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Marburg Wenn die Antennen zu empfindlich sind
Marburg Wenn die Antennen zu empfindlich sind
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09:46 17.08.2021
Kristina Steinhauer will das Thema „Hochsensibilität“ ins Bewusstsein der Menschen rücken – und Hochsensiblen zudem helfen.
Kristina Steinhauer will das Thema „Hochsensibilität“ ins Bewusstsein der Menschen rücken – und Hochsensiblen zudem helfen. Quelle: Andreas Schmidt
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Gabe oder Bürde? Hochsensible Menschen nehmen alles um sich herum wesentlich intensiver wahr, als ihre Mitmenschen. Viele leiden darunter, dass ihre Sinneswahrnehmungen so viel intensiver ausgeprägt sind. Für Gesundheitsberaterin Kristina Steinhauer, die als Coach unter anderem in Gesundheitsfragen arbeitet, steht fest: Hochsensibilität ist eine Chance.

Daher möchte sie auf das Thema aufmerksam machen. Und sie will Hochsensiblen dabei helfen, dass auch sie von ihren besonderen Fähigkeiten nicht überwältigt werden, sondern diese ebenfalls als Chance sehen und nutzen. Kristina Steinhauer ist selbst hochsensibel. Und damit ist sie nicht alleine, denn: „Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen – egal, ob Männer oder Frauen –, sind davon betroffen.“

Wahrnehmungsfilter breiter aufgestellt

Doch wie äußert sich das? „Die Antennen sind viel, viel feiner, etwa für Geräusche, aber auch für die Wahrnehmung. Wenn eine hochsensible Person einen Raum betritt, dann spürt sie die Energie, die für viele nicht sichtbar ist.“ Ob es einen Streit gab, ob sich die Menschen gut gefühlt haben oder ob sein Gegenüber ihm die Wahrheit sagt. „Wir brauchen keinen Rhetorik-Kurs, wir können das so ablesen, an Mimik oder Gesten.“

Auch Gerüche würden Hochsensible viel intensiver wahrnehmen. „Wenn ich beispielsweise an jemandem mit einem sehr intensiven Parfum vorbeigehe, dann dringt das ganz tief ein“, versucht Kristina Steinhauer zu beschreiben, wie sie manche Dinge wahrnimmt. Das könne bis hin zur Übelkeit führen. „Denn unsere Wahrnehmungsfilter sind viel, viel breiter aufgestellt“, sagt die Beraterin.

Fühlen, wie es einem Autoren geht

Sie selbst habe in der Kindheit festgestellt, dass sie mehr wahrnimmt, als ihre Mitmenschen. „Ich konnte das zunächst nicht einordnen, denn für mich war es ja normal. Ich dachte, alle würden so viel spüren.“ Ihr Umfeld habe dies zunächst nicht verstanden, was häufig zum Satz „sei doch nicht so sensibel“ führte. Erst mit der Zeit und als sie darüber gesprochen habe, wurde klar: Kristina Steinhauer ist hochsensibel.

Die 37-Jährige gibt einige Beispiele: „Wir hören bei der Musik zahlreiche Zwischentöne, was auch sehr unangenehm sein kann. Oder wir lesen nicht nur einen Text, sondern empfinden, wie es dem Autor geht – oder den Protagonisten.“ Das habe ihr auch eine Frau geschildert, die zu Steinhauer in die Beratung kam. „Sie konnte das Buch nicht weiterlesen, weil sie sich so in einer Szene verloren hatte“, erzählt sie.

Sich die eigenen Fähigkeiten eingestehen

Steinhauer weiß: „Viele Hochsensible opfern sich für ihr Umfeld auf, wollen, dass es allen gut geht. Denn dann gibt es Harmonie - und in der fühlen sie sich wohl.“ Auch Ungerechtigkeit ist ihnen ein Gräuel. Zudem seien sie kreativ und tiefgründig, wollen vieles verstehen. „Und sie sind auch absolut loyal – sowohl in der Beziehung als auch gegenüber ihrem Arbeitgeber. Loyalität ist für sie eine Lebenseinstellung.“

Aber wie können Hochsensible, die unter ihren Fähigkeiten leiden, damit umgehen? „Abstumpfen oder die Filter feiner einstellen geht leider nicht“, sagt Kristina Steinhauer lachend. Zunächst müssten sich die Menschen mit der Situation beschäftigen und sich ihre Fähigkeiten eingestehen. „Das ist häufig nicht leicht, denn Sensibilität wird häufig mit Schwäche gleichgesetzt“, weiß sie.

Lösungsansätze wie Atemtechniken

Steinhauer hat aber auch erfahren, dass in Gesprächen über Hochsensibilität immer nur auf das Negative fokussiert werde. „Ich bin schnell müde, ich bin schnell überreizt, mich strengt alles an – das sind die Dinge, die ich häufig höre. Doch ich ziele in meinen Beratungen auf die positiven Seiten ab.“

Und zu den Bewältigungsmechanismen gehöre es auch, „dass die Menschen die Aufmerksam auf sich selbst lenken, statt auf das Gegenüber. Sie müssen in schwierigen Situationen bei sich bleiben“, beschreibt sie. Atemtechniken spiele etwa eine Rolle, „manchen hilft es beispielsweise auch, den Fokus auf ihre Füße zu lenken“. Die Lösungsansätze seien dabei so individuell, wie die Hochsensiblen selbst. „Aber mit Training kann jeder lernen, mit dem Thema umzugehen – und sich letztlich mit Selbstfürsorge auch zu schützen.“

Steinhauer will Aufklären

Sie will auch über die Hochsensibilität aufklären. „Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Wissen es über das Thema gibt“, sagt Steinhauer. Das wolle sie ändern, denn dadurch steige auch die Akzeptanz. Im Idealfall könnte man schon in Kindergarten oder Schule die Hochsensibilität erkennen.

„Oder Eltern, damit die nicht denken, was mit ihrem Kind nicht stimmt, weil es sich eine Stunde mit einer Blume beschäftigt.“ Für Kristina Steinhauer steht fest: „Sie sollten alle einfach wissen, dass es Hochsensibilität gibt – und dass es nichts Pathologisches ist, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.“

Kontakt

Hier geht's zur Website von Kristina Steinhauer: https://kristina-steinhauer.com/de_de/

Von Andreas Schmidt

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