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Marburg Hilfestellung nach der Haft
Marburg Hilfestellung nach der Haft
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12:58 27.02.2021
Diplompädagogin Kerstin Özülkü von der Eingliederungshilfe Marburg stellte im Rotkehlchen das Kunstprojekt für entlassene Straftäter vor.
Diplompädagogin Kerstin Özülkü von der Eingliederungshilfe Marburg stellte im Rotkehlchen das Kunstprojekt für entlassene Straftäter vor. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Kunst als Mittel gegen die Antriebslosigkeit, als Hilfestellung beim Neustart in ein straffreies Leben nach der Haftstrafe. Das ist der Ansatz eines Kunstprojekts der Eingliederungshilfe Marburg für entlassene Straftäter. Aus diesem entstanden Dutzende Bilder, die nun ungesehen im Rotkehlchen hängen.

Die Pandemie hat der Ausstellung den sprichwörtlichen Knüppel zwischen die Beine geworfen, das Restaurant ist wie alle anderen geschlossen, die Kunstwerke in allen Größen und Farben sollten eigentlich die Besucher erfreuen und auf ein besonderes Projekt hinweisen.

Seit 1953 gibt es den Verein

Denn dass die Bilder entstanden sind, sich über Monate hinweg ein Dutzend entlassener Straftäter an die Kunst herantraute, eigene Werke kreierte, das sei nicht selbstverständlich, „das ist etwas besonderes, etwas einzigartiges, dass uns hier gelungen ist“, sagt Hermann Köhler, Dekan des Kirchenkreises Kirchhain und erster Vorsitzender der Eingliederungshilfe Marburg.

Der 1953 gegründete Verein zur Resozialisierung und Prävention für straffällig gewordene Menschen stellt diesen verschiedene Angebote zur Verfügung, steht in Kontakt mit der Gerichts- und Bewährungshilfe und unterhält den Bereich „gemeinnützige Arbeit“, über die Verurteilte Arbeitsstunden ableisten. Kulturangebote sind ein weiterer Aufgabenbereich, wie etwa das Kunstprojekt, das im Sinne der Freizeitpädagogik entstand.

Standbein fürs neue Leben

Als Künstler versuchten sich dabei straffällig gewordene Menschen, die für verschiedene Taten verurteilt wurden, ihre Strafen bereits verbüßten – von wenigen Monaten auf Bewährung bis zu mehrjährigen Gefängnisstrafen. Danach zurück in ein geregeltes Leben in Freiheit zu finden, sei eine große Hürde, gerade wenn es schon an grundlegenden Voraussetzungen hapert: „Wenn man keine Wohnung hat, findet man keine Arbeit – wenn man keine Arbeit findet, hat man keine Wohnung.“

Die Eingliederungshilfe versuche diesen Kreislauf zu durchbrechen, bietet entlassenen Straftätern Übergangswohnen und betreutes Wohnen an. „Man muss Hilfestellungen bekommen, um den Weg zurück zu finden“, sagt Ex-OB Egon Vaupel, Beisitzer des Vereins. Auch die Kunst biete da ein Standbein, gegen die Verunsicherung, die das Leben in Freiheit mit sich bringen kann, „um sich zu äußern, sich auszudrücken und mit sich selbst ins Reine zu kommen“.

Selbstvertrauen aufbauen

Etwas anpacken, Selbstvertrauen aufbauen, das soll beim Neustart helfen, „unser Personenkreis hat meist keine Beschäftigung, keine Hobbys und kein Geld, um sich etwas leisten zu können“, erklärt Diplompädagogin Kerstin Özülkü, die das Projekt entwickelte und begleitete. Die ersten Bilder entstanden seit 2018 durch die „pouring“-Technik, eine Mal- und Gießtechnik: Verschiedene Acrylfarben werden mit weiteren Zutaten gemischt und aus Bechern übereinander auf die Leinwand gegossen, wodurch verschiedene Effekte entstehen.

Die Idee kam an bei den Betreuten, das Projekt entwickelte sich, wurde größer, „viele wollten das mal ausprobieren und waren erstaunt, dass sie so etwas überhaupt herstellen konnten“, berichtet Özülkü.

Offene Werkstatt

Die Kunstgruppe zog schließlich in eine offene Werkstatt in der Stadt und auch die selbst hergestellten Leinwände wuchsen. Die ersten großformatigen Bilder konnten bereits in den Fluren der sozialen Dienste der Justiz als Leihgabe aufgehängt werden. Die große Ausstellung zog mit 20 Bildern schließlich im November ins Rotkehlchen bei der Waggonhalle.

Dorf hängen die Bilder noch mindestens bis März, weiterhin ohne dass Besucher sie betrachten können. Sie sollen dennoch gesehen werden, dann eben digital per Video. Ein Film zeigt die virtuelle Ausstellung und ist auf der Facebook-Seite der Waggonhalle zu finden.

Das Video zur Ausstellung ist bei Youtube auf dem Kanal Kirchenkreis Kirchhain zu finden: https://youtu.be/EpLEGZwhvX8

Von Ina Tannert