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Marburg Theaterwoche endet mit Preisverleihung
Marburg Theaterwoche endet mit Preisverleihung
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18:56 27.06.2021
Die Gewinner der Hessischen Theatertage 2021, die am Samstag in Marburg prämiert wurden.
Die Gewinner der Hessischen Theatertage 2021, die am Samstag in Marburg prämiert wurden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Eine ganz besondere Theaterwoche fand am Samstagabend ein klingendes und von anhaltendem Applaus begleitetes, würdevolles Ende. Spürbare Erleichterung herrschte beim Publikum und zahlreichen Künstlern, die nach der langen kulturellen Dürreperiode mit großer Lust wieder die trockenen Kehlen, oder vielmehr die trockenen Sinne benetzen konnten.

Aus dem Vollen schöpfen konnten Theaterfreunde die gesamte Woche über bei den hessischen Theatertagen 2021, die zur Freude der Marburger Intendantinnen Carola Unser und Eva Lange am Ende doch noch in analoger Form mit Präsenzpublikum zu Ende gehen konnten. Nach einem reichhaltigen Programm, das nur als „besonderes Geschenk“ zu beschreiben ist, machte Carola Unser auf der Bühne deutlich.

Eine Woche „reich und erfüllt“ von vielen künstlerischen Highlights, von klangvollen Abenden bis zu gesellschaftskritischen Beiträgen, „Bertolt Brecht wäre wohl ganz zufrieden mit den hessischen Theatertagen“, hoffen die Intendantinnen, die mit strahlenden Gesichtern den krönenden Abschluss zelebrieren konnten. Und das für gleich zwei Festivals und mit der Preisverleihung in insgesamt fünf Kategorien.

Menschliche „Ur-Gefühle“

Für die Hessischen Theatertage 2021 wurden in drei Kategorien fünf Preise vergeben, jeweils dotiert mit 2 500 Euro. Drei Preise in der Kategorie „Raum. Zeit. Fiktion“ standen für das Zusammenspiel von Themenwahl und Umsetzung, Relevanz und Vermittlung: Gewinner sind „Rage. A Tennis Western“ von und mit Hanna Steinmair, „Wearing Heavy Boots“ von Hella Lux und „Impo®tant“ von und mit Anton Rudakov.

In „Rage. A Tennis Western“ werden gängige Frauenbilder lustvoll zertrümmert und doppelte Standards pointiert hinterfragt. „Es wird spielerisch und dadurch annehmbar die Ungleichverteilung und Ungleichwertung sichtbar gemacht“, sagte Miriam Ibrahim, die gemeinsam mit Esther Holland-Merten und Shirin Sojitrawalla die dreiköpfige Jury bildete.

Die Jury der Hessischen Theatertage: Shirin Sojitrawalla (von links), Miriam Ibrahim und Esther Holland-Merten. Quelle: Thorsten Richter

„Wearing Heavy Boots“ liefert „eine Anleitung zum Trauern, die den unterschiedlichen Phasen, Metamorphosen und Zuständen dieses menschlichen Ur-Gefühls mit Witz, Akribie und poetischer Zuversicht auf den Grund geht“, beschrieb Sojitrawalla den prämierten Performance-Film.

Die Tanzperformance von „Impo®tant“ wiederum ist bedrohlich, zeigt schonungslos Machtmissbrauch und Unterdrückung im Lebensalltag autoritärer Regime. Gekonnt inszeniert sie den Schrecken durch „körperliche Verkrümmungen, emotionale Gewalt, politische Verwahrlosung, ein dunkles Dickicht an unangenehmen Geräuschen und zu lauter Musik“, so Holland-Merten.

Die Kategorie „Spiel. Realität. Magie“, steht für den Moment, in dem die Synergie entsteht. Der Preis ging an „1001 Sorrys“ von und mit Hanna Steinmair, Max Brands und Bastian Sistig. Die sammeln Entschuldigungen wie andere Pilze, geraten damit in einen regelrechten Wettbewerb und machen deutlich, dass manche Entschuldigungen schwerer wiegen als Steine, andere bloß der ironischen Satzeröffnung dienen.

Der Preis in der Kategorie „Kollektiv. Impuls. Vision“ für das künstlerische Team vor und hinter der Bühne erhielt das Schauspiel Frankfurt für „NSU 2.0“ in der Regie von Nuran David Calis. In einer Mischung aus dokumentarischen Unterlagen, Video-Interviews und eigenen Reflexionen verwebt die Inszenierung verschiedene Text- und Materialebenen. So nähert sie sich dem Unfassbaren, dem Morden aus rassistischen Gründen und fragt erneut „die Fragen, auf deren Antworten wir noch immer warten“.

Jugend beweist Bühnentalent

Für die Preisverleihung der besten Produktion des HessenKUSS Theaters lobte die dreiköpfige Jury des Kinder- und Jugendfestivals – Pädagogin Marion Benz-Hoff und die Schüler Tara Rudolph und Jakob Schnedler – eine kunstvolle Vielfalt unterschiedlicher Stücke, Tanztheater, Performance, Puppentheater oder traditionelles Theater.

Am Ende siegte der Beitrag, der tief an den Emotionen der Zuschauer rüttelt: Der mit 1 000 Euro dotierte Preis, finanziert vom Freundeskreis des Hessischen Landestheaters Marburg, ging an „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“. Das vom Staatstheater Wiesbaden inszenierte Stück betrachtet die Situation in einem Konzentrationslager aus der Perspektive von Tieren des Zoos Buchenwald, der auf einer historischen Tatsache beruht.

Die Zootiere wurden von den Menschen aus ihrer angestammten Heimat verschleppt, darunter ein kleiner Braunbär, der entsetzt erkennt, dass es im Lager zwei Arten von Menschen gibt: Die Gestiefelten, die an diesem Ort das Sagen haben und die Gestreiften, die auf übelste Art misshandelt und gedemütigt werden. Die Tiere stehen für die Gesellschaft der Nazi-Zeit, vertreten unterschiedliche Sichtweisen. Die Inszenierung gibt einen neuen Blickwinkel auf ein sehr bedrückendes Thema, bricht dabei mit alten Betrachtungsweisen.

Mit viel Lob und Dankesworten und zahlreichen Blumensträußen gingen die Theatertage zu Ende, vor der Preisverleihung kamen die Zuhörer noch in das Hörerlebnis des letzten Beitrags: „Tactile Prototypes“ brachte jene Klänge auf die Bühne, die im klassischen Konzert wohl nicht durch den Saal schallen.

Die Performer Gregor Glogowski und Diego Ramos Rodríguez räumen auf mit der allgemeinen Vorstellung, wie ein Instrument auszusehen und zu klingen hat und feierten die Disharmonie. Ihre Welt sind die Randgeräusche, abseits des wohltemperierten Klangs. Das Duo bewies, wie mit eigenwilligen Saiteninstrumenten in Kombination mit analoger Elektronik und Proto-Folk Music einzigartige Improvisationen entstehen und dass die Grenze zwischen Handwerk und Do-it-yourself fließend sein können.

Von Ina Tannert