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Marburg Intensives Theatererlebnis aus Wiesbaden
Marburg Intensives Theatererlebnis aus Wiesbaden
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12:58 24.06.2021
Ein großartiges Bühnenbild – ein fantastischer Schauspieler: Matze Vogel irrt in „Die Pest“ durch ein permanent rotierendes Haus. Mit dem Stück nach dem Roman von Albert Camus gastierte das Hessische Staatstheater Wiesbaden bei den Theatertagen in Marburg.
Ein großartiges Bühnenbild – ein fantastischer Schauspieler: Matze Vogel irrt in „Die Pest“ durch ein permanent rotierendes Haus. Mit dem Stück nach dem Roman von Albert Camus gastierte das Hessische Staatstheater Wiesbaden bei den Theatertagen in Marburg. Quelle: Karl und Monika Forster
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Marburg

Stürmischer Applaus, Bravorufe, zustimmende Pfiffe und ein am Ende sichtlich mitgenommener Darsteller. Kein Wunder: Matze Vogel vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden hat 75 Minuten lang mit einer unglaublichen Energie alle Rollen in Albert Camus’ Romanadaption „Die Pest“ gespielt.

Sterbende, Leidende, nüchterne Bürokraten, mitfühlende, ängstliche, panische und stoische Menschen, den Arzt Rieux, der den Pestausbruch in der algerischen Stadt Oran bekämpft – und einen Jesuitenpater, der wie ein Racheengel eine flammende Predigt hält, weil er die Pest als Gottes Strafe betrachtet. „Es war eine Sternstunde“, sagt eine begeisterte Besucherin nach der Aufführung bei den Hessischen Theatertagen im Erwin-Piscator-Haus.

Die schwarze Wand

Was ist Theater? Sehr verkürzt könnte man sagen: Es ist eine sehr alte und doch ewig junge Kunstform, bei der Schauspielerinnen und Schauspieler auf einer Bühne dem Publikum Geschichten erzählen, eingebettet in ein Bühnenbild, das der Handlung einen stimmigen Rahmen gibt, sie betont. Und manchmal gehen alle Überlegungen des Regieteams auf und heraus kommt eine Sternstunde.

Der gesamte Bühnenraum ist mit einer schwarzen Wand verdeckt. Mittendrin schwebt ein Haus, so wie Kinder ein Haus malen würden. Ein Boden, zwei Wände, ein Spitzdach, ein Waschbecken. Das Haus ist nach vorne und hinten offen, in das Dach und eine Wand sind Öffnungen eingelassen, Einfallsräume für die tolle Lichtregie von Ralf Baars.

Verschiedene Szenen

Bühnenbildner Fabian Wendling lässt das Haus permanent langsam rotieren – es sieht einfach aus, ist technisch aber extrem anspruchsvoll und für die Inszenierung von Sebastian Sommer höchst effektiv. Die Welt in der von der Pest heimgesuchten Stadt Oran ist aus den Fugen, es gibt keinen Halt mehr, kein oben und unten, kein links und rechts, nur noch Tod oder Überleben.

Ergänzt wird dieses ohnehin schon beeindruckende Bühnenbild durch einen äußerst geschickten Videoeinsatz. Astrid Gleichmann zeichnet für die Bilder verantwortlich, die blitzlichtartig an die Wand geworfen werden. Sie zeigen mal unbeschwerte Szenen einer Familienfeier, eines Rummelplatzes, dann wieder Bilder von Maden, von Verwüstung, von Trauer.

Die Pest Nach Albert Camus In einer Fassung von Sebastian Sommer Inszenierung: Sebastian Sommer Bühne: Fabian Wendling Kostüme: Wicke Naujoks Video: Astrid Gleichmann Dramaturgie: Marie Johannsen Auf dem Bild Matze Vogel Foto: Karl und Monika Forster Das Hessische Staatstheater Wiesbaden gastiert mit "Die Pest" nach dem Roman von Albert Camus im EPH. Matze Vogel ist der Arzt Dr. Bernard Rieux. Quelle: Karl und Monika Forster

Durch dieses rotierende Haus irrt Matze Vogel. Er schreit, stöhnt, jammert, beschreibt nüchtern den schwarzen Tod, zählt die toten Ratten, die überhandnehmen, und die toten Menschen, während er nirgends Halt findet in diesem Haus, in dieser Welt, die von einem auf den nächsten Tag zur Hölle wird. Der metaphysische Roman „Die Pest“ von Albert Camus erschien 1947 kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er wurde schnell zu einem Klassiker, ist in Frankreich Pflichtlektüre an Schulen.

Inszenierung als Kommentar

Nach Erscheinen wurde „Die Pest“ auch als Reaktion auf den Krieg, auf Nazideutschland interpretiert. Regisseur Sebastian Sommer fokussiert seine Inszenierung in Zeiten der Corona-Pandemie auf die Krankheit und die Folgen: Erst das Leugnen durch die Obrigkeit, das Misstrauen der Menschen untereinander, dann der staatliche Zugriff mit Quarantäne-Regelungen und der Abriegelung der Stadt, die in eine Art Belagerungszustand mündet.

Es ist fast klar, dass man als Zuschauer diese Inszenierung als Kommentar zur Corona-Pandemie verstehen möchte – selbst wenn es in dieser Form von Regisseur Sebastian Sommer nicht beabsichtigt gewesen sein sollte. Letztlich ist es egal, denn „Die Pest“ ist in erster Linie ein stimmiges, großes und intensives Theatererlebnis.

Von Uwe Badouin