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Marburg Lichtsmog: Warum es uns alle angeht
Marburg Lichtsmog: Warum es uns alle angeht
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09:00 29.04.2022
Marburg erstrahlt bei Nacht. Was schön aussieht, ist für die Umwelt nicht wirklich gut.
Marburg erstrahlt bei Nacht. Was schön aussieht, ist für die Umwelt nicht wirklich gut. Quelle: Thorsten Richter
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Laternen spenden Licht, damit wir auf dunklen Wegen sicher nach Hause kommen, und LED-Leuchten verschönern unsere Gärten, auch nachts. Doch so schön und praktisch die fortschreitende Entwicklung der elektrischen Beleuchtung auch ist, Licht bringt auch Probleme, denn es verschmutzt unsere Umwelt. Schon 2016 belegten Forscher durch eine Studie, dass rund 83 Prozent der Weltbevölkerung und sogar 99 Prozent der Europäer unter einem lichtverschmutzten Himmel leben. Neben Kommunen sowie Gewerbe und Industrie nehmen hier zunehmend auch Privatgrundstücke Einfluss auf die sogenannte „Lichtverschmutzung“ – auch in Marburg.

„Lichtverschmutzung ist ein Übermaß an Lichtemission, das zu Gesundheitsschäden bei Menschen, Tier und Pflanzen führen kann“, erklärt Walter Gröning, Astrophysiker und Mitglied im Hessischen Netzwerk gegen Lichtverschmutzung. Denn nachdem viele Tier- und Pflanzenarten auf der Erde ihre Existenz an der Sonne beziehungsweise dem Mond ausrichten, gerät das Leben dieser Lebewesen durch künstliche Beleuchtung bei Nacht zunehmend aus dem Takt. „Die Natur hat ein Gleichgewicht geschaffen, das wir zerstören“, erklärt Gröning. Ein Hauptziel des Netzwerkes ist es daher unter anderem, eine Obergrenze für Beleuchtungsstärken gesetzlich festzuhalten.

Definition

„Lichtverschmutzung“ bezeichnet die unverhältnismäßige Erhellung der Nacht durch künstliches Licht und gehört neben Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung in den Bereich der Umweltverschmutzung. Dabei wird das Licht, das in die Luftschichten der Erdatmosphäre gelangt, durch die Schichten der Atmosphäre, Staub oder Wasser reflektiert und in großem Umkreis zerstreut. Es wird davon ausgegangen, dass in Deutschland und Europa die Lichtverschmutzung jährlich um rund sechs Prozent zunimmt.

Weitere Informationen unter online unter https://www.lichtverschmutzung-hessen.de/

„Das hellste an natürlicher Lichtquelle ist der Vollmond. Wenn wir ihn als natürlichste Quelle nehmen, dann ist alles andere künstlich“, erklärt Gröning. Dieses künstliche Licht führt dazu, dass nachtaktive Tiere wie der Igel oder die Fledermaus in der Folge bei ihren nächtlichen Aktivitäten – wie Nahrungssuche oder Fortpflanzung – gestört, geblendet oder anders irritiert werden. Die Folgen können Verhaltensänderungen sein und sogar dazu führen, dass ganze Arten aussterben. „Die Evolution braucht Zeit und diese Zeit war zu kurz, als dass das Ökosystem auf diese künstliche Helligkeit reagieren hätte können“, erklärt Gröning.

Zu beobachten sind diese Auswirkungen schon bei manchen Vogelarten, die in der Nähe von Straßenlaternen früher anfangen zu singen als ihre Artgenossen an weniger beleuchteten Orten. Neben Tieren, die den Schutz in der Hecke oder auf dem Baum suchen, fühlen sich auch Pflanzen durch das unnatürliche Licht zunehmend gestresst.

„Bäume tragen länger Laub und sind anfälliger für Krankheiten“, erklärt der Astrophysiker. Problematisch ist das Licht ebenso für Insekten. So entwickelt sich die Straßenbeleuchtung für sie zu einer tödlichen Gefahr, nachdem sie diese entweder mit dem Mond als Orientierungspunkt verwechseln oder durch das Licht geblendet werden. Laut dem Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz verenden demnach hunderte in einer Sommernacht an einer einzigen Laterne.

Mehr zum Thema

Ein Interview mit Astrophysiker Walter Gröning zur Thematik „Lichtverschmutzung“ lesen Sie hier: Verlieren wir den Sternenhimmel?

Aber nicht nur Pflanzen und Tiere haben ihren Organismus auf die Nacht abgestimmt, sondern auch der Mensch. „Ein häufiger Faktor von Lichtverschmutzung sind Schlafstörungen“, sagt Walter Gröning. Denn sobald es dunkel wird, produziert der menschliche Körper das Hormon Melatonin, das die Funktion hat, den Körper in den Ruhezustand zu versetzen. Durch künstliches Licht am Abend wird diese Ausschüttung des Hormons verzögert, was sowohl das Einschlafen wie das Aufwachen am nächsten Morgen erschwert.

Zwar sind in Deutschland nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz Licht emittierende gewerbliche Anlagen so zu betreiben, dass schädliche Umwelteinwirkungen verhindert beziehungsweise vermindert werden: allerdings gibt es keine rechtsverbindliche Grundlage, ab wann Lichtimmissionen als schädliche Umwelteinwirkung gelten. Gleichwohl wurde in verschiedenen Bundesländern wie Bayern – durch ein Volksbegehren – oder Baden-Württemberg ein entsprechendes Gesetz erlassen, sodass beispielsweise Fassaden öffentlicher Gebäude nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit angestrahlt werden dürfen.

Fünf Tipps gegen Lichtverschmutzung

1. Schalten Sie das Licht nur dann ein, wenn Sie es wirklich brauchen, und nutzen Sie Zeitschaltuhren.

2. Weniger ist mehr! Beleuchten Sie mit wenig Leuchten und geringer Intensität.

3. Licht nur nach unten strahlen lassen. Verzichten Sie darauf, Bodenstrahler zu verwenden oder Bäume anzustrahlen.

4. Warmes statt kaltes Licht. Je kälter das Licht, desto höher der Anteil an blauem Licht, das die biologischen Rhythmen von Menschen und Tieren beeinflusst und mehr Insekten anzieht.

5. Lichtdekorationen: Im Garten sind sie in keinem Fall umweltfreundlich.

Von Felix Hamann

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