Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Tönnies? „Damit hat das heimische Fleischerhandwerk nichts zu tun“
Marburg Tönnies? „Damit hat das heimische Fleischerhandwerk nichts zu tun“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:59 07.07.2020
Obermeister Martin Meier mit einer „roten Wurst“. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Der Fall Tönnies hat den Verbrauchern die Schattenseiten der industriellen Fleischverarbeitung deutlich vor Augen geführt – inklusive der katastrophalen Arbeitsbedingungen. Ist so etwas auch bei den heimischen Fleischereien möglich? Und: Wie sind die Metzger bisher durch die Corona-Krise gekommen?

Martin Meier, Obermeister der Marburger Fleischerinnung, sagt im Gespräch mit der OP: „Mit Tönnies hat das heimische Fleischerhandwerk nichts zu tun. Davon kann man sich ganz klar distanzieren.“

Anzeige

Doch was wird nun passieren? „Ein Teil der Kunden wird sensibler sein und gezielter den Weg zum Metzger des Vertrauens suchen. Dafür freuen wir uns natürlich sehr“, so Meier.

Doch auf der anderen Seite werde es in der breiten Masse der Verbraucher „eine immer größere Zahl derer geben, die allgemein sagen, dass sie von einem solchen System genug haben und gar nichts mehr damit zu tun haben wollen“. Dies seien Kunden, „die jedem verloren gehen werden – auch denen, die es richtig und gut machen“.

Frische Wurst ist auch nachhaltiger

Diese Erfahrung habe die Branche schon beim Wilke-Skandal im vergangenen Jahr machen müssen, „wir hatten viele verunsicherte Kunden, denen wir in vielen Gesprächen und mit viel Zeit die eigenen Stärken zeigen konnten: Kurze Transportwege, artgerechte Tierhaltung, wenig bis keine Zusatzstoffe, frische Produktion – das sind die Stärken des Metzgerhandwerks“, betont der Obermeister. So etwas sei „bei den langen Lieferketten des Lebensmitteleinzelhandels gar nicht möglich“.

Und: Nachhaltiger sei dies auch, „eine frisch produzierte Fleischwurst, die noch nie etwas mit Verpackung zu tun hatte und dann dem Kunden in eine Tüte gesteckt wird, ist für mich tausend Mal nachhaltiger, als so ein Industriekringel, der mit dem Lkw durch die Landschaft gefahren wird, in Hartplastik verschweißt und gelabelt – und dann natürlich keine Plastiktüte mehr braucht“, gibt Martin Meier zu bedenken.

Nur Kaufverzicht kann etwas ändern

Nicht nur die privaten Konsumenten könnten sich jetzt gezielter für regionale Lebensmittel entscheiden – sondern auch die öffentliche Hand mit ihren größeren Küchen könnten nun mit gutem Beispiel vorangehen. „Vereinzelt passiert das bereits, es gab schon entsprechende Anfragen. Nachhaltig wird das jedoch erst dann, wenn ein gewisser Druck entsteht. Und der kann nur durch den Kaufverzicht industrieller Produkte und zum Hinwenden zu handwerklichen Produkten entstehen. Ansonsten wird sich an dem System nichts ändern – und es sind alles nur Lippenbekenntnisse.“

Der Kunde habe es in der Hand, für Veränderungen zu sorgen – er müsse allerdings auch bereit sein, für Tierwohl und handwerkliche Produktion zu bezahlen. „Über staatliche Vorgaben wird das nicht geregelt werden können“, glaubt Martin Meier. Dennoch sei es wichtig – wie jüngst beim so genannten „Fleischgipfel“ mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner –, „dass man sich Gedanken darüber macht, wie die Nutztierhaltung in Deutschland aussehen soll und wie Schlachtkapazitäten auch für große Mengen künftig verteilt werden können“.

Nur wenige Betriebe können selbst schlachten

Was der Fall Tönnies jedoch ganz deutlich und für alle sichtbar ans Licht gebracht habe, „sind die dramatischen Praktiken und Arbeitsbedingungen, die in der industriellen Fleischerzeugung herrschen“.

Ist für die heimischen Metzger denn eine regionale Schlachtung möglich? „Ja, durchaus“, sagt Martin Meier. So zum Beispiel bei der Metzgerei Mattes/Engelbach in Niederasphe – Marc Mattes hatte den dortigen Schlachtbetrieb bereits 2014 ausgeweitet, nachdem der Schlachthof in Wehrda geschlossen hatte. „Das klappt bei den Innungsbetrieben sehr gut“, sagt Meier. Allerdings könnten nur wenige Betriebe noch selbst schlachten – Auflagen, Nachweise, Dokumentationspflichten und viele bürokratische Hürden seien aufgebaut worden.

Recht ordentlich durch die Krise gekommen

„Aber für einige Kollegen hat sich dadurch auch die Chance geboten, sich auf das Schlachten zu spezialisieren. Die Nahversorgung ist gesichert – sowohl durch die Viehbestände als auch durch die nahe Schlachtmöglichkeiten. Wir brauchen keinen Schlachthof Rheda-Wiedenbrück.“ Für den Obermeister bergen die Lebensmittelskandale auch eine Chance: Das Handwerk habe die Chance, sich klarer, deutlicher und besser zu positionieren und abzugrenzen.

Und wie sind die Metzger bisher durch die Corona-Krise gekommen? Martin Meier sieht „ein differenziertes Bild: Den klassisch aufgestellten Metzgereien sind die Kunden treu und sie verzeichnen gute Ladengeschäfte.“ Corona habe zwar Spuren hinterlassen, doch kämen die klassischen Betriebe recht ordentlich durch die Krise. „Das liegt auch daran, dass die Leute mehr zu Hause waren und das auch immer noch sind“, sagt Meier. Auch die Wochenmärkte würden soweit „ganz ordentlich“ funktionieren.

„Beim Catering bewegt sich nahezu nichts“

„Anders sieht es jedoch bei den Betrieben aus, die einen starken Anteil an der Belieferung von Stadtfesten und Ähnlichem haben“, sagt der Obermeister. Denn diese würden allesamt ausfallen, und auch das klassische „Sportplatzgeschäft“ sei komplett eingebrochen. Das ist nicht nur für die Metzgereien ein fehlendes Geschäft. „Das zieht sich auch zu den Vereinen durch – etwa bei dem für uns naheliegenden Beispiel Meier-III-Cup, der auch für den SV Beltershausen als Einnahmequelle und zentrale Veranstaltung ersatzlos weggefallen ist.“

Immerhin seien kurz vor dem Beginn der Ferien „Kindergärten und die Schulverpflegung noch angelaufen“. In diesem Zusammenhang sieht Martin Meier noch ein weiteres Problemfeld: „Auch beim Catering bewegt sich nahezu überhaupt nichts.“ Taufen, Konfirmationen, Firmen-Events – alles abgesagt. „Wir warten also händeringend darauf, dass bei den Veranstaltungen wieder etwas passieren kann.“

„Wenn alle zum Metzger gehen würden ...“

Für die Zukunft rechnet er damit, dass die Verbraucher „größeren Wert darauf legen, wo sie einkaufen und was sie für ihr Geld bekommen“. Würde eine „Fleischsteuer mit Prozentsatz X“ eingeführt, müssten handwerkliche Metzger ihre Preise überproportional im Vergleich zum Billigfleisch steigern. Damit würden sie für ihre Arbeitsweise bestraft.

„Ich sag’s mal ganz salopp: Wenn alle zum Metzger gehen würden, dann bräuchten wir keine Extra-Fleischsteuer und wir hätten diese ganzen Diskussionen nicht.“ Denn: „Alle Vorteile, die durch die Politik diskutiert werden, haben die Kunden bei uns schon.“ Es müsse daher dringend differenziert werden zwischen Fleischerhandwerk und industrieller Produktion.

„Es gibt kein Recht auf tägliches Billigfleisch“

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will sich verstärkt gegen Fleisch-Billigangebote einsetzen.

„Ich lasse derzeit juristisch prüfen, inwieweit es möglich ist, der Werbung mit Lockangeboten beim Fleisch Einhalt zu gebieten“, sagte die CDU-Politikerin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS).

Wertschätzung für Tiere und die Menschen in der Branche könne nicht entstehen, wenn Dumpingpreise an der Tagesordnung seien. „Es gibt kein Recht auf tägliches Billigfleisch.“ Billigpreise für Fleisch würden nicht dem Wert der Ware entsprechen. Zudem könnten Bauernfamilien bei solchen Preisen nicht von den Erträgen leben.

Klöckner setzt zudem auf Veränderungen bei der Tierhaltung. „Für mich ist klar: Wir müssen in Stallumbauten investieren. Im Konjunkturpaket habe ich für 300 Millionen Euro für den Umbau der Sauenhaltung gekämpft“, sagte Klöckner der „FAS“.

Die Verbraucher müssten aber auch erkennen können, „wo mehr Tierwohl drinsteckt“. Das könne etwa durch ein staatliches Tierwohlkennzeichen erreicht werden.

„Ein Weg könnte auch sein, dass es wie in der Biolandwirtschaft Umstellungs- und Beibehaltungsprämien gibt für Landwirte, die ihre Betriebe umbauen für mehr Tierwohl.“

Von Andreas Schmidt

07.07.2020
07.07.2020
Marburg Corona-Fallzahlen - Keine Neuinfektionen
06.07.2020