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Marburg Landestheater erkundet „Realitäten“
Marburg Landestheater erkundet „Realitäten“
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00:19 17.05.2019
Ein großes Team um die Intendantinnen Carola Unser (Dritte von links) und Eva Lange (Vierte von links) stellte den Spielplan des Hessischen Landestheaters vor. Quelle: Uwe Badouin
Marburg

Bei der Vorstellung des neuen Spielplans des Hessischen Landestheaters gab es gestern im Erwin-Piscator-Haus von den Geldgebern erst einmal ganz viel Lob für die Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser und ihr Team.

„Alle, die sich mit Theater beschäftigen, haben eine wunderbare Spielzeit erlebt“, sagte etwa Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der Theater GmbH.

Er sei „außergewöhnlich froh“, welche Entwicklung das Theater unter den neuen Intendantinnen genommen habe und ergänzte als Geldgeber: „Wenn man weiß, wie schlecht das Theater finanziert ist, wundert einen das umso mehr.“

„Großstadttheater auf hohem Niveau“

Auch Jan-Sebastian Kittel, Theaterreferent vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, ist äußerst zufrieden mit dem Start der ersten weiblichen Doppelspitze an ­einem deutschen Theater: „Alle unsere Hoffnungen haben sich auf das Schönste erfüllt.“

Das Landestheater biete „absolutes Großstadttheater auf hohem Niveau“, sagte er auch mit Blick auf den Nachspielpreis für „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen . . .“ beim renommierten Heidelberger Stückemarkt und der damit verbundenen Einladung zu den Berliner­ ­Autorentheatertagen (die OP berichtete).

Premieren

Macbeth von William Shakespeare, Premiere 13. September, Erwin-Piscator-Haus (EPH), ab 14 Jahren.

Türken, Feuer von Özlem Özgül Dündar, Uraufführung (UA), 14. September, Theater am Schwanhof (TaSch), ab 14.

Der Junge im Rock von Kerstin Brichzin (UA), 21. September, TaSch, ab 3.

Nina. Feuer. Eine musikalische Hommage an Nina­ ­Simone von und mit Zenzi Huber (UA), 12. Oktober, TaSch, ab 13.

Deine Helden - Meine Träume von Karen Köhler, 18. Oktober, Klassenzimmer, ab 12.

Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer, 2. November, TaSch, ab 14.

Das Tagebuch der Anne Frank, 3. November, TaSch, ab 12.

Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen, Weihnachtsmärchen, 10. ­November, EPH, ab 6.

Die Barbaren von Nino ­Haratischwili, 16. November, TaSch, ab 14.

Nora oder ein Puppenheim nach Henrik Ibsen, 14. ­Dezember, TaSch, ab 15.

Blutige Anfänger*innen (UA), 18. Januar 2020, TaSch, ab 7.

Ab jetzt zusammen! (UA), gesellschaftspolitische Musik­komödie, 15. Februar 2020, EPH, ab 14.

Die Welt im Rücken von Thomas Melle, 14. März, TaSch, ab 15.

Pollesch wäre das nicht passiert von Anah Filou(UA), 4. April 2020, TaSch, ab 15.

Das Stück zur Zeit, 25. April.2020, TaSch.

Hair – Kultmusical, 6. Juni­ 2020, Open-Air-Stück, Ort wird noch bekanntgegeben.     

Auch für ihre zweite Spielzeit in Marburg haben sich Lange und Unser viel vorgenommen. Das Motto der Spielzeit 2019/20 heißt „Realitäten“.

„Wie real ist die Realität?“ – dieser Frage will das Landestheater nachspüren,­ so Eva Lange. 16 Premieren sind zwischen September 2019 und Juni 2020 geplant, darunter sind sechs Uraufführungen.

Das Spielzeitprogramm bleibt dreisprachig und damit weltoffen: deutsch, englisch und – diesmal – russisch statt arabisch.

Das Landestheater startet am 13. September im Erwin-Piscator-Haus (EPH) mit einem der größten Klassiker der Theatergeschichte in die Spielzeit: mit William Shakespeares „Macbeth“. In der Tragödie ­gehe um die Inszenierung von Macht, sagte Unser.

Im EPH stehen zwei weitere Premieren auf dem Programm: Das Weihnachtsstück „Die Schneekönigin“ (10. November) nach dem Märchen von Hans Christian Andersen und die Uraufführung der gesellschaftspolitischen Musikkomödie „Ab jetzt zusammen“ (15. Februar 2020), die vor dem Hintergrund des Streiks der britischen Bergarbeiter 1984 spielen soll, so Eva Lange.

Rechtsextreme ­Täter und ihre Opfer

Bekannte Klassiker sind Carl Zuckmayers „Der Hauptmann von Köpenick“ (2. November) und Henrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ (14. Dezember). Beide Stücke spiegeln sehr unterschiedliche Realitäten – im ersten schlüpft ein Mann in die Identität eines anderen, im zweiten bringt eine Frau ein geschlossenes (Familien)-System zum Einsturz.

Mit dem Tribal-Love-Rockmusical „Hair“ schickt das Landestheater die Besucher schließlich ab 6. Juni 2020 in einen­ ­Flower-Power-Sommer.
Neben diesen bekannten Stücken – dazu gehört auch „das Tagebuch der Anne Frank“, das als szenische Lesung am 3. November Premiere hat – stehen gleich sechs Uraufführungen auf dem Spielplan. Dies belegt einmal mehr, welchen Stellenwert zeitgenössische Autorinnen und Autoren und ihre Stücke beim neuen Team haben. Es gehört auch Mut dazu, unbekannten Stücken Raum zu geben:

„Türken, Feuer“ etwa (14. September): Die Autorin Özlem Özgül Dündar ist in Solingen aufgewachsen und erzählt in ihrem Theaterdebüt von dem Brandanschlag auf ein von türkischen Mitmenschen bewohntes Haus, bei dem am 29. Mai 1993 fünf Menschen starben. In ihrem Text kommen rechtsextreme ­Täter und ihre Opfer zu Wort.

Zwölf Wiederaufnahmen aus dieser Saison

Zenzi Huber bringt eine Hommage an die Sängerin Nina ­Simon auf die Bühne (12. Oktober), die international tätige Regisseurin Katharina Birch setzt Kerstin Brichzins Kinderstück „Der Junge im Rock“ in Szene (21. September). Mit „Blutige Anfänger*innen“ (18. Januar) ist das Frankfurter Performance-Duo Janna Pinsker und Wicki Bernhardt zu Gast in Marburg. Und Anah Filou schreibt nach „Am Hafen mit Vogel“ ihr zweites Stück für das Landestheater: Die Komödie „Pollesch wäre das nicht passiert“ hat am 4. April Premiere.

Was gibt‘s noch: Die Klassenzimmerstücke „Deine Helden – Meine Träume“ von Karen Köhler (18. Oktober) und „Die Barbaren“ von Nino Haratischwili (16. November), die Romanadaption „Die Welt im Rücken“, in der Thomas Melle von seiner bi-polaren Störung erzählt (14. März) und das Stück zur Zeit, das noch ausgewählt wird.

Und gleich zwölf Stücke aus dieser Spielzeit nimmt das Landestheater ins Repertoire.

von Uwe Badouin