Erkenntnis, dass es nicht das eine, optimale Warnsystem gibt.“

Zum Erfolg trage eine Kombination aus analoger und digitaler Technik bei. Hörmann weiter: „Ein Problem ist tatsächlich, wenn bei einer Katastrophe bereits frühzeitig relevante Infrastruktur wie Strom, Telefon und Internet ausfällt.“ Wichtig sei auch die Bereitschaft der Bevölkerung, die Warnungen ernst zu nehmen und sich daran zu orientieren.

Nach dem Hessischen Brand- und Katastrophenschutzgesetz ist die Alarmierung der Bevölkerung eine Aufgabe der Städte und Gemeinden, die dabei von den Landkreisen beraten und unterstützt werden. Neben Sirenen, Lautsprecherdurchsagen, Rundfunk- und Fernsehmeldungen setzt Marburg-Biedenkopf verstärkt auf den Einsatz sozialer Medien. So werde beispielsweise bei jeder amtlichen Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes diese Warnung unverzüglich über Facebook transportiert, sagt Sascha Hörmann und erinnert an das Unwetter von 2018, das im Kreisgebiet insbesondere Kirchhain getroffen hatte: „Hier hatten wir am Tag des Unwetters insgesamt drei Posts abgesetzt. Zur Warnung in Bezug zu einer Extremwetterlage, kurz darauf anlässlich der Verschärfung der Meldung sowie schließlich zur Kommunikation der Info-Hotline der Stadtverwaltung Kirchhain.“

Seit kurzem ergänzt der Messenger-Kanal des Landkreises das Informationsangebot und seit Anfang Juli ist der Kreis zudem bei Instagram aktiv. Im Umfeld der Unwetterkatastrophe in Rheinland Pfalz und Nordrhein-Westfalen in der vergangenen Woche habe es am 13. Juli auch eine amtliche Unwetterwarnung vor starkem Regen für den Landkreis Marburg-Biedenkopf gegeben, sagt der stellvertretende Kreissprecher: „Diese Warnung wurde über Facebook und Telegram verbreitet, so dass wir über 11 000 Menschen mit dieser Warnung direkt erreicht haben.“

30 000 nutzen die Kat-Warn-App im Landkreis

Darüber hinaus hat der Kreis auch direkten Zugriff auf die Warn-App „KATWARN/HESSENWARN“. Mehr als 30 000 Nutzende haben sich beim Landkreis Marburg-Biedenkopf bei dieser App registriert. Allerdings werden Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes ohnehin direkt über diese App sowie über die Warn-App NINA verbreitet. Darüber hinaus bietet der Deutsche Wetterdienst noch eine eigene Warn-App.

Darüber hinaus, so Hörmann, nutzt der Kreis bei Bedarf seine Webseite, um zu warnen – dafür ist dort ein Laufband installiert, über das wichtige Informationen direkt vermittelt werden können, was derzeit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie genutzt wird.

Von Carsten Beckmann