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Marburg „Aufgeben ist keine Option“
Marburg „Aufgeben ist keine Option“
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07:58 21.09.2021
Der Wiederaufbau im Ahrtal nach der Flutkatastrophe vor neun Wochen schreitet langsam voran.
Der Wiederaufbau im Ahrtal nach der Flutkatastrophe vor neun Wochen schreitet langsam voran. Quelle: Sandra Wedel
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Marburg

Es sind wieder beeindruckende Zahlen: Mit rund 30 Lastwagen und etwa 550 Menschen hat die Hilfsaktion „Wir Hessen helfen“ sich am Wochenende erneut auf den Weg ins Ahrtal gemacht. Ob Heuballen, Futtermittel und Silage – gespendet von Landwirten aus dem Landkreis –, Lebensmittel für die Helfer vor Ort oder weitere Hilfsgüter, „alles wird vor Ort gebraucht“, sagt Ralf Kalabis-Schick vom Orga-Team im Gespräch mit der OP. „Es waren wieder unfassbar viele Menschen mit dabei, alles lief glatt, es gab keine Verletzten“, sagt Kalabis-Schick. Und auch, wenn die Zahlen beeindrucken – „das alles ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, so der Trucker.

Denn: „Die Situation vor Ort ist immer noch unglaublich. Ich war jetzt das fünfte Mal im Ahrtal, und die vier ersten Male haben mich geistig jedes Mal sehr beschäftigt. Aber an diesem Wochenende hat es mich komplett weggehauen, weil ich es einfach nicht fassen kann, wie es vor Ort nach neun Wochen immer noch aussieht“, sagt er. Dieses Feedback habe es auch von zahlreichen Helfern gegeben, „die es sich einfach nicht vorstellen konnten, dass es immer noch so aussieht“.

Daher ist für Ralf Kalabis-Schick die Mission weiter klar: „Ich werde auch weiterhin versuchen, noch mehr Menschen zu finden, die im Ahrtal helfen. Denn es fehlt nicht nur an Material – sondern an jeder Menge Manpower.“ Natürlich müsse man sich bei der Sanierung der Häuser an Abläufe halten. „Aber wenn nach neun Wochen immer noch überall Stemm-Arbeiten stattfinden, weil Helfer fehlen“, so Kalabis-Schick, dann sei das sehr belastend.

In seiner Wahrnehmung hat die Hilfe vor Ort mittlerweile leider nachgelassen. Und auch die „hier bei uns“. Die Flutkatastrophe dürfe aber auf keinen Fall aus der Wahrnehmung verschwinden. Daher ruft Kalabis-Schick dazu auf, ins Flutgebiet zu fahren und mit anzupacken. „Wir haben doch alles, wenn man einen oder zwei Tage opfert, dann ist das wahrlich nicht viel. Und ich weiß genau: Wer einmal geholfen hat, der kommt auch wieder.“ Das sei auch die Resonanz der 500 Helfer des vergangenen Wochenendes gewesen. Und das treibe ihn auch selbst an: „Ich war vor neun Wochen das erste Mal vor Ort – und ich kann nicht aufhören, das geht nicht. Ich würde mich unendlich schlecht fühlen, wenn wir jetzt aufhören würden.“ Auch wenn es weiterhin an vielem im Ahrtal fehle, ist für Ralf Kalabis-Schick klar: „Aufgeben ist keine Option.“

Für ihn steht fest: „Wir müssen aus dem Landkreis Menschen mit ins Ahrtal nehmen. Denn wenn sie wieder nach Hause kommen, dann erzählen sie, was da unten los ist.“ Daher bitte er auch alle Helfer immer darum, jedem – vom Familien- bis zum Freundeskreis – von dem Erlebten zu erzählen. „Setzt es bei Facebook und Instagram rein, macht Bilder und erzählt, wie es euch geht“, so Kalabis-Schick. Denn nur so könne man auf breiter Front dafür sensibilisieren, dass im Flutgebiet „noch lange, lange nicht alles gut ist“. Es gebe auch nach gut zwei Monaten immer noch Häuser, „in denen unsere Helfer die ersten überhaupt sind, die dort aufschlagen“.

Dabei sei die Hilfe vor Ort mittlerweile gut organisiert und strukturiert: So gibt es das „Helfer-Shuttle“, bei dem Hilfsbedarf angemeldet werden kann. „Dort wird dann die Liste nach und nach abgearbeitet. Aber das geht eben nur in dem Maße, in dem auch Helfer da sind.“ Die Arbeiten am Wochenende hätten „vom Vorgärten reinigen über das Stromkabel ziehen bis hin zur Seelsorge“ alles umfasst. Pensionierte Verwaltungsfachangestellte seien im Hilfstrupp dabei gewesen, „die haben geholfen, Anträge auszufüllen – das zeigt: Jeder kann helfen, die Menschen vor Ort können jede Hand gebrauchen“.

Das Organisations-Team hat beschlossen, diese Woche „komplett zu pausieren. Denn nach den Eindrücken des vergangenen Wochenendes sind wir komplett am Limit, das müssen wir erst einmal verarbeiten“. Das heiße nicht, dass die Arbeit ruhe. „Aber wir werden uns eine Woche lang auf das Tagesgeschäft konzentrieren, das ohnehin anspruchsvoll genug ist. Und dann planen wir kommende Woche die weiteren Aktionen.“ Ralf Kalabis-Schick verspricht: „Wir machen weiter. Und freuen uns über jede Unterstützung. Denn wir dürfen die Menschen im Ahrtal nicht ihrem Schicksal überlassen.“

Kontakt: www.facebook.com/Hessenhelfen

Von Andreas Schmidt

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