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Marburg Haustiere unter dem Weihnachtsbaum?
Marburg Haustiere unter dem Weihnachtsbaum?
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17:56 18.12.2020
Husky-Mix Reya wartet im Cappeler Tierheim auf seine Vermittlung. Quelle: Leonie Rink
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Cappel

Nicht selten steht auf der Wunschliste von Kindern zu Weihnachten ein Haustier. Doch diese Freude hält nicht lange an, wenn die Pflichten der Tierhaltung in den Vordergrund rücken. Auch boomt das Geschäft mit Welpen, die illegal nach Europa geschleust werden.

Die Tiere werden unter katastrophalen Bedingungen in Polen, Ungarn oder Tschechien geboren, sind meist verwurmt, krank und viele Tiere sterben. Das Regierungspräsidium Gießen und die Tierheime warnen deshalb vor der sogenannten „Welpenmafia“.

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„Der Bedarf kann nur von Leuten gedeckt werden, die es darauf auslegen, dass sie ein Geschäft machen. Kein Züchter oder Tierheim würde es darauf anlegen, dass Tiere an Weihnachten in neue Familien kommen“, erklärt Maresi Wagner, die Leiterin des Tierheims Cappel.

Sie spricht von „unseriösen und meist tiermisshandelnden Organisationen“, bei denen nicht bekannt sei, wie alt die Tiere wirklich seien. „Es ist auch nicht bekannt, ob die Tiere jemals einen Arzt gesehen haben“, sagt die Tierheimleiterin. Für den Käufer seien diese Fragen auch zweitrangig. „Der Käufer hat erst mal nur im Kopf, dass er das Tier bis zum 24. Dezember braucht, um dem Kind eine Freude zu bereiten“, meint Wagner.

Wagner nimmt die Eltern in die Pflicht

In Ballungszentren oder in Grenzgebieten „kommen LKW-Ladungen voll mit Welpen an. Wenn die Leute nach Welpen fragen, dann entsteht durch die Nachfrage ein Markt“, sagt die Tierheimgeschäftsführerin. Jedoch erkennt Wagner in der Thematik, Tiere an Weihnachten zu verschenken, auch einen positiven Aspekt.

„Ich verstehe es, wenn Menschen mit einem Tier ihren Liebsten eine Freude machen möchten“. Daran sei nichts Falsches. Dies sei aber nur auf den Moment ausgelegt und nicht auf das langfristige Zusammenleben mit dem Tier“, sagt sie.

Wagner nimmt die Eltern in die Pflicht. Kinder sollten sich nicht allein um ein Haustier kümmern müssen. Es sei ein Familientier – nicht das der Kinder, sagt die Leiterin. Das Tierheim Cappel spricht diesen Tatbestand in allen Vermittlungsgesprächen an.

Wenn eine Familie über die Feiertage beschließt, dass das Thema „Haustier“ bewusst angegangen werden soll und sich die Familie über Anschaffung und Haltung informieren will, sei das etwas ganz anderes.

„Tierwohl steht nicht immer an erster Stelle“

Dann sei zwar auch die Freude da, aber jeder in der Familie könne sich in aller Ruhe auf das Tier einstellen. „Dass wir im Tierheim das Gefühl haben, die Leute kümmern sich nur um ein Haustier als Weihnachtsgeschenk – das erleben wir eigentlich gar nicht mehr und das ist auch schön“, sagt Agner.

Sofern ein Tier nicht für ein Kind, sondern für jemand anderen sein soll, sollten die Wünsche des Beschenkten nicht außer Acht gelassen werden. „Menschen können sich über ein Kätzchen freuen. Es wird aber oft nicht bedacht, dass das Tier Geld kostet und Pflege sowie Aufmerksamkeit benötigt“, sagt Wagner.

Zwar sei vielen der Umgang mit einem Haustier bewusst, jedoch werden immer wieder Videos in sozialen Netzwerken veröffentlicht, wie unter Freudentränen ein Welpe als Geschenk ausgepackt wird. „Das Tierwohl steht nicht immer an erster Stelle und das ist nicht in Ordnung“, findet die Tierheimleiterin.

Tierheim sieht positiven Trend

Es könne natürlich vorkommen, dass ein Tier von seinem Besitzer schweren Herzens abgegeben werden muss. „Man kann zwar vorsorgen, indem man langfristig plant. Aber es kann immer etwas dazwischenkommen“, sagt Wagner. Wenn man ein Tier abgeben muss, sei dies nichts Verwerfliches. Es könne unterschiedliche Gründe haben.

Trotz allem gibt es auch einen positiven Trend, den das Tierheim Cappel in diesem Jahr festgestellt hat. Aufgrund der Corona-Pandemie konnten Tiere schneller vermittelt werden. „Es ist so, dass sich viele Leute jetzt ein junges Tier holen. Denn man hat wegen der aktuellen Lage mehr Zeit, um sich an das Tier anzupassen. Man kann die Anfangsphase des Tieres gerade besser begleiten“, sagt die Tierheimleiterin.

Vom 20. Dezember bis 3. Januar vergibt das Tierheim keine Termine – das liegt an Corona. Zudem soll ein Zeichen gesetzt werden, dass auch Tierheim-Tiere kein Weihnachtsgeschenk sind.

Von Leonie Rink

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