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Marburg Heimische Helfer im Einsatz
Marburg Heimische Helfer im Einsatz
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20:09 19.07.2021
Meterhoch türmt sich angespülter Unrat zwischen zwei Gebäuden in Altenahr.
Meterhoch türmt sich angespülter Unrat zwischen zwei Gebäuden in Altenahr. Quelle: Foto: Boris Roessler
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Ahrweiler

Ralf Kalabis-Schick spricht von einer „riesigen logistischen Aufgabe“. Das scheint nicht untertrieben, denn der bei der Spedition Rochow-Fröder in Hüttenberg angestellte Trucker will am Freitag nicht weniger als 32 Lastwagen aus der ganzen Bundesrepublik auf den Marburger Messeplatz lotsen, um von dort aus gespendete Hilfsgüter in die westdeutschen Katastrophengebiete zu bringen: „Auf dem Schotterplatz neben dem Messeplatz wird eine Beladestraße aufgebaut, das ist mit dem Ordnungsamt abgesprochen“, sagte Kalabis-Schick gestern im Gespräch mit der OP. Dort – so der mit dem Ordnungsamt abgestimmte Plan – können Spendenwillige mit ihrem Auto vorfahren: „Jeweils sechs Helfer entladen die Autos, dann werden die Spenden in Warengruppen sortiert, auf Paletten gepackt und verladen.“ Am Samstag um 9 Uhr werden sich die beladenen Lkw in Richtung Rhein-Erft-Kreis und Rhein-Sieg-Kreis in Bewegung setzen. Dort gebe es weitere Fahrer vor Ort, die mit dem THW und den Feuerwehren zusammenarbeiten, erklärt Kalabis-Schick, der Ende vergangenen Jahres schon mit einer anderen öffentlichkeitswirksamen Hilfsaktion auf sich aufmerksam gemacht hatte – einen Lkw-Konvoi zugunsten krebskranker Kinder. Über den aktuellen Einsatz sagt der Fahrer: „Die Entladung wird zurzeit auf 1000 Kanälen organisiert.“ Ihm sei gesagt worden, dass zurzeit die Lager zwar voll mit Hilfsgütern seien.

„Die Firmen nehmen richtig viel Geld in die Hand“

„Doch es hieß: Gut, dass ihr erst am Wochenende kommt.“ Dann nämlich würden Hilfsgüter wie Gasflaschen, Batterien, Pumpen, aber auch Babykleidung und Babynahrung in den Orten gebraucht, die jetzt noch nicht erreichbar seien. Kalabis-Schick sagt: „Die beteiligten Firmen nehmen da richtig viel Geld in die Hand, denn neben den Sprit- und Mautkosten geht es hier auch um die Arbeits- und Ruhezeiten der beteiligten Fahrer.“ Doch die Unternehmen, die Fahrer und Fahrzeuge stellen, waren offenbar ebenso schnell und unbürokratisch von der Sache überzeugt wie der Chef von Ralf Kalabis-Schick: „Ich habe zu ihm gesagt: ,Ich habe da eine Idee’. Und er antwortete nur: ,Dann mach das!’“

Ebenso schnell und unbürokratisch war auch Landwirt Harald Platt am Samstag in Walporzheim bei Ahrweiler im Einsatz, und er sagt: „Die Bilder, die man im Fernsehen sieht, zeigen nur einen Bruchteil der Wahrheit.“ Für ihn zeigte sich die Wahrheit so: In dem kleinen Ort waren am Samstag überhaupt nur Landwirte als Helfer von außen zur Stelle: „Da war kein THW und auch keine Feuerwehr“. Mit insgesamt 40 Schleppern hätten dort Landwirte die Aufräumarbeiten unterstützt, Platt selbst habe den ganzen Tag an der Motorsäge gestanden, um umgestürzte Bäume zu entfernen. „Vor der Kirche türmte sich der Schutt drei Meter hoch, das musste alles weg, sonst wäre alles so hart wie Beton geworden.“ In dem Ort wurden am Samstag auch zwei Tote gefunden: „Da musste dann erstmal alles ruhen, bis die Polizei da war.“ Mehr als einmal hätten ihm die Tränen in den Augen gestanden, berichtet Platt, die seelische Belastung sei mindestens so groß gewesen wie die körperliche Anstrengung. Wenig Verständnis hat der Landwirt für die mediale Darstellung der Lage vor Ort, für die Besuche von Politikerinnen und Politikern sowie die massenhafte Anwesenheit von Medienvertretern: „Da waren zum Teil mehr Reporter als Helfer, die hätten lieber mit anpacken sollen.“ Die Kritik an spontanen, aber unorganisierten Hilfsaktionen wie jener, an der er sich beteiligt hat, teilt Platt nicht – seine Einschätzung: „Wir haben über Whatsapp-Gruppen miteinander kommuniziert, das hat alles gut geklappt – wir waren zum Schluss wunderbar organisiert.“

Sebastian Sack aus Momberg ist als Sanitäter für das Rote Kreuz im Katastrophengebiet. Die OP sprach mit ihm gestern, als er mit seinen Kollegen gerade den kleinen Ort Marienthal in der Nähe von Ahrweiler erreicht hatte. „Die Häuser sind ein- oder komplett weggerissen, überall liegt meterhoch Schlamm, Autos wurden von der Wucht des Wassers in Gebäude gedrückt – es ist, als hätte eine Bombe eingeschlagen“, so Sacks erster Eindruck von der Lage vor Ort. Die Einwohnerinnen und Einwohner seien „unfassbar dankbar“ für den Einsatz der DRK-Helfer, die überall dort, wo sie hinkommen, erst einmal einen Infopoint aufbauen, um zu erfahren, wo am dringendsten Hilfe benötigt wird. Stationiert sind die Rotkreuzkräfte wie die meisten Katastrophenhelfer am Nürburgring. „Die Zusammenarbeit mit dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr und den anderen Rettungsdienstorganisationen ist phänomenal“, berichtet Sebastian Sack.

„Da geht man nicht einfach so rein“

Auch Menschen, die aus privater Initiative heraus im Katastrophengebiet helfen wollen, seien grundsätzlich willkommen, sagt der Sanitäter, doch er gibt zu bedenken: „Das ist hier eine Gefahrenzone, da geht man nicht so einfach rein.“

Wer mit anpacken wolle, sollte sich an eine öffentliche Stelle wenden und fragen, wo welche Hilfe konkret gebraucht werde. Sack und seine mittelhessischen DRK-Kollegen standen direkt vor ihrer Ablösung durch „frische“ Helfer – und das aus gutem Grund: „Wenn am Nürburgring direkt neben dir ein Bergepanzer einparkt, schläfst du nicht besonders gut.“

Von Carsten Beckmann