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Marburg Konferenz der Jammernden: Zoom-Experiment gelungen
Marburg Konferenz der Jammernden: Zoom-Experiment gelungen
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19:00 06.03.2021
Theater auf dem Computer-Bildschirm: Eine Szene aus der Zoom-Premiere der „Konferenz der Jammernden“ mit Rio-Reiser Romantik. Oben sieht man die anderen Mitwirkenden.
Theater auf dem Computer-Bildschirm: Eine Szene aus der Zoom-Premiere der „Konferenz der Jammernden“ mit Rio-Reiser Romantik. Oben sieht man die anderen Mitwirkenden. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Es ist schon merkwürdig. Es gibt nach gefühlt einer Ewigkeit wieder Theater, eine Premiere sogar. Und doch ist alles anders als gewohnt. Das Hessische Landestheater kommt zu mir nach Hause. Ich sitze – wie vom Theater empfohlen – mit einem Glas Wein vor dem Computerbildschirm, habe mich wie 52 weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ein Zoom-Meeting eingeloggt und warte auf die „Konferenz der Jammernden“. Es ist ein Experiment des Hessischen Landestheaters Marburg – das erste Zoom-Stück. Zoom ist ein Videokonferenzsystem, das in Zeiten des Corona-Lockdowns boomt – in Unternehmen, Behörden und auch privat. Man sieht sich wenigstens.

Inszeniert wurde die „Konferenz der Jammernden“ von der Intendantin Carola Unser. Es ist ein kleiner Ersatz für den eigentlich im Erwin-Piscator-Haus geplanten und abgesagten Rio-Reiser-Liederabend. Und Carola Unser bibberte vor der Premiere nicht wenig, wie sie im Gespräch mit der OP sagte. Bei der Generalprobe am Mittwoch seien die Leitungen noch oft abgeschmiert. Ein Problem, das sie im High-Tech-Land Deutschland mit seinen unter dem einstigen Kanzler Helmut Kohl wider besseren Wissens verbuddelten Kupferleitungen mit vielen Computernutzern teilt

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Doch es hat geklappt. Und wie. Das Bild zeigt vor dem eigentlichen Start nur die Schrift „Soundmaschine“, es läuft entspannte Fahrstuhlmusik, während nach und nach die Besucherinnen und Besucher eintrudeln. Jemand fragt an alle: „Ich sehe 46 kleine Kacheln. Ist das richtig?“ Oder: „Ich sehe nur die Soundmaschine?“ Oder: „Wann geht es los?“ Der „Backgroundchecker“ oder die „Backgroundcheckerin“ moderiert, hilft und erklärt – kleine Fenster mit Hinweisen und Fragen ploppen regelmäßig auf. Und dann startet die „Konferenz der Jammernden“ mit einem souveränen Hinweis: „Liebe Jammerlappen, lasst uns reden!“ Denn Jammerlappen sind wir alle – die acht Darstellerinnen und Darsteller Patrick Bimazubute, Saskia Boden-Dilling, Lisa Grosche, Mia Wiederstein, Fanny Holzer, Zenzi Huber, Romy Lehmann und Charlotte Ronas ebenso wie das Publikum. Und worüber jammern wir in Zeiten des Lockdowns? Über die Einsamkeit, über die Vereinzelung, über die Angst, über vergangene Zeiten, „als wir den Menschen noch direkt in die Augen schauen konnten“ und über Alkohol – eines von vielen Problemen, die die Corona-Einsamkeit mit sich bringt. „Hast du Alkohol getrunken?“, wird der Hippie Norman in dem Stück gefragt. „Das ist keine schöne Frage, ich will eine andere“, antwortet der.

Die Darstellerinnen und Darsteller spielen von zu Hause, aus der Kantine des Landestheaters, aus einer Toilette, sitzen in Thüringen oder Marburg und Romy Lehmann alias Jesco in einem Auto, das sie „gefunden“ hat, wie sie den anderen Workshop-Teilnehmern erklärt. Gefunden, nicht geklaut. Zusammengefügt und choreographiert wird das Ganze vom Technik-Team des Landestheaters. Es gibt kuriose Spielszenen, Monologe, Dialoge, Effekte mit Licht und Dunkel und viel Musik – frei nach Regel Nummer 5, die selbstverständlich eingeblendet wird: „Verwirrung zulassen, alles konstruktiv verwenden – auch technische Aussetzer“. Und mit vermeintlichen Aussetzern und dem neuen Medium spielen sie live und souverän: „Hallo, bin ich schon dran. Ist das mein Moment? Ist das hier Findefix?“, fragt eine vermeintlich verwirrte Darstellerin.

90 Minuten dauert das Zoom-Stück. Ausgestiegen ist keine Zuschauerin und kein Zuschauer. Kurios und absurd, witzig und traurig, ergreifend und nachdenklich sind die Themen, die das Team gemeinsam erarbeitet hat – von der Panik vor der Corona-Polizei bis zur Depression einer arbeitslosen Reisebegleiterin, die vom Sternenhimmel in Arizona träumt, reicht das Spektrum. Und auch die eigene Arbeit wird aufgegriffen: „Mich kotzt es an, dass ich in meinem privaten Raum sitze und online Theater spielen muss. Ich will das Publikum zurück“, sagt „Moderatorin“ Saskia Boden-Dilling. „Und wer ist schuld dran? Dieses verschissene Virus.“

Doch sie alle wissen und singen es laut und schräg: „Wär alles nur so einfach wie Jammern, das Leben wär nur halb so schwer.“ Und so gibt es einen Rat an alle Jammerlappen: „Am Ende wird alles gut“.

Alle Zoom-Vorstellungen der „Konferenz der Jammernden“ sind ausverkauft. Die Nachfrage war sehr groß. Ob das Stück noch einmal aufgelegt wird, steht derzeit noch in den Sternen. Aber Carola Unser plant eine Zoom-Trilogie, „die darin münden soll, dass wir uns all wieder im Theater treffen“, sagte sie der OP. Jetzt ist sie erst einmal froh, dass das Internet gehalten hat. Und Theaterfans dürfen sich auf Teil 2 der Trilogie freuen – auch wenn dies einen Live-Theaterabend nicht ersetzen kann. Aber das wissen die Theaterleute ohnehin besser als alle anderen.

Von Uwe Badouin

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