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Marburg Auf Schritt und Tritt heilig
Marburg Auf Schritt und Tritt heilig
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12:20 19.11.2021
Illustration von Otto Ubbelohde zur Sage von der hl. Elisabeth und dem Wolf (Ausschnitt: Hessen-Kunst 1914).
Illustration von Otto Ubbelohde zur Sage von der hl. Elisabeth und dem Wolf (Ausschnitt: Hessen-Kunst 1914). Quelle: Landkreis Marburg-Biedenkopf
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Marburg

Am Fuß des Lahnbergs über dem Dorf Schröck entsprang eine Quelle, von der die Leute vielleicht schon im Spätmittelalter erzählten, die hl. Elisabeth sei öfters dorthin gegangen, habe daraus getrunken und die Windeln ihres Kindes gewaschen, die sie dann an einem Sonnenstrahl zum Trocknen aufgehängt habe. Solche Erzählungen finden sich in vielen Legenden, es sind Beispielerzählungen, wie sie etwa aus den Marienlegenden in die Viten vieler Heiliger übertragen werden konnten, schilderten sie doch exemplarisch das gottgefällige Leben frommer Menschen, die nach ihrem Tod heiliggesprochen wurden.

Landgraf Ludwig IV. hat 1596 die Quelle verlegen und unterhalb einer in der Reformationszeit aufgelassenen alten Heiligkreuzkapelle durch den Baumeister Eberhard Baldewein eine Brunnenstube darüber errichten lassen. Dieser imposante Renaissancebau, auf dessen Vorplatz höfische Feste gefeiert wurden, diente der Erinnerung an die hl. Elisabeth als Stammmutter des Hauses Hessen.

Doch nicht nur die Repräsentation fürstlichen Herkommens wurde damit verbunden. Auch weiterhin kamen Menschen, holten das Quellwasser, dem Heilkräfte zugeschrieben wurden, und nutzten den Ort zur Verehrung der hl. Elisabeth. Auf dem Weg, den sie von Marburg aus dahin gegangen sein soll, wurden Naturerscheinungen als Zeugnisse ihres Lebens gedeutet. Nahe der ehemaligen Klinik Sonnenblick liegt noch heute ein Stein, in dem Vertiefungen sich mit einigem guten Willen als Fußabdruck deuten lassen – hieran wurde die Sage von Elisabeth und dem Wolf geknüpft. Und auch hier soll das Regenwasser, das sich im Fußabdruck sammelte, heilkräftig gewesen sein.

Elisabethverehrung im Marburger Land

Solche Erzählungen zeigen nicht nur das Nachwirken der Elisabethverehrung im Marburger Land, in dem wegen des Patenbrauchs noch im 17. und frühen 18. Jahrhundert mehr als ein Drittel der Mädchen auf ihren Namen getauft war. Sie zeigen vor allem die Not der Menschen, die ohne medizinische Versorgung zur Linderung ihrer Leiden auf die Hoffnung angewiesen waren, Wasser von heiligen Orten oder Gegenständen könne ihnen helfen.

Großen Teilen der Bevölkerung blieb bei Krankheit, Schmerzen und Geburtskomplikationen nur die Selbsthilfe, vor allem das Heilkräuterwissen. Pflanzen wurden schon im Spätmittelalter in einer besonderen Beziehung zur Gottesmutter und zu den Heiligen gesehen; das Wissen um ihre heilende Wirkung wurde in den Klostergärten überliefert und blieb noch lange in der populären Kultur präsent.

Im Nationalsozialismus wurde dieses Heilkräuterwissen zur medizinischen Selbstversorgung der Bevölkerung wieder propagiert, zum Beispiel im Kamille-Sammeln der Schulklassen – auch, um die Chemie- und Pharma-Industrie auf die Rüstungsproduktion umstellen zu können.

Die Elisabethsage

Da oben beim Sonnenblick liegt ein großer Stein, der heißt das Fußtreppchen. An der Stelle ist nämlich die heilige Elisabeth einmal vom Wolf überfallen worden. Da ist sie auf diesen Stein gesprungen, und heute sieht man noch die Vertiefung im Stein, wo sie und ihr Hündchen und ihr Körbchen gestanden haben, meistens steht heute Wasser in den Fußstapfen, und die Leute holen sich dieses Wasser, weil es gut ist gegen Augenleiden.

N.B. Die Frau im Hause des Erzählers sagte, sie habe sich selbst einmal ein Fläschchen Wasser aus dem Fußtreppchen mitgebracht, was sie Jahre lang aufgehoben hätte, ohne dass es schlecht geworden wäre. Auf meine Frage, ob das Wasser tatsächlich heilsam sei, sagten der Erzähler und die Frau: Jao, daos helft! (Aufgezeichnet von Heinrich Bender 1936 in Bauerbach; vgl. Emil Schneider, Hessisches Sagenbuch für Schule und Haus, Marburg 1923, Nr. 1)

Die Heilige und das Rosenwunder

Der Marburger Theologie-Professor, Superintendent und Historiker Karl Wilhelm Justi (1767–1846) hat für die Geschichte der Universität, insbesondere für die philosophische und die theologische Fakultät, besondere Bedeutung, wirkte aber auch in die Öffentlichkeit von Stadt und Marburger Landschaft.

In seinen zahlreichen Schriften erinnerte er auch an die heilige Elisabeth. In den „Hessischen Denkwürdigkeiten“ erschien 1805 sein Aufsatz über den „Elisabethbrunnen bey Schröck unweit Marburg“, in dem er die lateinische Inschrift übersetzte (so noch heute im Wikipedia-Artikel zitiert).

Schon 1795 und 1809 gab er in zwei Folgen eine Biografie der heiligen Elisabeth heraus, in die er auch Erzählungen und chronikalische Berichte aufnahm; 1835 erschien das Buch „Elisabeth die Heilige, Landgräfin von Thüringen und Hessen“ in zweiter Auflage, darin etwa die Erzählung von Elisabeth und Hildegundis in Wehrda.

Mit seinen Schriften stieß er das neue Interesse an der heiligen Elisabeth in der Romantik an, die nun das Rosenwunder zur zentralen Erzählung der Elisabethlegende machte. Elisabeth sollte dann zur populären Heiligen in der Epoche der Hochindustrialisierung mit ihren gesellschaftlichen und politischen Konflikten werden, zur Identifikationsfigur für Wohltätigkeit, Armen- und Krankenpflege.

In Marburg wurde 1879 der Elisabethverein gegründet, der sich zunächst vor allem der Fürsorge für verwahrloste Kinder widmete und sich um junge Mädchen vom Land kümmerte, die in Marburger Haushalten in Stellung waren.

Von Siegfried Becker