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Marburg Hinz und Kunz erklären Sprachen
Marburg Hinz und Kunz erklären Sprachen
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17:58 15.06.2021
Elisaveta Nagolyuk und Andreas Kunz haben gemeinsam ein E-Book und eine Homepage zum Ursprung der europäischen Sprachen entwickelt. 
Elisaveta Nagolyuk und Andreas Kunz haben gemeinsam ein E-Book und eine Homepage zum Ursprung der europäischen Sprachen entwickelt.  Quelle: Privat
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Marburg

Eigentlich sind Hinz und Kunz die Kurzformen für die Namen Heinrich und Konrad. „Im Mittelalter wurden die ursprünglich dem Adel vorbehaltenen Vornamen irgendwann so inflationär benutzt, dass daraus die Kurzformen Hinz und Kunz wurden und heute ,jedermann’ bedeuten“, erklärt Andreas Kunz. Er hat „Hinz und Kunz“ also nicht erfunden, sondern nutzt die eher abwertende Verballhornung der Namen als Figuren, die interessierte Leser durch sein ambitioniertes Sprachprojekt für jedermann führen sollen.

Andreas Kunz ist 55 Jahre alt und von Hause aus Sozialpädagoge, also kein Sprachforscher. Als Geschäftsführer des in Marburg kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten, gemeinnützigen Vereins pro international hat er allerdings viele Erfahrungen im Sprachunterricht mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der ganzen Welt gesammelt.

Die Neugier war geweckt

„Dabei ist mir aufgefallen, wie ähnlich sich manche Begriffe aus verschiedenen Sprachen sind“, sagte er der OP. Seine Neugier war geweckt und wurde zur Berufung. Unterstützt wurde er dabei von der russischen Linguistin Elisaveta Nagolyuk, mit der er seit Anfang des Jahres verheiratet ist. Elisaveta Nagolyuk steuerte auch die vielen ansprechenden Illustrationen bei, die die Internetseite und das jüngst fertiggestellte E-Book auflockern.

Mit Hilfe des Wörterbuchs der Brüder Grimm sei er auf „Wortnester“ gestoßen – also auf Begriffe und Wörter, die einen gemeinsamen Ursprung in indoeuropäischen Sprachen haben, erklärt Andreas Kunz. Das Problem dabei: Den Ursprung eines Wortes wie blasen oder Baum müsse man letztlich bis zum indoeuropäischen Begriff rekonstruieren, weil es vor etwa 6.000 Jahren noch keine schriftlichen Überlieferungen gegeben habe.

60 Wortnester

Man weiß also auch nicht, wie die Völker damals gesprochen haben. So führt er das heutige „blasen“ über das Althochdeutsche blasan und das germanische blaes-a zurück auf die indoeuropäische Form bhle, Baum über das Althochdeutsche boum und das germanische tree bis zum indoeuropäischen deru.

60 Wortnester habe er bislang fertiggestellt, sagt Andreas Kunz. Fünf davon präsentiert er auf der Homepage – weitere erscheinen auf dem E-Book erschienen. Diese „Wortnester“ umfassen auch entlehnte Begriffe. Zudem bietet Andreas Kunz Beispiele aus verschiedenen europäischen Sprachen an.

Viele Sprachen stammen davon ab

Durch seine schön gestaltete Homepage, führen er – „Kunz“ – und die fiktive Figur Hinz, ein Mensch, den er in der Eisenzeit vor etwa 2.400 Jahren verortet, „als sich die indoeuropäische Sprache in Europa (und darüber hinaus) bereits ausgebreitet hatte“.

Die meisten heute in Europa gesprochenen Sprachen stammen von dieser Sprache ab – mit einigen Ausnahmen wie Finnisch, Ungarisch oder Baskisch. Letzteres ist laut Wikipedia heute die einzige nicht-indogermanische Sprache im westlichen Europa und die einzige isolierte Sprache des gesamten europäischen Kontinents.

Illustrationen von Elizaveta Nagolyuk

Hinzu kommt Gertrud, eine ebenfalls fiktive Figur, die Hinterländer Platt spricht. Illustriert wurde die Homepage von der russischen Sprachforscherin Elizaveta Nagolyuk. „Mein Projekt richtet sich an Lehrende. Aber ich habe die Hoffnung, dass es ein breites, historisch und sprachlich interessiertes Publikum finden könnte, denn es kommt nicht aus dem Elfenbeinturm“, sagt Andreas Kunz.

Sehr schön an der Homepage ist eine kleine Zeitachse, die im südlichen Lahntal um 40.000 vor unserer Zeit beginnt und über die Bronzezeit, die Antike bis in die Gegenwart führt. Sie erklärt kurz Besonderheiten wie klimatische Umbrüche, Siedlungsstrukturen oder Migrationen. Vor allem von der Jungsteinzeit über die Bronzezeit bis zur Antike deckt sie auch das Spektrum des Erlebnis-Museums „Zeiteninsel“ ab, das derzeit in Argenstein aufgebaut wird.

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Das E-Book kann auf der Homepage von Hinz und Kunz kostenlos heruntergeladen werden.

Von Uwe Badouin

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