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Marburg „Ich sage ,Tschüss’ zur Pandemie“
Marburg „Ich sage ,Tschüss’ zur Pandemie“
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11:00 10.07.2021
Straßentheater mit „Pa-Ra-Da“: No Mizzy (Saskia Boden-Dilling) reckt die Arme in die Luft, Hans Sisiphos im Glück (Lisa Grosche) ist glücklich über den Ball.
Straßentheater mit „Pa-Ra-Da“: No Mizzy (Saskia Boden-Dilling) reckt die Arme in die Luft, Hans Sisiphos im Glück (Lisa Grosche) ist glücklich über den Ball. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die „Pa-Ra-Da“ des Hessischen Landestheaters Marburg ist bunt, ziemlich schräg und führt bei Anwohnern, die das Spektakel aus den Fenstern beobachten, und Passanten zu Irritationen: „Was ist denn das? Eine Demo?“, fragt eine Frau. „Nein, das ist Theater.“

Aber der Begriff Demonstration ist auf den ersten Blick gar nicht so abwegig und von den Theatermachern auch beabsichtigt, zumal Polizei mit Blaulicht den kleinen Zug durch die Stadt begleitet. Ordnerinnen und Ordner passen auf dem Weg durch die Biegenstraße und Deutschhausstraße zum Steinweg auf, dass niemand im Gegenverkehr unter die Räder kommt.

„Parada“ ist ein spanisches Wort und bedeutet eigentlich: Stopp. Die „Pa-Ra-Da“ des Landestheaters ist das Gegenteil, sie ist Bewegung, eine Parade. „Pa-Ra-Da“ ist eine Straßentheaterproduktion des Landestheaters, mit der sich das Theater (nach dem Open-Air-Musical „Hair“ im Schlosspark) quer durch die Altstadt aus dem Corona-bedingten Dornröschenschlaf zurückmeldet.

Fünf Figuren hat sich das Team um Regisseurin Laura N. Junghans und Ausstatterin Natalia Nordheimer ausgedacht: Getta Lametta (Patrick Bimazubute) und Sailor What (Mia Winterstein) könnten in ihren schrillen Kostümen locker bei der Loveparade oder dem Christopher Street Day mitlaufen. No Mizzy (Saskia Boden-Dilling) ginge, sieht man einmal von der blonden Prinzessinnen-Perücke und dem Krönchen aus Lippenstiften ab, als entspannter Punk durch.

Alice (Robert Rausch) ist der schräge Hase aus Alice im Wunderland und Hans Sisiphos im Glück (Lisa Grosche) der naive Außenseiter, dieser mit Anleihen aus dem Grimm’schen Märchen. Begleitet werden sie von Animateurinnen und Animateuren aus den Theaterbandendes Landestheaters.

Doch richtig festgezurrt sind ihre Rollen nicht. Wozu auch. Im Mittelpunkt steht die Botschaft: „Das Hessische Landestheater läuft wieder.“ Und möglichst viele sollen das mitbekommen und sich irritiert fragen, was das Ganze eigentlich ist und soll. Das ist gelungen: Gäste in den Straßenrestaurants blicken neugierig, die meisten lächeln gut gelaunt, sind froh, den bunten Zug zu sehen. Viele zücken ihre Handys, halten den Spaß als Erinnerung im Video fest und werden ihn ihren Freunden posten: Guck mal, was ich in Marburg gesehen habe.

Bei der Premiere am Donnerstag hatte das Team einigermaßen Glück mit dem Wetter. Bis kurz vor 19 Uhr regnete es, die „Pa-Ra-Da“ stand auf der Kippe. Theaterfans hat dies nicht abgeschreckt. Sie kamen in Scharen, gewappnet mit Regenschirm, Regenjacke, Gummistiefeln – man weiß ja nie. Ein kleiner Trupp war beneidenswert perfekt ausgerüstet für den doch fast zweieinhalbstündigen Zug – mit einem Bollerwagen, gefüllt mit Getränken, Regenschutz und kleinen Klappstühlen. Doch auch andere konnten sich versorgen, schließlich gibt es in der Oberstadt inzwischen einige Spätis, die alles mögliche fürs Partyvolk vorrätig halten.

Der Zug wird von einem Bulli mit Ladefläche angeführt, von dem aus die DJs Marek Ekkerink und Amelie Larsen das vorsichtig tanzende Fußvolk im Tross mit Techno und tanzbarer Discomusik beschallen – allerdings in einer vom Ordnungsamt vorgeschriebenen Lautstärke, die nichts mit Loveparade zu tun hat. Da ist jeder Ghettoblaster am Lahnufer lauter.

Der Zug führt vom Erwin-Piscator-Haus über den Steinweg hinauf zum Marktplatz, dann zum Kornmarkt und schließlich vorbei am Cineplex zum Finale an den Lahnwiesen. Unterbrochen wird er von Performances, kleinen Spielszenen, schließlich ist das Ganze ja immerhin Theater. Mal geht es um die Arbeitswelt, um Materielles, die Gier nach Dingen: „Leben ist Arbeit, Arbeit ist Leben“, heißt es da, während Hans Sisiphos im Glück einen Ball den Steinweg hinauf rollt. Auf dem Kornmarkt geht es um den inneren und äußeren Ausnahmezustand im Corona-Jahr. „Hallo, ich bin Saskia Boden-Dilling. Und ich bin wieder aufgestellt, um die Welt zu retten“, sagt Saskia Boden-Dilling alias No Mizzy.

„Eine bessere Welt ist möglich. Wir haben gesehen, wie unverzichtbar Kunst, Kultur und Theater sind. Und jetzt dürfen Sie klatschen“, ruft sie hinterher, reckt die Arme in die Luft und ergänzt: „Ich sag jetzt ,Tschüss’ zur Pandemie.“

Es gibt viele kleine, bezaubernde Szenen auf dem langen Weg, die sich einfach so entwickeln. Etwa ein kleines Mädchen, das wohl erst vor kurzem laufen gelernt hat und sich auf dem Marktplatz ohne Scheu mitten unter diese merkwürdigen Gestalten mischt, tanzt, klatscht und sich einfach freut, über sich, über das Leben, über die Musik, über die Menschen. Für kurze Zeit ist dieses Mädchen der Star der Show.

Theater verpasst?

„Pa-Ra-Da“ ist am Mittwoch, 14. Juli, noch einmal zu erleben. Start ist um 19 Uhr am Erwin-Piscator-Haus, Karten gibt es unter www.hltm.de

Von Uwe Badouin