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Marburg Hinter den Kulissen der Stadthalle
Marburg Hinter den Kulissen der Stadthalle
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10:00 24.08.2019
Bastian Lilge ist der Veranstaltungstechnik-Leiter. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Da steht er nun, 13 Meter über den Brettern, die in Marburg fast jeden Abend die Welt bedeuten. Er blickt auf ein Gewirr aus Seilen, Stäben und Scheinwerfern – also auf all das, was die bis zu 1.000 Stadthallen-Besucher, die eine der Dutzenden Shows pro Jahr im Saal genießen, nicht sehen. „Im Verborgenen passiert ganz schön viel“, sagt Bastian Lilge, Veranstaltungstechnik-Chef im Erwin-Piscator-Haus.

Er deutet auf die Wand, an der eine ganze Reihe sogenannter Handkonterzüge – Seile, die über Beschwerung für die szenische Verwandlung der Theaterdekoration eingesetzt werden – hängt. „Während eines Stücks geht es für alle Beteiligen um Timing, und das ist im Vorfeld aller Veranstaltungen für uns gar nicht so viel anders“, sagt Lilge und erklärt die organisatorischen Abläufe im Saal.

Sechs Stunden Vorbereitung

Da ist zunächst die Bestuhlung. In Räumen im Untergeschoss lagern ­hunderte Stühle, Notenständer und auch die berühmten Flügel. Je nach Art und Umfang eines Auftritts muss die Zahl der Stühle immer wieder verändert werden. Dazu kommen Bühnenbild oder Instrumente, Licht, Ton sowieso Reinigung. Täglich sind neben Profis sechs Hilfskräfte etwa sechs Stunden für die Vorbereitungen am Werk. Und was mit Muskelkraft aufgebaut wird, muss auch wieder abgebaut werden – nachts.

Nicht mit Muckis, sondern mechanisch wird eines der Technik­wunderwerke betrieben: Der tonnenschwere Oberrang kann auf Schienen fahren, legt binnen zehn Minuten sieben Meter zurück und macht aus dem Raum den großen oder kleinen Saal. Eine auch nach 50 Jahren völlig funktionale Apparatur, die aber heute so nicht mehr gebaut wird oder nur für viele Millionen Euro Mehrkosten entstehen würde.

Aufzug auf der Bühne versteckt

Das war einer der wesentlichen Gründe, wieso es für die Stadthalle – deren Kerngebilde, der Saal, baulich unverändert blieb – nur ein Um- und kein Neubau wurde. „Es war im Saal zwar einiges an Modernisierung zu tun, aber hier war im Wesentlichen alles in Ordnung, hat funktioniert“, sagt Lilge. So wie auch die mehrstufige Bühne, die im Vorderbereich nicht nur – wie bei Orchestergräben üblich – zweieinhalb Meter, sondern bis zu sieben Meter in die Tiefe fahren kann, um als Lastenaufzug zu fungieren.

Ein anderer Aufzug ist mitten auf der Bühne versteckt – wenn er aus dem Keller der Stadthalle hinauffährt und theoretisch als Show-Effekt bei Konzerten oder Schauspiel eingebaut werden könnte, piept es mehrmals im Saal. Ein Geräusch, das noch kein Gast hörte, da er entgegen ursprünglichen Umbau-Überlegungen bei Aufführungen nicht eingesetzt wird. „Dass es letztlich anders gekommen ist, hängt auch mit den oft wechselnden Bedürfnissen etwa von Theater-Regisseuren, den Bühnenbildern, Platzierungen von Schauspielern zusammen – und der Überraschungseffekt ist auch recht schnell weg, wenn immer wieder jemand in die Luft gehoben wird“, sagt Lilge. So bleiben für den Aufzug nur Versorgungszwecke, etwa Requisitenanlieferung.

Pannen-Eröffnung vor drei Jahren

Hoch, runter – die Aufzüge bewegen sich zwischen den Ebenen, zwischen den Funktionsräumen des Hauses. Und während Bastian Lilge die Seele der Stadthalle gehört, ist Jens ­Dreke Herr des Herzens des Gebäudes. Die Untergeschosse sind sein Reich: Es ist ein Labyrinth aus Rohren, Kabeln und Anzeigen. Strom, Belüftung, Wasserversorgung, Brand- und Notfallsystem. Alleine die von ihm stets im Blick zu behaltenden fest verbauten Kabel – unter anderem Strom- und Datenleitungen, ein ausgeklügeltes System aus Energieerzeugung und Einsparung – umfassen mehr als 195 Kilometer.

Dem Haustechniker darf keine der vielen denkbaren Werteveränderungen auf den unzähligen Anzeigen entgehen. Ohne das Okay der Maschinen unten im Keller gibt es für die Menschen oben im Saal keine Show – so wie bei der Pannen-Eröffnung vor drei Jahren. „Notfallübung heißt bei uns seitdem Eröffnungstag“, sagt Dreke scherzhaft und spielt auf den Feuerfehlalarm an, weswegen die Stadthalle während der Premierenvorstellung geräumt werden, 600 Besucher das Gebäude verlassen mussten (OP berichtete). Im echten Brandfall wäre ein 70.000-Liter-Tank zur Stelle, pro Minute schießen dann 10.500 Liter Wasser aus der Springflutanlage. Ein aus rund 50 Batterien bestehendes Notstrom-System soll zudem die Beleuchtung garantieren; jede Montagnacht wird das getestet.

Temperatur wird kontrolliert

Obwohl es die Besucher nicht merken, sorgt Dreke auch ganz unmittelbar für ihr Wohlbefinden. Er passt – und sei es über sein Dienst-Smartphone – unter anderem auf, dass es im Saal nicht mehr oder weniger als 22,5 Grad sind – dem Mittelwert dessen, was bei Frauen und Männern ein angenehmes Temperaturempfinden hervorruft.

Dreke sagt, er sei „schon immer fasziniert von Technik und wie komplex sie ineinandergreift“; er verstehe es als seinen Job – als einer der 18 Unsichtbar-Arbeiter des Stadthallen-Teams –, „reibungslose Abläufe zu gewährleisten“. Nimmt man die Besucherzahlen als Hinweis auf die Attraktivität des Erwin-Piscator-Hauses, so scheinen die Mittelhessen das Programm und die Abläufe zu schätzen: 89.000 Besucher waren es im Jahr 2017, 93.000 im Folgejahr, und im ­laufenden Jahr ist die Tendenz weiter steigend.

„Es ist ein schönes Gefühl, wie eine Show entsteht, und ein ebenso interessanter Prozess, wie sie wieder verschwindet“, sagt Stadthallen-Chefin Karin Stichnothe-Botschafter, als sie im Backstage-Bereich steht. Also dort, wo sich Promis wie Eckhard von Hirschhausen auf ihren Auftritt vorbereiten. Stars, die in Marburg kaum jemand näher sieht als Feuerwehrleute. Denn wann immer die ­Bühne bespielt wird, gibt es eine Brandwache. Ein Pool Aktiver aus den freiwilligen ­Feuerwehren aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf nimmt dann, für die Augen der Zuschauer verborgen, an den Bühnenrändern Platz und schaut die Shows. „Amüsement statt Alarm ist aber ­jedem lieber“, sagt Stichnothe-Botschafter.

Baukosten und andere Zahlen

Laut der offiziellen Kostenaufstellung – zuzüglich der nicht in diese Übersicht integrierten Baukosten – belaufen sich die Stadthallen-Umbaukosten auf etwa 43,9 Millionen (zuletzt noch ausstehende Rechnungen: 760.000 Euro). Ursprünglich wurde bei der Stadthallen-Sanierung mit etwa der Hälfte der letztlich entstandenen Gesamtkosten kalkuliert. Vom Stadtparlament freigegeben wurden eigentlich 28,7 Millionen Euro.
Zahlen zur Veranstaltungstechnik:

  • 70 Notenpulte
  • 80 Orchesterstühle
  • 59 Mikrofone unterschiedlichster Art
  • 180 Lampen / Scheinwerfer
  • 162 Quadratmeter roter Hauptvorhang
  • 1.000 Quadratmeter schwarze Bühnenvorhänge
  • 800 Kabel für verschiedenste Einsatzgebiete (Ton, Licht, Video, Netzwerk)
  • 976 gepolsterte Stühle im Saal / auf dem Rang
  • Ein eiserner Vorhang mit etwa 100 Quadratmetern Fläche

von Björn Wisker