Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Heimische Kunstszene stellt sich vor
Marburg Heimische Kunstszene stellt sich vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:58 28.08.2020
Ursula Eske stellt bei der Vorbesichtigung ihre Installation „Am seidenen Faden“ vor, mit der sie die Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Ländern wie Bangladesch, Vietnam oder Indien kritisiert. Quelle: Uwe Badouin
Anzeige
Marburg

Am Freitag eröffnet der Marburger Kunstverein die Ausstellung „Kunst in Marburg 2020“. Eine klassische Vernissage wird es aufgrund der Corona-Pandemie nicht geben. Geöffnet ist die Schau am Freitag von 18 bis 21 Uhr, maximal 50 Besucherinnen und Besucher dürfen die Schau gleichzeitig sehen. Eine Mund-Nasen-Maske ist am Freitagabend Pflicht, zu den späteren Öffnungszeiten nicht, betonte die Kunstvereins-Geschäftsführerin Dr. Carola Schneider. Die Einführungsrede des Jury-Mitglieds Edgar Zieser liegt aus, zudem gibt es traditionell zu „Kunst in Marburg“ einen informativen Katalog mit Angaben zu allen 21 Künstlerinnen und Künstlern, die für die Schau ausgewählt wurden.

Die Ausstellung „Kunst in Marburg“ gibt es seit dem Jahr 2000. Damals zog der Kunstverein in seine neuen Räume am Gerhard-Jahn-Platz und übernahm das Konzept der früheren „Weihnachtsausstellung“, die der Kunstverein gemeinsam mit dem Universitätsmuseum seit 1980 organisiert. Konnte man sich als Künstlerin oder Künstler anfangs beim Vorstand um eine Teilnahme an der populären Ausstellung zeitgenössischer Marburger Kunst bewerben, zog der Verein 2010 die Reißleine. Seither lädt eine fünfköpfige, wechselnde Jury alle zwei Jahre Künstler ein. Die Folge: Durch Vorlieben und Expertise der Jurorinnen und Juroren sind immer wieder neue, oft (noch) weitgehend unbekannte Künstlerinnen und Künstler vertreten.

Anzeige

Der Jury gehörten in diesem Jahr Susanne Dilger, Jan Luke, Jessica Petraccaro-Goertsches, Ines Vielhaben und Edgar Zieser an, die alle stark in der heimischen Kunstszene vernetzt sind. Herausgekommen ist eine, wie Jury-Mitglied Zieser betont, „sehr vielfältige Ausstellung“. Viele Kunstströmungen und Genres sind vertreten – digitale Kunst, Fotografie, Installationen, zarte Zeichnungen, kräftige Malerei und Bildhauerei, „wie immer bei zeitgenössischer Kunst, gibt es kein Klassifizierungsmerkmal“, so Zieser.

Voraussetzung für die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler ist ein Bezug zu Marburg. Sie müssen hier geboren oder aufgewachsen sein, oder hier leben, arbeiten oder studieren. Das trifft in der ein oder anderen Form auf alle 21 Künstlerinnen und Künstler zu, von denen viele in der lokalen Kunstszene kaum verankert sind. „Wo sind die in Marburg bekannten Künstler? Die sind ja gar nicht da“, meint auch der Kunstvereinsvorsitzende Dr. Gerhard Pätzold. Dies ist nicht als Kritik an der Jury zu verstehen, sondern eher als Lob für den „Entdeckergeist“ der Juroren.

Rund 70 Arbeiten aus allen Kunstgattungen

Auf alle rund 70 Arbeiten an dieser Stelle einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Zwei sehr politische Arbeiten sollen dennoch hervorgehoben werden. Das ist zum einen Ursula Eskes Installation „Am seidenen Faden“, mit der sie die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Näherinnen in Dritte-Welt-Staaten wie Bangladesch, Vietnam oder Indien kritisiert. Und der in Moldawien geborene Künstler Alexandru Raevschi zeigt eine eindringliche Arbeit, die er „Letzter Raum“ nennt. Hinter Stahlgittern, die ein Gefängnis symbolisieren, hängen Porträts von deportierten Juden. Ein riesiges, mit Öl in leuchtenden Farben gemaltes Bild zeigt diesen „letzten Raum“ – es ist eine Gaskammer in Auschwitz. „Es ist der grausamste Ort, den Menschen jemals geschaffen haben“, heißt es dazu in einem englischsprachigen Interview, das über Band zu hören ist.

Vertreten in der Schau sind gleich zwei syrische Künstler: Waleed Nizamy und der in Marburg durch eine großartige Ausstellung im Kunstmuseum bekannte und heute in Biedenkopf lebende Maler Adnan Abd Al-Rahman setzen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit ihrer Flucht auseinander.

Jorg Karg ist ein international tätiger und erfolgreicher Künstler, der in Metropolen wie Paris oder Madrid ausstellt und zahlreiche Preise gewonnen hat. Der in Kirtorf lebende Künstler zeigt drei großformatige Fotocollagen.

Einen ganz anderen Blick auf die Welt hat der in Marburg aufgewachsene 21-jährige Francesco Scheffczyk, der in Mainz Kommunikationsdesign studiert. Er ist durch die Marburger Spätis gezogen, die sich zum Treffpunkt seiner Generation entwickeln. Entstanden sind dokumentarische Fotos, die er mit einer digital aufbereiteten Geschichte verbindet. Bemerkenswert ist auch, welche weichen Formen die Marburger Bildhauerin Regina Schnersch einem extrem harten Material entlockt: Sie bearbeitet mit der Hand und mit Maschinen Diabas aus dem Hinterland und Labrador aus Kanada, zwei sehr widerstandsfähige Gesteine.

Zur Eröffnung präsentiert der in Frankfurt geborene und in Marburg lebende Klangkünstler Martin Blankenhagen um 19 und 20 Uhr eine Performance. Die Klangspiele nennt er „Golden Kalb“.

Die Ausstellung ist bis zum 15. Oktober zu sehen; geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Öffentliche Führungen finden jeden Samstag ab 16 Uhr statt. Der Katalog kostet 10 Euro.

Von Uwe Badouin

Marburg Ungewöhnliches Theaterprojekt - Theater hinter dem Schaufenster
27.08.2020