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Marburg Hausärzte fassungslos: Nur wenige sollen impfen dürfen
Marburg Hausärzte fassungslos: Nur wenige sollen impfen dürfen
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18:58 09.03.2021
Eine Corona-Impfung im Haus Elisabeth in Kirchhain (Archivfoto).
Eine Corona-Impfung im Haus Elisabeth in Kirchhain (Archivfoto). Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Corona-Impfung für alle, wirksame Pandemie-Bekämpfung, weil Hausärzte mitmachen? Das soll in Hessen offenbar nicht passieren. Vielmehr wollen das Land und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) landesweit nur 50 Praxen auswählen, die dann in einem „Pilotprojekt“ in wenigen Impf-Sprechstunden insgesamt 10.000 Dosen AstraZeneca spritzen dürfen.

Auch soll in den Praxen an der in der Verordnung festgelegten Priorisierung, der Impfreihenfolge für bestimmte Personengruppen, festgehalten werden. Das geht aus einem Schreiben der KV hervor, das der OP vorliegt.

Hausärzte sind sprachlos

Hausärzte in Marburg macht diese Entscheidungen fassungslos. „Das kann ich kaum glauben, es geht nicht voran, obwohl es problemlos möglich wäre. Das macht mich einfach nur wütend“, sagte Dr. Ulrike Kretschmann auf OP-Anfrage.

Mit ihren drei Kollegen in der Gemeinschaftspraxis könnte sie nach eigenen Angaben binnen Tagen Hunderte impfen – egal, ob 70- oder 20-Jährige. Jeder, der eine Impfung wolle, könnte sie bei Hausärzten bekommen – und so die Pandemie, auch die Auswirkungen der Mutationen massiv eindämmen. „Wenn nötig, machen wir den ganzen Tag nichts anderes.“

Je zwei Impf-Anlaufstellen

50 Praxen hessenweit würde bedeuten, dass es in jedem der 26 Landkreise und kreisfreien Städte je zwei Impf-Anlaufstellen gibt. Angesichts von insgesamt 10.000 Dosen, würde jede Praxis 200 bekommen. Zur Einordnung: Alleine im Landkreis Marburg-Biedenkopf stehen für die rund 250.000 Bewohner mehr als 120 Hausarzt-Praxen zur Verfügung.

Auch die Marbacher Hausärztin Dr. Barbara Froehlich hat angesichts der Impfstrategie „so einen Hals“. Die Hausärzte weiterhin praktisch auszuklammern, sei ein „katastrophaler Fehler“, sagte sie auf OP-Anfrage. Die niedergelassenen Ärzte würden ihre Patienten kennen, wüssten demnach auch, wer lieber eine Woche früher als später das Vakzin bekommen sollte.

„Alle, die impfen können, sollten jene impfen dürfen, die geimpft werden wollen“

Impf-Zentren wie in Marburg am Messeplatz seien laut Kretschmann zu Beginn zwar noch sinnvoll gewesen. Doch nun, da immer mehr Impfstoff vorhanden sei und bundesweit sogar hunderttausendfach herumliege, müsse es überall zu Massen-Impfungen kommen. „Alle, die impfen können, sollten jene Menschen impfen dürfen, die geimpft werden wollen“, sagte sie.

Land und KV wollen mit dem nun beschlossenen Schritt nach eigenen Angaben schauen, „ob das Prozedere für Praxen umsetz- und zumutbar ist“. Hessen liegt beim Impf-Tempo deutschlandweit schon länger im unteren Drittel, nur 6,3 Prozent der Bewohner haben bis heute die Erst-, lediglich 2,8 Prozent die Zweitimpfung erhalten.

Dr. Gassen fordert, dass Hausärzte eingebunden werden

Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sagt: „Ohne die zügige Einbindung der niedergelassenen Ärzte wird die Impfkampagne schon bald in einem gigantischen Stau nicht verabreichter, aber dringend benötigter Impfdosen stecken bleiben.“

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sprach vor wenigen Tagen davon, dass es ab Ende März wöchentlich zehn Millionen Impfungen geben werde. Beim Land Hessen nimmt man nun erstmal Bewerbungen interessierter Impf-Praxen entgegen.

Von Björn Wisker