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Marburg Hebammen-Protest für Kreißsaal-Erhalt
Marburg Hebammen-Protest für Kreißsaal-Erhalt
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22:32 25.09.2019
Auf dem Friedrichsplatz protestierten gestern Hebammen, Gewerkschafter und Familien mit Kindern gegen die Schließung von Geburtshilfe-Stationen.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„In Hessen hat dieses Jahr schon die sechste Geburtshilfestation geschlossen – dadurch verschärft sich die Situation für Schwangere“, sagte Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm gestern vor rund 100 Teilnehmern des Protests auf dem Friedrichsplatz.

Darunter war im Sommer auch die des Diakonie-Krankenhauses Wehrda, die des DRK-Krankenhauses Biedenkopf ist schon länger dicht. Das heißt: Lediglich das UKGM bietet noch eine klinische Geburtsstation im Landkreis – und das Krankenhaus ist von vielen Orten im Kreis nicht schnell zu erreichen.

Dzewas-Rehm zählt die Nachteile auf: „Fahrzeiten werden länger, die Sicherheit während der Geburt sinkt – und es gibt keine wohnortnahe Versorgung mehr.“ Es komme so, wie man jahrelang befürchtet habe, „dass ökonomische Maßstäbe bestimmen, wie Geburtshilfe stattfindet“.

Arbeitsverdichtung und Personalmangel

Fallpauschalen bestimmten in den Kliniken den Alltag, „es wird gemacht, was sich ökonomisch rentiert – und nicht, was medizinisch sinnvoll ist. Das sieht man an den steigenden Kaiserschnitt-Raten“, so Dzewas-Rehm, denn für die gebe es schlicht mehr Geld.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) betonte, dass viel darüber geredet werde, „dass man etwas für die ländliche ­Daseinsvorsorge tun muss. Aber diese Reden sind hohl, wenn man nicht ­einmal die Chance hat, im ländlichen Raum auf die Welt zu 
kommen“.

Ein Kind zur Welt zu bringen habe viel mit Vertrauen und Nähe zu tun – „da will und kann man nicht erst 40, 45 Kilometer fahren“, so Zachow. Wenn man den ländlichen Raum stärken wolle, „dann ist die Geburtshilfe nichts, was man in Heller und Pfennig aufrechnen kann“, so der Kreisbeigeordnete, „das muss der Gesellschaft etwas wert sein“.

Das fordert auch Martina Klenk, Vorsitzende des Hessischen Hebammen-Verbands: „Es gibt ein dramatisches Kreißsaal-Sterben“, mahnt sie – dabei hätten die Frauen laut Gesetz die Wahlfreiheit.

Doch die gebe es mangels Angebot nicht mehr. Hinzu kämen die sich stetig verschlechternden Arbeitsbedingungen der Hebammen: „Wir leiden unter extremer Arbeitsverdichtung und unter Personalmangel. Wir verdienen viel zu wenig für die Verantwortung, die wir haben. Und die Haftpflichtprämien knallen nach wie vor durch die Decke“, so Klenk.

Politiker ducken sich weg

Dabei seien Hebammen „so erpressbar, weil wir uns als Anwältinnen der Frauen verstehen und sie nicht im Stich lassen wollen“ – das werde bei den festangestellten Hebammen durchaus vom Arbeitgeber ausgenutzt. Durch die Schließungen der Kreißsäle in Hessen „müssen 4 000 Geburten von anderen Häusern betreut und versorgt werden“.

Im Hessischen Koalitionsvertrag seien zahlreiche Verbesserungen für die Geburtshilfe festgeschrieben, auch die wohnortnahe Versorgung – „wo sind denn die Politiker jetzt, wo ein Kreißsaal nach dem anderen geschlossen wird? Sie ducken sich weg“, so Klenk.

Helen Schmidt vom Elternverein „Mother Hood“ forderte, „das Ruder wieder rumzureißen – wir müssen gegen die Schließung der Kreißsäle kämpfen“. Der Anspruch der wohnortnahen Geburtshilfe „wird immer mehr zur Farce – es ist einfach skandalös, dass werdende Mütter in Deutschland keine Wahlfreiheit über den Geburtsort ihres Kindes haben“, so Schmidt.

Das sagt die Landesregierung

Der Marburger Linken-Abgeordnete Jan Schalauske ­wollte von der Hessischen Landesregierung wissen, warum ­diese die Schließung der Geburts­hilfe im Diakonie-Krankenhaus Wehrda nicht verhindert habe.

Sozialminister Kai Klose (Grüne) betonte, dass die Klinik wirtschaftliche Gründe für den Entschluss genannt habe. Trotz der Schließung „ist die flächendeckende geburtshilfliche Versorgung als sichergestellt anzusehen“, so Klose. Denn diese werde nun im Einzugsgebiet des Diakonie-Krankenhauses durch das UKGM gewährleistet.

„Da eine Gefährdung der ­flächendeckenden Versorgung im Sinne der Regelungen des Gemeinsamen Bundesausschusses über Sicherstellungszuschläge nicht vorliegt, kann das Hessische Ministerium für Soziales und Integration nicht verlangen, dass im Diakonie-Krankenhaus Wehrda weiterhin eine geburtshilfliche Abteilung betrieben wird“, so Klose. Man werde sich aber dennoch regelmäßig vergewissern, ob die umliegenden Krankenhäuser in der Lage seien, die Versorgung sicherzustellen.

Damit gibt sich Schalauske jedoch nicht zufrieden: „Es ist völlig unzureichend, dass der grüne Sozialminister Kai Klose Krokodilstränen vergießt und 
auf die Stellungnahme der ­Geschäftsleitung verweist. Die Krankenhausplanung liegt in der Verantwortung des Landes.“ Er sieht das Problem in „der Ökonomisierung des Gesundheitswesens. Statt an betriebswirtschaftlichem Denken muss die Versorgung am Bedarf ausgerichtet werden.“     

von Andreas Schmidt