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Marburg Hebamme berichtet aus Berufsalltag in der Pandemie-Zeit
Marburg Hebamme berichtet aus Berufsalltag in der Pandemie-Zeit
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14:15 10.05.2020
Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Dort, wo sich sonst auf Matten oder Bällen Schwangere recken, strecken oder schlicht setzen, schlängelt sich ein Stromkabel durch den Raum. Monitor, Tastatur und Webcam auf dem Fußboden statt Entspannungsübungen auf Polstern – so ist das gerade im Marburger Geburtshaus. „Es ist gerade stiller, weniger lebendig. Aber das Leben geht ja sprichwörtlich trotzdem weiter: Es wird geboren und wir machen mit unseren Angeboten weiter“, sagt Anna Reimann.

Jetzt eben so digital, wie das bei einem Job mit und nahe am Menschen möglich ist. Mit 20 Jahren machte Reimann die Hebammen-Ausbildung, seit acht Jahren übt sie den Beruf aus –aber die Menge der werdenden Mütter, die sie in der Zeit begleitet hat, ist schon kaum mehr zählbar. Selbst wenn Geburt für Gesundheits-Profis wie Reimann Routine ist, hat sich rund um den ersten Muttertag während der Corona-Pandemie auch für die 31-jährige Marburgerin manches verändert; nicht nur die Durchführung von Video- statt Vis-a-vis-Beratungen. Der körperliche Kontakt zwischen Schwangeren und Hebammen sei eingeschränkter denn je, beschränke sich auf die nötigen Untersuchungen. „Man ist weiter weg von den Schwangeren, das machen wir wegen der persönlicheren Atmosphäre, wegen des Vertrauensverhältnisses sonst anders. Da fehlt schon etwas.“

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Arbeitsweise wird an die Vorgaben angepasst

Die Hebammen haben also die Gepflogenheiten geändert und den Hygiene-Vorschriften angepasst. Schwangere sollen alleine statt mit Partner zu Vorsorge-Untersuchungen kommen, Mundschutz ist angesagt, und auch bei der Geburt selbst ist nur noch eine Begleitperson erlaubt. Zu Beginn der Corona-Pandemie hätten werdende Mütter vor allem Angst gehabt, ganz ohne Partner, aber dafür mit Mundschutz unter der Geburt sein zu müssen. Eine Sorge, die Hebammen schnell genommen haben. Rund 60 Geburten hat es im Geburtshaus bis jetzt in diesem Jahr gegeben – exakt genauso viele wie vor einem Jahr.

Viele in diesen Tagen noch werdende oder gerade frisch gebackene Eltern erlebt Reimann in der Pandemie als „entspannt, das Virus macht den meisten keine Angst. Wohl auch, weil es zwar abstrakt da, aber für die meisten doch weit weg ist.“ Bei einigen Müttern und Vätern scheine es sogar so zu sein, dass der zwangsläufig ausbleibende Besuchs-Stress kurz nach der Geburt für eine gewisse Erleichterung sorge. Denn gerade in der ersten Zeit passiere ja sowieso schon viel, „nun fällt das oft aufkommende Thema von zu viel, zu lang, zu aufdringlichem Besuch weg. Es ist noch mehr Platz für Freude auf ein positives, intensives Erlebnis.“ Für die meisten bedeute die Situation einen „entspannteren Start, um in die neue Rolle zu finden“.

Kontaktverbote sind „traurig und belastend“

Für einige Eltern, die sie nach der Geburt noch eine Weile begleite, sei die aktuell gebotene Kontaktvermeidung zu Omas und Opas aber „traurig und belastend“. Gerade, wenn die Verwandten weiter weg wohnten und die besonderen ersten Tage nicht mit ihnen teilen könnten, obwohl sie das wollten.

Der größte Mangel, das, was die meisten Schwangeren umtreibe, sei der fehlende persönliche, der soziale Kontakt zu und das Lernen von und Leiden mit anderen Schwangeren, speziell in den Geburtsvorbereitungs-Kursen, wie es sie auch im Geburtshaus im Schwanhof gibt. „Dieses Direkte fällt gerade für viele leider weg, das ja auch wichtiges Abgleichen, wer wie was in derselben Situation vielleicht anders macht. Gerade, weil nicht jeder auch andere Schwangere im Umfeld hat, ist das zuletzt schon ein verstärktes Thema“, sagt sie im OP-Gespräch kurz vor dem 10. Mai 2020, dem ersten Corona-Muttertag der Geschichte.

Von Björn Wisker

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