Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Herr Bachmann und seine Klasse“ kommt ins Kino
Marburg „Herr Bachmann und seine Klasse“ kommt ins Kino
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:58 10.09.2021
Regisseurin Maria Speth, Kameramann Reinhold Vorschneider, der Lehrer Dieter Bachmann, Ministerin Angela Dorn, Gastgeberin Marion Closmann und Schülerinnen und Schüler aus dem Film stellten sich mit Vertretern des Filmverleihs zum Gruppenfoto.
Regisseurin Maria Speth, Kameramann Reinhold Vorschneider, der Lehrer Dieter Bachmann, Ministerin Angela Dorn, Gastgeberin Marion Closmann und Schülerinnen und Schüler aus dem Film stellten sich mit Vertretern des Filmverleihs zum Gruppenfoto. Quelle: Uwe Badouin
Anzeige
Marburg

Am kommenden Donnerstag (16. September) startet bundesweit ein ganz besonderer Dokumentarfilm: „Herr Bachmann und seine Klasse“. Gedreht wurde der Film von Regisseurin Maria Speth und Kameramann Reinhold Vorschneider an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf. Am Donnerstagabend (9. September) fand die Hessen-Premiere im Cineplex Marburg statt.

Der Film ist ein Langzeitprojekt: Vor vier Jahren hat Maria Speth mit ihrem Filmteam um den Marburger Kamerapreisträger Reinhold Vorschneider die Klassen 6b und 6f der Georg-Büchner-Schule mehrere Monate begleitet und in mühevoller Arbeit aus Unmengen an Filmmaterial einen dreieinhalb Stunden langen, ebenso ungewöhnlichen wie faszinierenden Dokumentarfilm geschnitten. „Herr Bachmann und seine Klasse“ wurde bei der Berlinale 2021 mit dem Silbernen Bären der Jury ausgezeichnet. Was noch bemerkenswerter ist: Der Film gewann auch den Publikumspreis.

Etwas Besonderes aus dem Bildungssystem

Zur Hessen-Premiere am Donnerstag im Cineplex waren Maria Speth und Reinhold Vorschneider aus Berlin ebenso angereist wie die Protagonisten des Films: der Lehrer Dieter Bachmann, seine Kollegin Aynur Bal, sein Kollege Önder Cavdar und viele Schülerinnen und Schüler, die heute Teenager sind und mit großen Hoffnungen ihren Weg in die Gesellschaft suchen. Manche machen eine Ausbildung, andere besuchen weiterführende Schulen. Vor vier Jahren, als der Film gedreht wurde, mussten viele von ihnen noch Deutsch lernen. Bei der Premiere waren auch Familienangehörige der Schülerinnen und Schüler, die den Film oft noch gar nicht kannten.

Angela Dorn (Grüne), Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, sagte im großen Saal des Cineplex: „Herzlichen Glückwunsch an die Macher, an Herrn Bachmann und die Klasse. Es braucht in unserer Gesellschaft die Menschen, die aus unserem Bildungssystem etwas Besonderes machen, die Schüler als Individuen sehen und sie unterstützen.“ Der Film zeige, „was unsere Gesellschaft zusammenhält, was der Kitt ist“, er nehme sich Zeit für die Menschen und ihre Geschichten.

Eine Insel inmitten oberhessischer Dörfer

Zuwendung, Akzeptanz, Toleranz und Zuhören, das sind die Werte, die dieser Film vermittelt, ohne moralischen Zeigefinger. Denn Maria Speth verzichtet in den dreieinhalb Stunden komplett auf Kommentare. Die Bilder aus der Klasse und aus Stadtallendorf sprechen für sich.

Der inzwischen pensionierte Lehrer Dieter Bachmann hat Stadtallendorf bei einem früheren Termin mit der OP „eine Insel“ genannt. Und er hat recht. Stadtallendorf ist mit seinem multikulturellen Hintergrund, den Menschen, die aus Italien, der Türkei, Bulgarien oder Marokko als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, tatsächlich eine Insel inmitten oberhessischer Dörfer.

Presse- und TV-Interviews

Und ganz nebenbei erfährt man in diesem Film viel über die Entwicklung der Stadt Stadtallendorf vom oberhessischen Dorf über die Nazi-Munitionsfabriken mit ihren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern und den Aufstieg zu einer kleinen, multikulturellen Industriestadt im Grünen. „Sagen Sie Ihrer Familie, Ihren Freunden und Nachbarn, dass sie sich diesen Film anschauen sollen“, warb Ministerin Dorn. Das hat der Film nötig, denn in Zeiten des Hollywood-Überwältigungskinos fällt er aus allen Schablonen. Und dreieinhalb Stunden können schon abschreckend wirken. Doch keine Angst: „Herr Bachmann und seine Klasse“ entwickelt einen ganz eigenen Flow, der die Betrachter fesselt.

Auf Dieter Bachmann wartet jetzt, trotz Ruhestand, jede Menge Arbeit. Er wird eingeladen zu Presse- und TV-Interviews und sitzt in vielen Talkshows. „Ich weiß gar nicht, was das ist, denn ich schaue kein Fernsehen“, sagte er gelassen schmunzelnd. Sorgen muss man sich nicht machen: „Herr Bachmann“, der immer eine Strickmütze trägt, ist dem gewachsen, so wie er 19 Jahre lang den Schülerinnen und Schülern in Stadtallendorf gewachsen war.

Von Uwe Badouin

10.09.2021
10.09.2021
Marburg Corona-Zahlen - 19 Neuinfektionen
10.09.2021