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Marburg Gewaltformen auf der Bühne
Marburg Gewaltformen auf der Bühne
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12:05 18.03.2018
„Hass“ erzählt sehr dynamisch in rotzig-aggressivem Ton und heftigen Gewaltausbrüchen vom ­Leben in einer Parallelgesellschaft. Quelle: Niko Neuwirth
Marburg

„Ey nice, Mann“, sagt ein Jugendlicher im Publikum angesichts der dokumentarischen Filmeinspielungen von Krawallen und Prügelattacken zu Beginn von „Hass“, das bei der Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche „Kuss“ im Theater am Schwanhof zu sehen war. Der Spruch könnte auch direkt von Vinz, Said und Hubert kommen, den rotzig-aggressiven Protagonisten, die zu lauter Musik auf der Bühne streiten, tanzen, witzeln.

Die Geschichte folgt dem französischen Film „La Haine“, der von Polizeigewalt und dem Leben in einer Parallelgesellschaft jenseits alles Bürgerlichen erzählt. Und zugleich von drei Typen, die aus dem Film ein Theaterstück machen. Und ebenso­ erzählt er vom tiefsitzenden Rassismus bei denen, die die Rollen für dieses Stück besetzen. Alle Handlungsebenen werden durcheinander gemixt, dazu kommen lange Nonsens-Dialoge und heftige Gewaltausbrüche.

„Nathan der Weise“ für Kinder

Die Sprüche, die die drei wandlungsfähigen Darsteller klopfen, lassen manchen im Publikum sicher zusammenzucken, die Zielgruppe ab 14 aber kennt sie ohnehin, amüsiert sich und bleibt ansonsten anderthalb Stunden lang ganz ruhig. Und weiß spürbar genau, von was die drei da vorne erzählen. Riesenapplaus für die drei coolen Typen.

Sehr verspielt ist dagegen ­„Nathans Kinder“, das sich aber auch an ein etwas jüngeres­ ­Publikum richtet. Es ist eine Neufassung von Lessings berühmtem Drama „Nathan der Weise“ und dreht sich um die zentrale Frage, warum die Religionen nicht harmonisch nebeneinander existieren können. Moslems, Christen und Juden – jeder ist überzeugt, zum einzig wahren Gott zu beten, verachtet und verfolgt die anderen.

Vorurteile wecken Hass, doch beim näheren Kennenlernen­ verliebt sich der christliche Kreuzritter in das jüdische Mädchen. Und aus dieser Liebe­ kommt die Erkenntnis, dass all die Glaubenskriege sinnlos sind.

Das Jerusalem der Vorlage ist einem zeitlosen Umfeld gewichen, die Figuren werden durch Komik fassbarer. Die Kernaussage ist früh klar: Egal welche Religion, wir sind alle Menschen. Wenn es doch in der Realität so einfach wäre, verbohrte „Hater“ zu überzeugen! Die nett erzählte Geschichte bleibt bei allem Hopsen, Springen und Herumalbern ein wenig blass und belehrend.

von Heike Döhn