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Marburg Historiker: Putin will ukrainische Kultur auslöschen
Marburg Historiker: Putin will ukrainische Kultur auslöschen
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20:00 15.07.2022
Der Historiker Professor Dr. Thomas Bohn (Justus-Liebig-Universität Gießen) hielt im Historischen Rathaussaal der Stadt Marburg einen Vortrag zum Geschichtsverständnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin. 
Der Historiker Professor Dr. Thomas Bohn (Justus-Liebig-Universität Gießen) hielt im Historischen Rathaussaal der Stadt Marburg einen Vortrag zum Geschichtsverständnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin.  Quelle: Stefan Dietrich
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Marburg

Es begann mit einem trockenen historischen Vortrag und endete in Gebrüll: Im Historischen Rathaussaal prallten am Mittwochabend unversöhnliche Positionen zum Krieg in der Ukraine aufeinander. Dabei sollte es eigentlich nur um das Geschichtsverständnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin gehen. So hatte es sich offenbar der Gießener Osteuropa-Historiker Professor Dr. Thomas Bohn vorgestellt, der nach eigener Aussage „baff“ war, vor einem Saal mit mehr als 100 Zuhörerinnen und Zuhörern zu stehen.

Bohn war auf Einladung der „Initiative Zeitenwende Marburg“ gekommen. Die spricht sich angesichts des russischen Angriffskriegs klar für eine Unterstützung der Ukraine mit militärischen Mitteln aus. Im Publikum saßen sowohl Unterstützer der Initiative als auch Nato-kritische Friedensaktivistinnen und -aktivisten. Beide machten mit Applaus und Unmutsbekundungen ihre Meinung deutlich.

Und obwohl Zeitenwende-Initiator Professor Dr. Hubert Kleinert zu Anfang betont hatte, es müsse sich niemand wegen einer anderen Meinung als „Störenfried“ fühlen, kam es später zwischen ihm und einem Zuhörer zu einem lautstarken Wortgefecht und zu Tumult im Saal.

Kleinerts Kontrahent hatte mit einem angeblichen Zitat des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj belegen wollen, dass Russland die Ukraine wegen eines drohenden Nato-Beitritts angegriffen habe. „Warum soll Putin in seinem Vorhof akzeptieren, was die USA in Kuba nicht akzeptieren?“, fragte er. Der Politikwissenschaftler und frühere Grünen-Politiker Kleinert zweifelte die Echtheit des Zitats und die Legitimität des Kuba-Vergleichs an, die beiden älteren Herren fielen sich gegenseitig immer lauter ins Wort. Schließlich schrie Kleinert: „Jetzt halten Sie mal Ihren Rand, jetzt habe ich das Wort!“ Er warf den Kritikern „platten Anti-Amerikanismus“ vor. Wenn Russland ein souveränes Land überfalle, könne man doch nicht sagen, das liege an Amerika.

Historische Herrschaftsgebiete

Vor der Eskalation hatte Bohn in seinem Vortrag „Putin als Historiker. Tausend Jahre russischer Geschichte?“ analysiert, welches Geschichtsverständnis der russische Präsident in seinen Reden seit der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 propagiert. Wie Bohn erklärte, gibt es in Putins großrussischem Weltbild eine tausendjährige, kontinuierliche Geschichte der Ostslawen vom Kiewer Rus bis zum heutigen Russland. „Putin begreift die Ukraine als integralen Bestandteil der russischen Geschichte und Kultur“, sagte Bohn. Deshalb habe er die Ukraine als künstliches Gebilde bezeichnet.

Als Argumente gegen Putins Geschichtsbild nannte Bohn historische Herrschaftsgebiete in der heutigen Ukraine und Belarus: Das Fürstentum Galizien im 12. Jahrhundert, der Kosakenstaat im 17. Jahrhundert und das Fürstentum Polozk ab dem 10. Jahrhundert, das später zum Großfürstentum Litauen kam. Erst durch die Expansion des Moskauer Reiches und die Teilungen Polens kamen Belarus und die Ukraine wieder zu Russland.

Viele Details der osteuropäischen Geschichte, die Bohn antippte, dürften dem größten Teil der Anwesenden unbekannt gewesen sein. Mehrere Zuhörer bekundeten später, der Vortrag sei an ihren Interessen vorbeigegangen, nur etwa die Hälfte blieb bis zum Schluss der Veranstaltung.

In der Fragerunde prallten Meinungsäußerungen und rhetorische Fragen auf einen Historiker, der sich nicht zur Tagespolitik positionieren wollte. Aber auf eine Linie, so Bohn, müssten sich doch alle im Saal einigen können: dass physische Gewalt, wie Putin sie zuerst im eigenen Land angewandt habe, und die Überschreitung von Grenzen ein „No-Go“ sei.

„Putin ist angetreten, um die Geschichte und Kultur der Ukraine infrage zu stellen. Was er erreicht hat, ist das Gegenteil“, zog Bohn als Fazit. „Wenn Putins Ziel Auslöschung der ukrainischen Kultur lautet, dann ist meine Aufgabe als Historiker und die Aufgabe der Universitäten, die ukrainische Geschichte zu beleben.“

Von Stefan Dietrich

15.07.2022
15.07.2022