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Marburg „Mutter Erde auf der Intensivstation“
Marburg „Mutter Erde auf der Intensivstation“
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17:58 29.01.2020
Eckart von Hirschhausen hielt im Audimax vor mehr als 900 Studierenden einen Vortrag über den Klimawandel.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Wenige Stunden vor seinem Comedy-Auftritt in der ausverkauften Marburger Stadthalle mit seinem Programm „Endlich!“ hatte Eckart von Hirschhausen bereits ein „Warm-Up“-Programm im auf der anderen Straßenseite gelegenen Audimax.

Auf Einladung des Marburger Medizin-Dozenten Professor Jürgen Schäfer (der deutsche „Dr. House“) hielt Hirschhausen einen Vortrag vor mehr als 900 Medizin- und Psychologie-Studierenden der Uni Marburg. Das Besondere daran: die Teilnahme war kostenlos.

Der Wissenschaftsjournalist und ausgebildete Mediziner gilt aufgrund seiner Präsenz in Fernsehshows in der ARD seit Jahren als „Deutschlands bekanntester Arzt“. Auf humorvolle Weise vermittelt er im Fernsehen und seinen Comedy-Auftritten Wissenswertes aus der Welt der Gesundheit.

Doch jetzt war es ihm ganz ernst: Mit einer Vielzahl von Grafiken, Statistiken und wissenschaftlichen Artikeln unterfüttert diagnostizierte Hirschhausen, dass der Zustand der Erde aufgrund des Klimawandels kritisch sei.

Zwei Aha-Erlebnisse

„Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“, macht Hirschhausen deutlich. Aus Sicht des Medizin-Comedians ist die Klimakrise aber ein akuter medizinischer Notfall. „Mutter Erde“ liege gewissermaßen auf der Intensivstation, machte Hirschhausen deutlich. Seit drei Jahren kümmert sich Hirschhausen auch als Mitglied der Initiative „Scientists for Future“ intensiver um das Thema.

Zwei Aha-Erlebnisse sorgten bei ihm nach eigenem Bekunden dafür, dass er in Sachen Klimawandel aktiv geworden ist. So habe ihm zunächst ein Gespräch mit der US-Schimpansenforscherin Jane Goodall die Augen geöffnet und ihn zum Nachdenken gebracht: Diese habe ihn während des Interviews gefragt: „Wenn der Mensch so intelligent ist, wie er behauptet: Wieso zerstört er dann sein eigenes Zuhause?“

Ein zweites Aha-Erlebnis hatte Hirschhausen dann im Italien-Urlaub, als er in einem mit Film aus Mikropartikeln überzogenen Meer badete. Sein persönliches Fazit war es jedenfalls, sich persönlich in der Klimabewegung zu engagieren und auch die Schülerinitiative „Fridays for Future“ zu unterstützen und ausdrücklich immer wieder öffentlich für ihr Engagement zu loben. In Berlin stellte Hirschhausen gemeinsam mit Mitarbeitern der Klinik Charité eine Klimademo von Angehörigen der Gesundheitsberufe auf die Beine.

Wieso aber können ausgerechnet Ärzte oder Pfleger etwas Besonderes im Kampf gegen den Klimwandel beitragen? Die Gesundheitsberufe zählen laut Umfragen immer noch zu den vertrauenswürdigsten und angesehensten Berufszweigen, erläuterte Hirschhausen. „Wir sind das Gewissen der Nation“, meinte der ausgebildete Mediziner.

Mehr Angebote in Freiburg

Und deswegen forderte er auch in Marburg die Vertreter der nächsten Generation – die Studierenden – auf, sich jetzt in die Klimabewegung einzuklinken und dort aktiv mitzumachen. Der Beifall der Studierenden am Ende des engagierten Vortrags war groß. Hirschhausens Aufruf zu einer Art Gründung einer Marburger Ortsgruppe von „Health for Future“ stieß aber zunächst mal im weiten Rund des Audimax nicht ganz auf die von ihm erhoffte Resonanz.

Etwas mehr als zehn Hände gingen nach oben, als der Comedian nach Freiwilligen fragte, die sich engagieren wollen. „In Freiburg war die Resonanz größer“, zeigte sich Hirschhausen ein wenig enttäuscht. In der inoffiziellen badenwürttembergischen „Öko-Hauptstadt“ hatte Hirschhausen ebenfalls vor vollem Hörsaal vor kurzem einen ähnlichen Mobilisierungsvortrag gehalten.

von Manfred Hitzeroth

 

Immer wieder suchte Eckhard von Hirschhausen im Erwin-Piscator:haus den Kontakt zum Publikum. Foto: Melanie Weiershausen

Auftritt im Erwin-Piscator-Haus      

„Endlich“ heißt das ­aktuelle Tourprogramm von Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Am Montagabend stattete er Marburg einen Arztbesuch ab.
Marburg. Dass Comedy und Medizin wider Erwarten doch zusammen passen, beweist Eckart von Hirschhausen seit Jahren. In seinen Shows im Fernsehen, in seinen Büchern, in regelmäßigen Reportagen und Kolumnen in Zeitungen und Magazinen, auf seinen Tourneen gibt er Gesundheitstipps mit Lachgarantie – ganz ohne ärztliches Fachchinesisch. Es ist ein medizinisches Kabarett, Infotainment vom Feinsten. So, wie am Montagabend vor etwa 1000 Zuschauern im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus.

„Mein Name ist Eckart von Hirschhausen. Ich bin Arzt und ich will sie heute gut behandeln“, stellt sich Hirschhausen dem Publikum vor. Obwohl das eigentlich nicht nötig war. Längst ist er in Marburg kein Unbekannter mehr. Sein Humor ist seine Medizin. Denn anders ist es wohl nicht zu schaffen, dass Themen wie Darmspiegelung und Beckenbodentraining bühnentauglich werden. Immer wieder taucht er ins Publikum ein, sucht die Nähe der Zuschauer und verwickelt sie gezielt mit Aktionen. Nur zu gerne lässt sich das Publikum zudem mit Zaubertricks verblüffen, die selbst schwierige Themen wie den Tod spielerisch amüsant machen.

Attacken aufs Zwergfell

Hirschhausen ist über 50 Jahre alt und somit in der zweiten Hälfte seines Lebens – der besseren Hälfte, wie er auffallend oft betont. Und das ist es auch, was ihn zum Thema und Titel der Tournee bewegte: „Endlich“ befasst sich mit der Zeit, der Lebenszeit und der Vergänglichkeit, und was man aus ihr macht. Eben die „Kunst des endlichen Lebens“. „Keine Angst vor dem Leben, keine Angst vor dem Tod“, lautete Hirschhausens Devise, „denn ohne Tod wäre das Leben unendlich langweilig“. Seine ärztlichen Anweisungen packte Hirschhausen zu gerne zwischen wohlbekannte Kalauer. Vieles wirkt einstudiert und wenig spontan.

Doch Hirschhausen, ganz der Entertainer, holt das Publikum immer wieder ab und startet gekonnt die nächste Attacke aufs Zwerchfell – charmant und amüsant. Und lässt zur Not auch mal 1000 Zuschauer aufstehen und Gospel singen. Oder ABBA. Dabei lässt er sich von seinem Pianisten (und Sidekick) Christoph Reuter begleiten.

Denn, wie Hirschhausen betont, ist das Leben ohne Musik und Tanz nichts, holt sich das Skelett „Der Tod“ hinter der Stehuhr hervor und schwoft mit ihm, erst im Dreivierteltakt dann im leidenschaftlichen Salsaschritt, übers Parkett.

Intimes aus dem Medizinerleben

Auch fand er, besonders in der ersten Hälfte der Show, immer wieder mahnende Worte zum Thema Umwelt. Von Donald Trump und anderen Politikern, über SUV-Fahrer und Aktivisten schlägt er die Brücke zwischen gesunden Menschen und einem gesunden Planeten. Und immer folgt auf den Aha-Effekt auch der Haha-Effekt.

Die zweite Hälfte der Show brachte nicht nur Wissenswertes aus der Medizin, sondern auch Intimes aus dem Leben des Mediziners – mal total albern, mal tiefgründig und nachdenklich, aber stets unterhaltsam. Hirschhausen wandelte gekonnt auf einem schmalen Grat zwischen Sentimentalität und knallharter Direktheit. Er sprach und sang vom Gehenlassen, vom Sich-frei-machen von überflüssigem Ballast, vom Loslassen-Können – nicht nur beim Freeclimbing.

Zum Abschied dankte er dem begeisterten Publikum mit einer Minute Kindergeburtstag, als zahlreiche große Luftballons von der Decke schwebten. Denn „erwachsen werden, aber Kind bleiben“ lautete sein Tipp für ein zufriedenes Leben.
Dass Humor beim Heilen hilft, war der rote Faden. Immer wieder gehen Clowns durch die Reihen, bieten rote Schaumstoff-Nasen an, die gegen eine Spende für Hirschhausens Stiftung „Humor hilft heilen“ zu erwerben sind.

von Tonia Pöppler