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Marburg Heizungstausch: So gelingt der Abschied von Öl und Gas
Marburg Heizungstausch: So gelingt der Abschied von Öl und Gas
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16:09 03.06.2022
Wärmepumpe, Fernwärme, Pellets oder Holzhackschnitzel können Alternativen zu Gas und Öl bei einer Heizung sein.
Wärmepumpe, Fernwärme, Pellets oder Holzhackschnitzel können Alternativen zu Gas und Öl bei einer Heizung sein.  Quelle: Marcus Brandt/dpa
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Marburg

Weg von Öl und Gas – das ist nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine für viele Hausbesitzer ein drängender Wunsch. Denn: Schon vorher sind die Energiekosten für die fossilen Brennstoffe, aber auch für Strom, immens angestiegen. Doch wie kann der Schritt hin zu einer neuen Heizung gelingen? Und: Welche Heizung eignet sich für welches Haus?

Die OP sprach mit Thomas Kopp, Energieeffizienzexperte der Stadt Marburg. Er ist im Moment extrem gefragt – denn der Beratungsbedarf ist immens gestiegen, „zusätzlich zu den ohnehin schon starken saisonalen Schwankungen“, sagt er. Denn: Ab dem Frühjahr, „wenn die Sonne beginnt zu scheinen, machen sich die Menschen Gedanken um Photovoltaik, im Winter beschäftigt man sich mehr mit der Heizung und der Dämmung“. Rund 20 Beratungen nimmt er derzeit in der Woche vor, „normal waren vorher vier bis zwölf“.

Kopp will die Bürger stets ganzheitlich beraten – „ich stelle aufeinander abgestimmte Stufenpläne auf, um immer die nächsten Schritte aufzuzeigen und so auch die Angst vor übermäßigen Kosten zu nehmen. Denn man muss nicht alles auf einmal machen.“ Und: „Ich zeige auch den Weg durch den Förderdschungel auf und begleite die Menschen bei Bedarf weiter. Wir sind da, wenn es Fragen gibt.“

Welche Alternative zur Öl- und Gasheizung gibt es?

Aus ökologischer Sicht sind die Fernwärme und die Wärmepumpe erste Wahl. Wobei die Fernwärme nicht an jedem Standort verfügbar ist.

Was ist mit Biomasse, sollte man jetzt nicht mehr darauf setzen?

Biomasse, also Pellets und Hackschnitzel, verursachen Feinstaub. Vor allem kleine dezentrale Anlagen haben oft keine optimale Verbrennung. Bei großen Hackschnitzel-Heizwerken sieht das besser aus – mit ihnen heizt man nahezu CO2-frei –, aber nur, wenn man Produktion, Holzernte und Transport aus dem Wald nicht einrechnet. Und: Der Holzpreis wird stark ansteigen – er war in den vergangenen drei Jahren durch das Käferschadholz relativ niedrig. Die Biomasse-Potenziale in Deutschland sind erschöpft. Für Biomasse-Anlagen muss mittlerweile Holz aus Osteuropa, teils aus Urwäldern, eingekauft werden, um daraus Pellets oder Hackschnitzel zu machen.

Kann man gegen den Feinstaub etwas tun?

Ja. Durch eine optimierte Technik. Deshalb werden wir elektrostatische Partikelabscheider in unser Förderprogramm aufnehmen – diese werden in Biomassekesseln eingebaut, um Feinstaub zu reduzieren.

Wird es ohne Pellets oder Holzhackschnitzel gehen?

Nein, für manche Situationen ist Biomasse weiterhin sinnvoll – beispielsweise in der Oberstadt, wo es Einschränkungen aufgrund des Denkmalschutzes gibt, kein Fernwärmeanschluss möglich ist und Wärmepumpen an Grenzen stoßen, wenn die Heizungen eine hohe Vorlauftemperatur benötigen.

Eignet sich eine Wärmepumpe für jeden?

Theoretisch schon. Mittlerweile gibt es auch für höhere Vorlauftemperaturen sogenannte Hochtemperatur-Wärmepumpen.

Man kann recht einfach selbst testen, ob das vorhandene Heizsystem auch mit niedrigen Vorlauftemperaturen funktioniert. Dazu stellt man im Winter die Heizung auf eine Temperatur von um die 50 Grad ein, dreht die Heizkörper voll auf – und schaut, ob es warm genug wird.

Muss ein Haus unbedingt gleichzeitig voll gedämmt sein, wenn man die Heizung umstellen will?

Klar gilt: Je besser ein Haus gedämmt ist, desto besser funktioniert die Wärmepumpe. Aber man kann auch erst mal klein anfangen. Eine oft vergessene und einfach umzusetzende Maßnahme ist die Kellerdeckendämmung. Das ist günstig und kann selbst ausgeführt werden. Das Einsparpotenzial liegt allein dadurch schon bei rund fünf bis sieben Prozent des Wärmeenergieverbrauchs.

Braucht es unbedingt eine Fußbodenheizung?

Das wäre ideal für niedrige Vorlauftemperaturen von bis zu 35 Grad. Eine Flächenheizung lässt sich mittlerweile auch nachträglich einbauen – indem man die Schlangen in den Estrich fräst, was nicht so teuer ist. Aber es gibt auch Niedertemperatur-Heizkörper, die durch vergrößerte Fläche einen guten Nutzen bringen.

Welche Wärmepumpen gibt es?

Am günstigsten ist die Luft-Wärmepumpe. Sie saugt die Außenluft an und schafft es auch, bei eisigen niedrigen Temperaturen daraus noch Wärme zu gewinnen. Je nachdem, wie kalt es ist, kann es trotzdem vorkommen, dass der „Heizstab“ – eine Art Wasserkocher – zugeschaltet werden muss, was vergleichsweise viel Strom kostet. Und: Die außen liegenden Ventilatoren geben Schall ab – etwa in der Lautstärke eines Kühlschranks. Die Anschaffungskosten liegen bei etwa 15 000 Euro, wobei es Förderungen aus verschiedenen Töpfen von 35 bis 45 Prozent der Investitionskosten gibt.

Teurer, aber auch effizienter ist die Erdwärmepumpe: Zur Gewinnung der Wärme aus der Erde werden entweder Heizschlangen auf einer größeren Fläche unterhalb der Frostgrenze in den Boden eingebracht. Oder es gibt eine Bohrung von etwa 100 Metern Tiefe. In beiden Systemen zirkuliert im „Heizkessel“ eine Wasser-Frostschutz-Lösung, die die vorhandene Wärme aus dem Erdreich aufnimmt und sie an die Wärmepumpe im Haus abgibt. Die Investition beträgt hier zwischen 20 000 und 30 000 Euro.

Wann arbeitet eine Wärmepumpe wirtschaftlich?

Die wichtige Kennzahl ist die Jahresarbeitszahl. Sie gibt Auskunft über die Effizienz des Gesamtsystems (Dämmung, Heizkörper, Wärmeverteilung, Wärmepumpe) und sollte möglichst hoch sein. Eine Jahresarbeitszahl von 4 bedeutet beispielsweise, dass aus 25 Prozent Strom 75 Prozent Umweltwärme gewonnen werden. Eine optimal laufende Luft-Wärmepumpe erreicht Jahresarbeitszahlen von 3 bis 5.

Was sind weitere Kosteneinsparungen abseits vom Preis für Öl und Gas?

Beispielsweise der CO2-Preis: Er liegt derzeit bei 30 Euro je Tonne in Deutschland – in der EU sind es bereits 90 Euro. Das ist also ebenfalls ein Riesenkostenfaktor bei der Verbrennung von Öl oder Gas, der bei einer Wärmepumpe entfällt. Zudem spart man auch die Kosten für den Schornsteinfeger.

So funktioniert die Wärmepumpe

In Wohnhäusern werden drei Arten von Wärmepumpen genutzt: die Luft-Wasser-, die Wasser-Wasser- und die Sole-Wasser-Wärmepumpen. Letztere entziehen dem Erdreich Wärme, die Luft-Wasser-Variante nutzt die Wärme der Umgebungsluft und die Wasser-Wasser-Wärmepumpe die des Grundwassers.

Diese Energiegewinnung geht nicht nur in der Wärmepumpe selbst vonstatten, sie ist laut Bundesverband Wärmepumpe eingebunden in eine Heizungsanlage aus drei Teilen:

Die Wärmequellenanlage entzieht zunächst der Umgebung – also Erdreich, Luft oder Grundwasser – Energie. Das sind je nach Variante Ventilatoren zum Ansaugen der Außenluft oder Rohre, in denen Wasser mit Frostschutzmittel zirkuliert.

Die Wärmepumpe wandelt in Schritt 2 die gewonnene Wärme um. Sie trifft auf ein Kältemittel, das bei niedriger Temperatur verdampft. In einem Kompressor wird der Dampf verdichtet und dadurch sehr warm.

Somit funktioniert eine Wärmepumpe nach dem umgekehrten Prinzip eines Kühlschranks, der die Wärme von innen nach außen lenkt.

Diese Wärme wird im dritten Schritt an den Heizkreis abgegeben. Ein Wärmeverteil- und Speichersystem lagert die Energie zwischen oder verteilt sie direkt im Haus.

Einen Großteil ihrer Energie gewinnt die Heizungsanlage mit Wärmepumpe kostenlos aus der Umwelt, laut dem Bundesverband Wärmepumpe sind es rund drei Viertel. Ein Anteil Strom wird aber benötigt – zum Betrieb der Pumpe und ihres Antriebs. dpa

Von Andreas Schmidt