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Marburg Heime stehen in den Startlöchern
Marburg Heime stehen in den Startlöchern
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07:58 23.08.2021
Eine Bewohnerin eines Pflegeheims wird gegen Corona geimpft.
Eine Bewohnerin eines Pflegeheims wird gegen Corona geimpft. Quelle: Archivfotos: Hendrik Schmidt, Sascha Valentin, Thorsten Richter
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Marburg

Die vierte Corona-Welle baut sich auf, die Infektionszahlen steigen wieder rasch an. Die Situation vom vergangenen Herbst und Winter soll sich nicht wiederholen. Damals grassierte das Virus besonders heftig in den Alten- und Pflegeheimen. Dort beginnt nun die Vorbereitung für die Drittimpfungen der Bewohner. Sie gehörten zu den Ersten, die ab Ende 2020 geimpft worden waren. „Die Drittimpfung setzt die Erst- und Zweitimpfung bei Personen mit herabgesetztem Immunsystem fort“, sagte Birgit Wollenberg, Leiterin des Gesundheitsamtes im Landkreis Marburg-Biedenkopf, dieser Zeitung. Die Drittimpfungen starten im September, so Wollenberg.

Vergangene Woche erhielten die Heimleitungen in Hessen eine Mail aus dem Sozialministerium in Wiesbaden. In dem Informationsschreiben werde den Heimen „der organisatorische Prozess, wie die Impfungen ablaufen sollen, beschrieben“, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Im Lahn-Dill-Kreis war zuvor von verschiedenen Heimen Kritik laut geworden. Heimleiter vermissten einen Fahrplan für die Drittimpfungskampagne. Dadurch gehe wertvolle Zeit verloren, so ihre Sorge.

Neue Aufklärungsbögen ­werden benötigt

„Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass der Impfschutz nicht plötzlich mit einem Stichtag verloren geht, sondern graduell abnimmt, was zudem von vielen individuellen Faktoren abhängt. Es besteht daher ein erhebliches Zeitfenster für die Auffrischungsimpfungen“, nahm das Ministerium zu dieser Kritik Stellung. Den Heimen seien die Kontaktdaten der Ansprechpartner übermittelt worden.

Die Drittimpfungen sollen nach den Plänen der Landesregierung vorwiegend durch niedergelassene Hausärzte erfolgen. Darüber hinaus biete die Kassenärztliche Vereinigung Hessen an, Ärzte für Impfungen in die Einrichtungen zu vermitteln. Bis zur Schließung der Impfzentren könnten die Impfungen auch von den mobilen Impfteams der Impfzentren vorgenommen werden.

„Die mobilen Teams springen ein, wenn die Hausärzte das nicht übernehmen“, bestätigte Gesundheitsamtsleiterin Wollenberg. „Alten- und Pflegeheime, die dies wünschen, können das jetzt bereits beim Impfzentrum anmelden.“ Sie empfehle, sich bald zu melden, da die Einsätze geplant werden müssten. Wollenberg: „Wir können dann noch die geballte Power des Impfzentrums in seiner heutigen personellen Ausstattung nutzen.“ Nach dem 1. Oktober werde dieses Impfangebot dann vom Gesundheitsamt fortgeführt werden, kündigt Wollenberg an.

„Wir arbeiten es ab. Es gibt ja beide Optionen – Hausärzte oder Impfteams“, sagt A. Cornelia Bönnighausen, Geschäftsführerin des DRK-Kreisverbands Biedenkopf. Das Deutsche Rote Kreuz betreibt zwei Alten- und Pflegeheime in Biedenkopf. „Im Moment warten wir noch auf die Aufklärungsbögen, denn für die dritte Impfung werden neue gebraucht“, sagt Bönnighausen. Laut Ministerium soll das Material „zeitnah“ zur Verfügung gestellt werden. Bönnighausen verweist auf eine Aufgabe, die jetzt ansteht. „Wir müssen alle Betreuer der Bewohner anschreiben und um deren Einverständnis zur Drittimpfung bitten.“ Die DRK-Geschäftsführerin bleibt gelassen. Es sei gerade zwei Wochen her, dass das Robert-Koch-Institut die dritte Impfung empfohlen habe. Vor drei Wochen hätten die Hausärzte dem DRK auf eine Anfrage geantwortet, es läge noch gar keine Impfempfehlung vor. Bönnighausen: „Schneller können wir halt nicht galoppieren.“ Sie verstehe die Aufregung nicht. Schließlich seien die Bewohner zwei Mal geimpft. Selbst wenn es zu Impfdurchbrüchen käme und sich Menschen infizierten, verliefen diese mild. „Die Situation ist nicht mit dem vergangenen Herbst und Winter zu vergleichen.“

Auch Thomas Reusing, Heimleiter des Seniorenzentrums Dautphetal, bleibt mit Blick auf die Drittimpfungskampagne gelassen. „Corona ist schon die ganze Zeit für die Heime eine große Aufgabe. Deshalb sehe ich das jetzt nicht als großes Problem.“ Die Impfquote bei den Bewohnern betrage 80 Prozent, bei den Mitarbeitern sogar 95. Sechs bis sieben Ärzte kommen regelmäßig in die Einrichtung.

Besuchsregelungen in den Heimen sind gelockert

„Wir stehen in den Startlöchern“, sagt Nicole Haberzeth, stellvertretende Heimleiterin von Haus Hinterland in Bad Endbach. „Die Impfbereitschaft ist bei uns sehr hoch.“ Hundert Prozent der Bewohner seien geimpft, 98 Prozent seien es bei den Mitarbeitern, so die Pflegedienstleiterin. Haberzeth lobt die Arbeit der mobilen Impfteams, die im vergangenen Winter ins Haus kamen. „Das lief reibungslos und war super organisiert.“ Sie fände es einfacher, wenn die Drittimpfungen wieder so durchgeführt werden könnten. Zu den rund 40 Bewohnern im Haus Hinterland kämen zwei Hausärzte. Haberzeth will aber zuerst – wie in dem Ministeriumsschreiben vorgesehen – bei den Hausärzten nachfragen.

„Wir wollen die Auffrischungsimpfung für die Bewohner und, wenn möglich, auch für die Mitarbeiter haben“, so die stellvertretende Heimleiterin. Eine Auffrischungsimpfung für die Mitarbeiter werde es noch nicht geben, erteilt Gesundheitsamtsleiterin Wollenberg diesem Wunsch eine Absage. Denn diese unterscheide sich von der Drittimpfung. „Dafür brauchen wir noch eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission und die Zulassung der Impfstoffe.“

Das Impfen hat das Leben in den Alten- und Pflegeheimen wieder leichter gemacht. „Es ist fast wieder so wie vor Corona – gemeinsame Mahlzeiten, Spiele, Singen“, sagt Reusing. „Große Partys gibt es natürlich nicht“. Deshalb werde auch das Sommerfest mit den Angehörigen ausfallen müssen. Auch die Besuchsregeln sind gelockert. Geimpfte und Genesene dürfen ihre Angehörigen besuchen, wann immer sie wollen. Sie haben den Nachweis dabei und tragen sich in eine Liste ein. Nichtgeimpfte müssen einen Test machen und ihren Besuch anmelden.

Auch im Haus Hinterland kehrt das Leben in der bekannten Form ein Stück weit zurück. Sogar ein Sommerfest ist geplant, wahrscheinlich nur für Bewohner und Mitarbeiter. Ganz ausschließen will Nicole Haberzeth aber noch nicht, dass ein Angehöriger pro Bewohner kommen darf. „Das soziale Leben ist noch nicht so ganz wie vor der Pandemie“, sagt Bönnighausen mit Blick auf die DRK-Heime. „Unsere Bewohner dürfen raus, sie nehmen an Familienfeierlichkeiten teil, werden von ihren Angehörigen abgeholt, können woanders übernachten, viele nutzen das auch. Viele Angehörige sind ja inzwischen auch geimpft.“ Vorsichtig sei man noch bei öffentlichen Veranstaltungen. „Sommerfeste bei uns finden derzeit noch ohne Angehörige statt.“

Auch die Frage, ob Corona-Tests künftig bezahlt werden müssen, ist ein Thema in den Heimen. „Wir werden natürlich weiterhin testen, aber das muss nach wie vor refinanziert werden“, sagt Haberzeth. In Bürgertestzentren gemachte Tests dürfen für Besucher im Haus Hinterland nicht älter als 24 Stunden sein. Auch in Dautphetal überlegt man, Geld für die Tests zu nehmen, sollten sie für den Heimbesuch nicht weiter bezahlt werden. In den DRK-Heimen wird gar nicht mehr getestet, seit es die Testzentren gibt, so Bönnighausen. „Damit haben wir nichts mehr zu tun. Zuvor war dies ein Wahnsinnspersonalaufwand, um die Leute bei uns zu testen. Wir hatten das Testen schon umgesetzt, bevor die Landesregierung das zur Pflicht gemacht hat.“

Bönnighausen hat zur Kostenfrage eine strikte Haltung: „Wer sich nicht impfen lassen will, soll den Test bezahlen, da bin ich leidenschaftslos.“ Sie ärgert, dass nicht alle Mitarbeiter im Pflegebereich sich impfen lassen. Niemand könne sie dazu zwingen. „Diese Leute müssen in der Konsequenz ertragen, dass ich sie zwei Mal die Woche abstreichen lasse. Meine private politische Meinung ist, ich hätte die Impfpflicht eingeführt und basta. Das traut sich vor der Bundestagswahl einfach keiner. Wir müssen ja auch die Leute schützen, die keine Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen.“

Bönnighausen weiter: „Ich kann die Leute nicht verstehen. Wenn sie in Urlaub nach Südafrika fliegen, lassen sie sich gegen alles Mögliche impfen. Da wissen sie auch nicht, was da drin ist. Nur damit sie auf Safari gehen können. Aber zu Hause wollen sie nicht ihre Verantwortung übernehmen.“

Von Regina Tauer

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