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Marburg Wenn Keime ein Leben zerstören
Marburg Wenn Keime ein Leben zerstören
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10:50 20.10.2019
Hildegunde Baur aus Marburg lebt seit zehn Jahren mit einer offenen Wunde am Fuß, in die sich verschiedene multiresistente Keime eingenistet haben, darunter der MRSA-Erreger. Quelle: Ina Tannert
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Michelbach

Einfach mal wieder zwei normale Schuhe anziehen, ein paar Schritte gehen, das wünscht sich Hildegunde Baur am allermeisten. Und das seit zehn Jahren. Doch der dicke Verband an ihrem Fuß lässt ein normales Leben nicht zu. ­Viele Schicksalsschläge musste­ die Seniorin bereits einstecken. Sie ist durch eine Erkrankung nahezu blind, ihr Mann ist gestorben, nach mehreren Hüft-Operationen ist sie zunehmend gehbehindert. Dann kam vor Jahren eine weitere Hiobsbotschaft: Sie leidet an mehreren multiresistenten Erregern (MRE), ­eine dauerhaft offene­ Wunde am Fuß macht der 84-Jährigen das Leben schwer.

Täglich muss der Verband von einem Pflegedienst gewechselt werden, ­regelmäßig stehen Fußbäder, weitere ­Behandlungen, Abschabungen, Hauttransplantationen,­ neue Antibiotika-Dosen an. ­Ohne ­Erfolg. Die ­Seniorin fühlt sich von einem ratlosen Arzt zum nächsten „weiter gereicht“, erzählt sie.

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Hildegunde Baur kämpft um die Heilung und um ihren Fuß, hofft dabei auf neue Therapien rund um bakterienfressende Viren. Quelle: Ina Tannert

Auslöser des Ganzen war eine kleine Wunde, die sie sich 2010 bei ihrem Umzug nach Michelbach zuzog. Im Umzugsstress stolperte sie und stieß sich das Bein. Eine Lappalie, die sich zu einem großen Problem entwickelte. „Es war erst mal nichts Schlimmes, nur ein kleines Loch ist entstanden“, erinnert sie sich. Erst als die kleine Wunde zu eitern begann, ging sie zum Arzt. Der gab ihr eine Wundsalbe, die nicht half. „Das Loch heilte einfach nicht zu, wurde immer größer, nach fünf Jahren war die Wunde handtellergroß.“

Die Resistenz ist der größte Feind

von Ina Tannert

Eine übermäßige Vergabe von Antibiotika gilt als Auslöser für Resistenzbildung und die Entstehung von multiresistenten Keimen (MRE). Davor warnt das MRE-Netz Mittelhessen, in dem auch der Kreis über das Gesundheitsamt vertreten ist. Das Netzwerk setzt sich für eine strengere Vergabepraxis von Antibiotika ein, klärt auf und spricht Handlungsempfehlungen für potenziell gefährdete Berufsgruppen aus, vom Altenpfleger bis zum Fahrer von Krankentransporten, berichtet Dr. Martin Just vom Fachdienst Infektionsschutz. Aufklärung zielt dabei auch auf niedergelassene Ärzte, die 85 Prozent aller Antibiotika für Patienten vergeben würden. Das Ziel des Verbunds: Eine rationale Antibiotikavergabe und die Verbreitung von MRE verhindern.

Die Keime, darunter auch MRSA, sind überall anzutreffen und in der Natur weit verbreitet. Alleine etwa 30 Prozent der Bevölkerung tragen Staphylokokken auf der Haut. Ein bis drei Prozent davon sind multiresistente MRSA, sagt Professor Frank Günther, Leiter der Krankenhaushygiene am Uniklinikum. Gesunde Menschen werden davon im Regelfall nicht krank, „zum Problem wird der Keim erst, wenn er dorthin gelangt, wo er nicht hin soll, ins Gewebe“.

Ein besonderes Risiko bestehe für Betroffene mit geschwächtem Immunsystem, offenen Wunden, chronisch Kranke oder Frühgeborene. Bei MRSA sei jedoch ein Rückgang zu verzeichnen: Im Vergleich zum Jahr 2007 gingen die Fallzahlen in 2017 bundesweit um rund 20 Prozent zurück. Im selben Jahr waren im Landkreis zehn MRSA-Fälle als invasive Infektion bekannt. 2018 waren es sieben.

Ein Abstrich brachte schreckliche Gewissheit – in die Wunde waren gleich mehrere multiresistente Erreger (MRE) eingedrungen, darunter der Keim Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA). Seit Jahren lebt die Seniorin mit der offenen Wunde, war in diversen Spezialkliniken. Langfristig geholfen hat keine Behandlung. „Es kommt einfach immer wieder, sitzt wie ein grüner Schimmel auf der Wunde“, ärgert sie sich.

Das Vertrauen in übliche Behandlungsmethoden hat Hilde­gunde Baur längst verloren, doch aufgeben will sie nicht, kritisiert, dass medizinisch lediglich die Symptome bekämpft werden, nicht die eigentliche Ursache. „Mein ganzes Leben wird davon in Mitleidenschaft gezogen, es muss dafür doch ­eine Lösung geben“, ist sie sich sicher. Den letzten Vorschlag ­einer ihrer zahlreichen Ärzte will sie nicht einfach hinnehmen: Eine Amputation des Fußes. „Dagegen wehre ich mich, ich kämpfe um meinen Fuß“.

Bakterienkiller könnten Alternative werden

Sie hat sich selber über alternative Therapien informiert, stieß dabei auf die Phagentherapie. Eine Behandlungsform, bei der grob gesagt die resistenten Keime mithilfe von bakterienfressenden Viren – den Bakteriophagen – bekämpft werden. Die weit verbreiteten Viren kommen im Alltag überall vor, befallen und zerstören aber nur jene Bakterien, auf die sie sich spezialisiert haben.

Klingt einfach und effektiv, die Behandlung ist jedoch vor allem in Osteuropa und Asien verbreitet, in Deutschland derzeit nicht zugelassen. Hierzulande gilt die Therapie nach wie vor als experimentell, wird nur in Ausnahmefällen angewandt. Die Krankenkasse würde ihr eine Behandlung im Ausland nicht zahlen, sagt Baur. Dabei gelte die Therapie als erfolgversprechend, sei für den Menschen ungefährlich.

Ganz so einfach sei diese Form der Behandlung jedoch nicht anzuwenden, sagt der Mediziner und Umweltwissenschaftler Professor Frank Günther, Leiter der Krankenhaushygiene am Marburger Uniklinikum. Er ist bei der Phagentherapie vorsichtig. Diese könnten zwar durchaus und „sehr gezielt“ eingesetzt werden, ob diese aber ­gegen komplexe Bakterienpopulationen tatsächlich wirken, ohne zu schädigen, sei noch nicht ausreichend erforscht. Auch aufgrund der Vielfalt an Erregern: „Alleine bei MRSA gibt es Tausende genetische Varianten und man bräuchte ganz spezifische Phagen.“

MRE

Als multiresistent definiert, werden Keime, bei denen verschiedene Wirkstoffklassen von Antibiotika keine Wirkung mehr zeigen. Entwickelt sich eine Infektion mit MRE, fällt ein großer Teil der Antibiotika für die Therapie weg. Etwa jene, die auf Basis von Penicillin entwickelt wurden. Zum Einsatz kommen dann unter anderem Reserve-Medikamente, teils mit schwereren Nebenwirkungen oder schlechterer Wirksamkeit. Ein in eine Wunde eingedrungener Keim ist nicht sofort ­lebensbedrohlich, auch noch nicht unbedingt meldepflichtig. An zentrale Stelle weitergeleitet muss die Infektion dann, wenn ein MRE-Keim im Blut oder im Nervenwasser festgestellt wurde.

Auch was mögliche Begleiterscheinungen oder Schäden angeht, sei die Forschung noch nicht weit genug fortgeschritten, „man weiß nicht, ob man zum Beispiel mit gentechnisch veränderten Phagen die Büchse der Pandora öffnet und damit langfristig mehr schadet“, schätzt Günther. 

Durch den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika, die damit einhergehende Verbreitung von MRE und der Rückgang der Entwicklung neuer Antibiotika – die großen Pharmaunternehmen haben sich aus der Forschung zurückgezogen – werden neue Behandlungsformen notwendig.

Die Phagentherapie ist auch in der deutschen Medizin Thema. Und es wird geforscht. ­Etwa am Leibniz-Institut DSMZ (Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH). Wie das Institut auf Nachfrage mitteilt, etwa im Rahmen des Projekts „Phage4­Cure“ – die erste deutsche klinische Studie mit Anwendung von Phagen, die 2017 bewilligt wurde. Das Ziel ist die Entwicklung von Bakteriophagen als zugelassenes Medikament gegen bakterielle Infektionen.
Die Idee ist dabei nicht neu, laut Institut gar über 100 Jahre alt. Die deutsche Forschung steht dennoch am Anfang, das Thema erregt jedoch angesichts verbreiteter Multiresistenzen zunehmend mehr Aufmerksamkeit.

von Ina Tannert