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Marburg Hebamme: "Da sollte der Alarmknopf angehen"
Marburg Hebamme: "Da sollte der Alarmknopf angehen"
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00:16 24.07.2018
Melani Trofimow sitzt im Empfangsbereich des Geburtshauses in Marburg. Die Geschäftsführerin sorgt sich um die Zukunft ihres Berufsstands. Quelle: Tobias Kunz
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Marburg

Im vergangenen Jahr  habe eine Frau in Biedenkopf alleine ein Kind zur Welt gebracht. Nicht, weil sie das wollte, sondern weil sie keine Hebamme für eine Hausgeburt gefunden hat, sagt Melani Trofimow, Geschäftsführerin des Geburtshauses in Marburg. Dieser Vorfall bereitet Trofimow große Sorgen; wenn sie darüber spricht, wird sie fast schon wütend. „Spätestens bei solchen Vorfällen sollte der Alarmknopf in der Politik angehen“, sagt sie.

Die Frau habe das Geburtshaus um eine Hausgeburt gebeten. „Das können wir bei größeren Entfernungen aber nicht leisten“, sagt Trofimow. Das ­Geburtshaus sagte der Schwangeren ab, auch an anderer Stelle wurde die Frau nicht fündig. Von einer alleinigen Hausgeburt rät Trofimow ab. „Das ist zu ­gefährlich“, sagt sie.

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Dennoch sei dies kein Einzelfall. Denn: Die Geburtenzahl in Deutschland steigt, die Zahl der Hebammen aber nicht gleichermaßen mit. Zwar erwartet der Deutsche Hebammenverband in den kommenden Jahren mehr Hebammen, viele aber springen nach wenigen Jahren wieder ab. „Damit Hebammen im Beruf bleiben, müssen ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden“, sagt Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands.

Berufhaftpflicht steigt kontinuierlich an

Besonders schwierig sind die Voraussetzungen für freiberufliche Hebammen, die auch Geburtshilfe leisten wollen. Denn die entsprechende Berufshaftpflicht ist in den vergangenen Jahren deutlich und kontinuierlich gestiegen. „Als ich angefangen habe, haben wir noch 120 Mark pro Jahr bezahlt. In zwei Jahren rechnen wir schon mit mehr als 9 000 Euro“, sagt Trofimow.

Damit sich der Beruf überhaupt lohne, müsse man auf eine Vielzahl an Geburten pro Jahr kommen. Sonst liege der Stundenlohn teilweise unter dem Mindestlohn. „Dann ist es nur ein teures Hobby“, sagt Trofimow. Dass Hebammen nach wie vor fast ausschließlich weiblich sind und selbst Familie haben, bereitet zusätzlich Probleme. „Viele würden gerne außerklinisch arbeiten, ihre private Situation lässt das aber nicht zu. Es ist kein wirklich ­familienfreundlicher Job“, sagt Trofimow.

Die Nachfrage nach außerklinischen Geburten sei trotz der Probleme weiterhin hoch. Trofimow beziffert den Anteil von außerklinischen Geburten auf acht bis elf Prozent. Pro Jahr begleitet das Geburtshaus in Marburg etwa 140 Schwangere bei der Geburt. Weiteren Frauen müssen die Hebammen absagen. „Wer eine außerklinische Geburt möchte, sollte sich frühzeitig melden“, sagt Trofimow.Da auch in der Umgebung zunehmend Geburtshäuser schließen würden, steige die Nachfrage weiter. „Zurzeit haben wir zwei Schwangere aus Schwalmstadt“, sagt Trofimow. Eine Frau habe gar einen anderthalbstündigen Anfahrtsweg auf sich ­genommen.

Nachtarbeit und Rufbereitschaft schrecken ab

Um den Bedarf in der Umgebung zu decken, ist das Geburtshaus Marburg auf der Suche nach weiteren Hebammen. Zurzeit sind die Geburtshelferinnen zu fünft. Ab dem 1. September komme eine neue Kollegin hinzu, zwei weitere seien aber gerne gesehen.

Doch die Nachtarbeit und die permanente Rufbereitschaft schrecken Interessierte vom ­Beruf ab. „Es ist ein sehr schöner, aber auch sehr anstrengender Job“, sagt Trofimow, „nicht jede Frau ist dazu bereit, 100 oder sogar 120 Prozent zu arbeiten.“ Trofimow jedenfalls ist froh, im Team zu arbeiten. Alleine könne man sich diesen Belastungen auf Dauer nicht aussetzen. „Hut ab, wer das dennoch alleine macht“, sagt sie.

Das Geburtshaus in Marburg trage sich durch seine Teamarbeit. Dadurch könnten sich die Hebammen auch mal ein Wochenende frei nehmen. Eine Hebamme werde innerhalb des Geburtshauses von ihren Kolleginnen gar mitfinanziert.

Vertrauen ist wichtig

Dass dies aber keine Dauerlösung ist, ist Trofimow klar. „Es braucht für den Berufsstand der Hebammen ein neues Konzept“, sagt sie. Dass es zu wenige Hebammen gibt, habe sich schon vor rund acht Jahren abgezeichnet. Zwar gebe es auf dem Papier auch heute noch die freie Entbindungswahl für Schwangere, diese sei de facto aber nicht mehr gegeben. Deswegen hofft Trofimow, dass sich die Politik dem „komplexen Thema ganzheitlich widmet“.

Es sei wichtig, dass Frauen auch in Zukunft frei den Geburtsort bestimmen könnten. „Geburten haben mit einer persönlichen Beziehung zu tun. Die Schwangerschaft ist eine anfällige Zeit“, sagt Trofimow. Deshalb sei es von Bedeutung, dass Frauen an dem Ort entbinden, zu dem sie das „größtmögliche Vertrauen“­ haben. „Das kann auch eine ­Klinik sein“, sagt Trofimow.

Ohnehin lobt die Geschäftsführerin des Marburger Geburtshauses die Zusammenarbeit mit dem Uniklinikum. „Der gute Kontakt zwischen Hebammen und Ärzten ist wichtig“, sagt sie. Ärzte dürften Geburten nur ­alleine durchführen, wenn sie ­keine Hebamme finden können. Umgekehrt müssen Hebammen Ärzte hinzuziehen, wenn bei der Geburt nicht alles „normal“ verläuft. „Beide Seiten müssen sich ergänzen“, sagt Trofimow.

Geburtshaus feiert 25-jähriges Jubiläum

Das Interesse an außerklinischen Geburten sei weiterhin hoch, weil sich viele Schwangere eine Eins-zu-eins-Betreuung wünschen. „Das kann ein Krankenhaus nicht leisten“, sagt Trofimow. Im Geburtshaus komme zur Entbindung immer eine zweite Hebamme hinzu. „Wir haben mehr Zeit als eine Klinik“, sagt sie. Auch ohne Arzt sei eine hohe Sicherheit gewährleistet. Dies hätten entsprechende Studien gezeigt. „Man weiß: Je besser der Betreuungsschlüssel, desto sicherer ist auch eine gesunde Geburt“, sagt Trofimow.

Sie wünscht sich, dass mehr Frauen aus eigener Kraft gebären. „Eine Geburt kann einer Frau unwahrscheinlich viel zurückgeben“, sagt Trofimow. „Egal wie schmerzhaft es ist: Eine Geburt kann letztlich heilsam und kraftspendend sein.“ Des Weiteren hofft sie, dass ihr Berufsstand Unterstützung aus der Politik erfährt, damit sich mehr Frauen dazu entscheiden, als Hebamme zu arbeiten, und nicht noch weitere außerklinische Geburtsorte schließen müssen. „Nächstes Jahr feiern wir im Geburtshaus 25-jähriges Jubiläum“, sagt Trofimow. Wenn es nach ihr geht, sollen noch einige Jahre hinzukommen.

von Tobias Kunz

Hintergrund

von Tobias Kunz

Die Zahl der Geburten in Deutschland ist seit 2011 konstant gestiegen. Die Zahl der Hebammen steigt zwar ebenfalls, allerdings arbeiten die meisten Hebammen nur noch in Teilzeit. Auch, weil sich viele Geburtshelfer die hohen Kosten für die Berufshaftpflicht nicht leisten wollen. Doch ohne die Haftpflicht können die Hebammen nicht entbinden. Die Folge ist, dass Frauen, die sich für eine außerklinische Geburt entscheiden, nur noch schwer eine Hebamme finden, die auch ­Geburtshilfe anbietet.

Am 1. Juli sind die Kosten für die Berufshaftpflicht laut dem Deutschen Hebammen-Verband (DHV) auf 8 174 Euro jährlich gestiegen. Zum Vergleich: Vor zwanzig Jahren betrug der jährliche Beitrag umgerechnet noch 393 Euro.

Die Kosten sind gestiegen

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begründet den drastischen Anstieg der Haftpflichtkosten für Hebammen mit den gestiegenen Kosten für Geburtsschäden. Zum einen sei die Behandlung und Pflege teurer geworden, zum anderen durch den medizinischen Fortschritt die ­Lebenserwartung gestiegen. In der Folge hätten sich die Kosten schwerer Geburtsschäden von 2003 bis 2016 mehr als verdoppelt. Unterläuft bei einer Geburt ein Fehler und das Kind ist schwer geschädigt, leiste der Versicherer im Durchschnitt heute 3,2 Millionen Euro.

Freiberufliche Hebammen können die steigenden Beiträge zur Berufshaftpflicht mit dem sogenannten Sicherstellungszuschlag ausgleichen. Wenn die Hebammen einen entsprechenden Antrag stellen, zahlt die Krankenkasse Geld zurück. Das Problem: Damit ist bürokratischer Aufwand verbunden und die Hebammen müssen zunächst in Vorkasse treten. Deshalb ist dies für den DHV noch nicht genug. „Der Sicherstellungszuschlag bedeutet eine Entlastung für Hebammen in der Geburtshilfe. Er ist für uns ­jedoch nur eine Zwischenlösung“, meint Präsidentin ­Ulrike Geppert-Orthofer.

Landkreis prüft Entlastung

Um den Hebammen im Landkreis Marburg-Biedenkopf zu helfen, hat der Kreistag im Mai beschlossen, dass er die Hebammen – wenn möglich – finanziell unterstützen möchte. Der Kreisausschuss prüft im Moment noch, ob und wie dies möglich ist. Laut Sascha Hörmann von der Pressestelle des Landkreises ist erst nach den Sommerferien mit einem Ergebnis zu rechnen. „Wir erheben zurzeit noch die nötigen Daten“, sagte er.

Kreis-Pressesprecher Stephan Schienbein teilte auf OP-Nachfrage mit, dass es zurzeit rund 75 freiberufliche Hebammen im Landkreis gibt, die in Voll- oder Teilzeit arbeiten. Die Zahl ist gerundet, weil sie sich nahezu täglich ändern kann. Vergleichszahlen aus den Vorjahren gibt es nicht. „Wirklich trennscharf führen wir die Statistik erst seit diesem Jahr“, sagt Schienbein. Gefühlt sei die Zahl der Hebammen in den Vorjahren ähnlich gewesen. „Wir erheben die Daten jetzt, weil wir es genau wissen wollen“, sagte Schienbein.