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Marburg Ein Akt der Menschlichkeit
Marburg Ein Akt der Menschlichkeit
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11:19 23.12.2020
Corona-Ausbruch im Alten-und Pflegeheim „Haus Waldblick“ in Moischt. Mitarbeiter des Katastrophenschutzes stehen vor dem Eingang.
Corona-Ausbruch im Alten-und Pflegeheim „Haus Waldblick“ in Moischt. Mitarbeiter des Katastrophenschutzes stehen vor dem Eingang. Quelle: Nadine Weigel
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Moischt

Sie war fassungslos. Erschüttert. Als sie aus der OP von den katastrophalen Zuständen im Alten- und Pflegeheim „Haus Waldblick“ erfahren hat, war ihr sofort klar: Sie muss helfen. Vergangene Woche hatte die OP darüber berichtet, dass 42 Bewohner des Altenheims mit Corona infiziert und so gut wie alle Pfleger entweder selbst infiziert oder in Quarantäne waren. Die Folge: Die Bewohner des Heimes konnten nicht mehr versorgt werden.

„Ich konnte nicht fassen, dass so etwas in Deutschland passieren kann“, sagt Julia. Es ist nicht ihr richtiger Name. Julia, deren richtiger Name der Redaktion bekannt ist, will anonym bleiben. Zum einen, weil es ihr um die Sache geht und nicht um die eigene Profilierung. Zum andern stößt ihr ehrenamtlicher Einsatz für die Corona-Patienten auf Kritik. „Mein Umfeld war zum Teil richtig sauer, dass ich mich für diese gefährliche, eventuell private Abläufe gefährdende Hilfe gemeldet habe“, erzählt sie und kann „solch einen Egoismus“ nicht nachvollziehen.

Für sie war klar, dass sie – trotz Ansteckungsgefahr – helfen muss. Für Julia ist es selbstverständlich. „Ich habe nur daran gedacht, dass es auch meine Mutter sein könnte, die dort einsam und unversorgt liegt. Oder ich selbst irgendwann mal. Das geht doch nicht. Das ist unwürdig.“

Minimale pflegerische Tätigkeiten gelernt

Für Julia ist Helfen ein Akt der Menschlichkeit, der eigentlich normal sein sollte. Aber offensichtlich ist es nicht normal in Zeiten der Corona-Pandemie. „Andere Helfer im Haus Waldblick kommen aus Erfurt oder Stuttgart“, berichtet sie und fragt sich: „Wo sind hier in der Region die Menschen, die in der Pflege helfen können?“

Julia selbst arbeitet nicht in der Pflege. Vor 16 Jahren hat sie während ihrer Ausbildung minimale pflegerische Tätigkeiten gelernt. Das war’s. Seither hat sie anders ihr Geld verdient. Deshalb hätte sie eigentlich auch nie damit gerechnet, dass sie mit offenen Armen empfangen wird. Doch als sie nur einen Tag nach dem Hilferuf in der OP beim „Haus Waldblick“ anrief, habe man mit Freude und Dankbarkeit reagiert.

Seither packt Julia an. Sie versorgt die alten Menschen mit Nahrung. Hilft beim Waschen. „Es ist unglaublich, wie dankbar die Menschen sind“, freut sie sich.

Ihre Erfahrungen gehen unter die Haut. Sie berichtet vom Moment, als sie einer alten Frau, die nicht allein das Telefon halten kann, den Hörer ans Ohr hielt. „Ihre Tochter war dran. Beide haben geweint, weil sie sich endlich mal wieder sprechen konnten“, erinnert sich Julia.

Großer Respekt vor den „Waldblick“-Mitarbeitern

Sie gibt niemandem die Schuld an der schrecklichen Situation vergangene Woche. Einfach alle seien momentan schlichtweg überfordert, glaubt sie. Aber vor den Pflegerinnen und Pflegern im „Haus Waldblick“ hat sie allergrößten Respekt. Sie hätten an „vorderster Front bis zum Umfallen gearbeitet und trotz immenser Belastung immer ein aufmunterndes Wort auf den Lippen“.

Julia findet es gut, dass der Landkreis nun einen Pflegepool aufbauen will. Im Internet habe sie auch von anderen Heimen im Landkreis Marburg-Biedenkopf gelesen, die prophylaktisch nach Menschen mit pflegerischer Erfahrung suchen, falls die eigenen Pflegekräfte aufgrund von Corona oder Quarantäne in den kommenden Wochen ausfallen sollten. Auch Julia glaubt, dass die Not in den Altersheimen, die mit Corona-Infektionen kämpfen müssen, über den Winter noch steigen wird. Dem Pflegesystem, das seit Jahren überlastet ist, drohe durch die Pandemie der Kollaps. „Um diese Krise jetzt und hier zu überwinden, müssen alle mit anpacken“, findet sie. Damit alte Menschen versorgt sind. Damit nicht noch einmal passiert, dass niemand da ist, um Wasser zu reichen, wenn ein alter Mensch Durst hat. Damit jemand da ist, um sich ans Bett eines Sterbenden zu setzen. Damit Menschen nicht allein sind. Damit sich die Katastrophe von letzter Woche nicht wiederholt.

„Ich bin doch auch nicht der Pflege-Profi, aber das zeigt doch, dass in solchen Notsituationen jeder etwas tun kann“, betont sie. Deshalb will Julia auch an Weihnachten ehrenamtlich bei den Corona-Patienten im „Haus Waldblick“ mithelfen. Auch wenn es bedeutet, dass sie auf Abstand zu ihrer eigenen Familie gehen muss. „Aber meine Eltern sind versorgt. Sie sind nicht allein“, sagt Julia und wird deshalb wieder zu denen gehen, die allein sind. Auch an Heiligabend.

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