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Marburg Püppchen hat fertig
Marburg Püppchen hat fertig
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18:12 17.12.2019
Mechthild Grabner und Robert Oschmann spielen am Hessischen Landestheater die Hauptrollen in einer stark abgewandelten Version von Henrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Kann man Henrik Ibsens 1880 uraufgeführtes Emanzipationsdrama „Nora oder ein Puppenheim“ heute überhaupt noch spielen? Ein Stück, in dem der Skandal darin bestand, dass Nora am Ende die Türe knallt, Mann und Kinder verlässt?
Zumindest nicht naturalistisch und im soziokulturellen Kontext des späten 19. Jahrhunderts, meint Regisseurin Laura N. Junghans in ihrer ersten Marburger Regiearbeit.

Sie hat so ziemlich alle Themen in dieses Stück hineingepackt, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Die #me too-Bewegung, das Intendantenmodell an deutschen Theatern mit (meist) alten weißen Männern an der Spitze, die Ausbeutung der Frauen an deutschen Theatern, die ökonomisch prekäre Lage von freien Schauspielern, Schauspielerinnen, Regisseuren und Regisseurinnen und das Männer-Frauen-Rollenmodell.

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Weil das alles noch nicht reicht, gibt es satirische Elemente wie eine Intendantinnen-Kür mit Männern in Frauen-Kostümen als Anspielung auf die weibliche Marburger Doppelspitze. Und dann treten noch Figuren aus dem Monthy-Python-Film „Das Leben des Brian“ auf, die als Anti-Ibsen-Front (oder wer auch immer) Rezensionen und Interpretationen des Ibsen-Stückes zitieren.

Der Großteil spielt sich in einem verglasten Kasten ab

Der Großteil des zweistündigen Stückes spielt sich in einem verglasten Kasten ab, den Ausstatterin Brigitte Schima im großen Tasch mitten auf die Bühne hat zimmern lassen. Beklebt ist die Fensterfront mit einer Spiegelfolie, die dem Publikum den Blick ins Puppenheim erlaubt, den Darstellern nach außen­ ­allerdings verwehrt.

Optisch ermöglicht das spannende Bilder, wenn die Darsteller im Inneren des kühlen Raums mit Spiegeln arbeiten und ihre Porträts so vervielfacht werden. Das Problem: Die fünf Darstellerinnen und Darsteller schleppen unglaublich oft Spiegel mit sich herum. Weil der eitle Ibsen gerne in Spiegel blickte? Inhaltlich erklärt sich das sonst nicht.

Die Inszenierung beginnt mit Ibsens Ende: Thorvald und Nora Helmer streiten in einer ins Extrem verkünstelten Szene über eine gefälschte Unterschrift, die Nora unter einen Kreditvertrag gesetzt hat. Dann platzt Torsten herein. Es stellt sich heraus: Torsten ist der neue Intendant, die Szene war eine Probe für seine große Eröffnungspremiere. Und dann wird Ibsens „Nora“ fast eins zu eins über die Situation an einem heutigen Theater gestülpt.

Am Ende macht Püppchen Nora Schluss

Torsten Helmer (Robert Oschmann) feuert Lars Krogland (Metin Turan). Der hat Nora Helmer (Mechthild Grabner) Geld geliehen und versucht nun, sie zu erpressen, damit sie auf ihren Mann Einfluss nimmt, die Kündigung rückgängig zu machen. Torsten hat unterdessen Kristine (Lisa Grosche) engagiert, die Ibsens Thorvald spielen soll. Sven Brormann ist in kleinen Szenen als väterlicher Freund Dr. Rank zu sehen, hier als Ex-Intendant.

Verrückt? Ja, denn es geht in diesem Fall psychologisch einfach nicht auf. Sicher werden Frauen nach wie vor auch in unserer Gesellschaft benachteiligt, aber die Grenzen, die Ibsen thematisiert, die sein Stück 1880 zum Skandal machten, haben sie überwunden. Und ob sich eine selbstbewusste Schauspielerin des 21. Jahrhunderts von ihrem Mann wie ein Püppchen behandeln lässt, ist ebenfalls fraglich. Am Ende macht Püppchen Nora Schluss.

Für die Ziele der Regisseurin bräuchte es im Grunde ein komplett neues Stück, nicht Ibsens „Nora“. Zum Glück sind die Schauspieler stark und Mechthild Grabner mit ihrer enormen Präsenz herausragend. Sie retten eine Inszenierung, die zu viel will.

  • Weitere Aufführungen sind am 18. und 20. Dezember, am 15., 16. und 21. Januar sowie am 2. Februar.

von Uwe Badouin